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Die Idylle trügt nicht:das „Gesunde Kinzigtal“ ist auch international ein Vorzeigemodell für eine „integrierte Versorgung“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 © foto bürgerlandtag

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Gesundheitspolitik 17. Oktober 2016

Primärversorgung: Heile Welt im Schwarzwald

Hausärzte finden immer seltener potenzielle Nachfolger. Eine Aufwertung des niedergelassenen Allgemeinmediziners ist überfällig. Wie das gehen kann, zeigen erfolgreiche Modelle aus Deutschland.

Ausgedehnte Wiesen, Obstbäume, Weiden und Ackerland umrahmt von mittelhohen Bergen – richtig beschaulich wirkt das Kinzigtal. Und die Idylle hier im deutschen Baden-Württemberg trügt nicht. Die Region steht wirtschaftlich auf gesunden Füßen.

Das zeigt, dass es auch Modelle der Gesundheitsversorgung geben kann, die Ärzte, Patienten und Kassen gleichermaßen zufriedenstellen und auch noch Geld sparen.

Mit der Initiative „Gesundes Kinzigtal“, die auch international als Vorzeigemodell für eine „integrierte Versorgung“ gilt, wird vieles möglich, was in Österreich derzeit unmöglich scheint.

Wenige Kilometer entfernt liegt Rottweil am Fuß der Schwäbischen Alb – auch hier setzt man mittlerweile auf eine „hausarztzentrierte Versorgung“. Man weiß offenkundig um die Bedeutung der niedergelassenen Ärzte für eine sichere und kostengünstige medizinische Grundversorgung genau Bescheid.

Schon aus Tradition lassen wir hierzulande zwar ungern Deutschland als Vorbild zu – und doch finden sich gerade in Baden-Württemberg vergleichbare Strukturen zur heimischen Versorgungslandschaft in den Bundesländern, in Niederösterreich zum Beispiel. Resümee: Ein zweiter Blick auf ein Primärversorgungs-System, das den Hausarzt ganz klar stärkt, lohnt sich also, um zu erfahren, wie es sein kann, dass eine hochwertige Versorgung bei gleichzeitigen Einsparungen möglich ist.

Renate Haiden

Auf freiwilliger Basis

In Deutschland hat man erkannt, dass es Sinn macht, die medizinische Grundversorgung über niedergelassene Ärzte anzubieten, und dass es auch Sinn macht, die Patienten so zu steuern. Die Resultate können sich sehen lassen und man ist Österreich definitiv einige Schritte voraus.

Zunächst muss sich einmal der Arzt dieser Versorgungsart auf freiwilliger Basis anschließen – mit der Folge, dass sich sein Aufgabengebiet für bestimmte Patienten ausweitet, er aber ein gesondertes Honorar dafür bezieht. Wenn ein Arzt nun bei diesem Modell mitmacht, haben auch seine Patienten auf freiwilliger Basis die Möglichkeit mitzumachen. Der Patient bindet sich bei freier Wahl seines Hausarztes für eine bestimmte Zeit an seinen Arzt und verpflichtet sich – mit einigen Ausnahmen –, den Einstieg in das System über diesen Arzt zu wählen.

Der Arzt erhält ein kontaktunabhängiges Grundpauschale sowie Pauschalzahlungen plus „Chronikeraufschlag“ plus bestimmte Sonderleistungen als Honorar. Quasi als Nebeneffekt wird die Attraktivität der Ordinationen bzw. des Berufsbildes Allgemeinmediziner gesteigert.

Natürlich gibt es Bereiche, die durch das Hausarztmodell einen Nachteil haben. Das sind im Wesentlichen die Pharmafirmen, denn ein guter Teil der Ersparnis ergibt sich laut Krankenkasse durch eine „rationalere“ Arzneimitteltherapie. Die vermiedenen Krankenhausausgaben tragen ebenfalls in einem ordentlichen Ausmaß zur Ersparnis bei.

Genau bei diesen beiden Positionen wird auch in Österreich viel zu viel Geld ausgegeben, und das auch noch zum medizinischen Nachteil der Patienten. Die Resultate können sich sehen lassen: Rund 35 Millionen Euro werden in Baden-Württemberg gespart, und das bei einer Ausweitung des Honorarvolumens für Hausärzte von rund 30 Prozent. Nachweislich rechnet sich das auch medizinisch.

Fehl- und Unterversorgung konnten abgebaut werden, gerade bei chronischen und Volkskrankheiten konnten messbare Versorgungsverbesserungen erreicht werden.

Ich denke, dass wir in Niederösterreich ein Hausarztmodell dringend brauchen und wir uns hier einiges abschauen können, wenn auch nicht alles eins zu eins übertragbar ist. Durch die duale Finanzierung und den politischen Unwillen im Land wird es allerdings sehr schwer, denn jede strukturbedingte Einsparung für die Kassen führt zu einer Kostensteigerung bei den Landeskliniken – und umgekehrt.

Ein Hausarztmodell, das unter den bestehenden Bedingungen flächendeckend eingeführt wird, würde die Kassenkosten explodieren lassen, jedoch die Gesundheitskosten in Summe senken. Dieser Groteske müssen wir entgegenwirken, am besten mit der Finanzierung aus einer Hand.

Ich bin jedoch überzeugt, dass man auch im Rahmen der bestehenden Gesetzeslage Wege finden kann, so ein Modell umzusetzen. Wenn sich Kasse und Kammer einig wären, könnte man sicher auch das Land von der Sinnhaftigkeit überzeugen.

Dr. Gabriele Von Gimborn, MPH, Ärztin für Ganzheitsmedizin und Allgemeinmedizin, Bad Vöslau, Landtagsabgeordnete in NÖ

Menschenfreundlich und kostengünstig

Das „Gesunde Kinzigtal“ ist eine beachtenswerte medizinische Region, von der man in Niederösterreich nur lernen kann. So wie im kompletten deutschsprachigen Europa macht der strukturelle Ärztemangel auch vor Baden-Württemberg und auch vor dem Kinzigtal nicht halt. Im Unterschied zu Niederösterreich hat man jedoch schon begriffen, dass man gegen diesen Mangel etwas tun muss und auch tun kann.

Im Kinzigtal wurde dazu ein eigenes Förderprogramm für Allgemeinmediziner aufgelegt: Bis zu fünf Jahre strukturierte und zielgerichtete Weiterbildung zum Allgemeinmediziner, Mitwirken in einem patientennahen, international beachteten integrierten Vollversorgungsprojekt, medizinische und unternehmerische Zusatzqualifikationen, ein Mentor aus den Reihen der niedergelassenen Ärzte, Mitarbeit an neuen Präventions- und Versorgungskonzepten, Studienreisen, die Möglichkeit eines Praktikums bei der AOK Baden-Württemberg, eine durchgängige Vergütung auf Klinikniveau und Unterstützung durch die Gemeinden – von der Wohnungssuche bis zur Kinderbetreuung.

Mit jeder einzelnen Maßnahme wird Jungärzten signalisiert, dass sie von unschätzbarem Wert für die Gesellschaft sind und dass sie eine berufliche Perspektive haben, die man in eine adäquate Lebensplanung integrieren kann.

Klar wird in diesem System auch, dass es menschenfreundlicher wie auch kostengünstiger ist, „Hochkostenpatienten“ mit Vernunft durch das System zu führen, anstatt den Behandlungsweg dem Zufall zu überlassen. Unter dem Motto „Gut beraten“ läuft ein individuell gestaltbares Beratungs- und Unterstützungsprogramm für Menschen, die sich in einer überfordernden gesundheitlichen Situation befinden. Dieses Programm optimiert das Schnittstellenmanagement.

Das Hausarztmodell stellt eine zeitgemäße und dennoch einfach gehaltene Form eines Steuerungsmodells für ambulante medizinische Leistungen dar. Das Gesunde Kinzigtal geht in Bezug auf Steuerung noch viel weiter und sieht sich selbst als Entwicklungslabor für Vergütungselemente im deutschen Gesundheitssystem.

Hierbei versucht man die Frage zu klären, wie man eine Leistungsreduktion erreicht bzw. eine unnötige Leistungsvermehrung verhindert und gleichzeitig den Patientennutzen, den gesellschaftlichen Nutzen und den wirtschaftlichen Nutzen der Leistungserbringer erhält bzw. sogar erhöht. Eine gezielte Investition in die Gesundheit und die optimale Krankenbehandlung führt so am Ende zu einer Kostenreduktion für die Krankenkassen. Um das auf diese Weise konsequent durchzuziehen, bedarf es zwingend einer finanziellen Gesamtverantwortung.

Wir in Niederösterreich können daher auch vom „Gesunden Kinzigtal“ viel lernen, wobei es eine Utopie darstellt, dieses Modell eins zu eins bei uns zu implementieren. Dazu fehlen derzeit die Voraussetzungen wie etwa die Finanzierung aus einer Hand.

MR Dr. Herbert Machacek, Praktischer Arzt in Perchtoldsdorf und Abgeordneter zum Niederösterreichischen Landtag (FRANK)

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 42/2016

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