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Standpunkte 29. August 2016

Alternativen zum Shooterlativ

Gewaltfantasien. Anschläge und Amokläufe verlangen nach einer Antwort. Aber welche ist die adäquate. Was sagen eigentlich die Jugendpsychiater? Ein Verbot von Shooter- oder Gewaltspielen scheint ein guter Ansatz zu sein.

Ali David S. soll unmittelbar vor seinem Amoklauf in München, der sich in diesem Sommer in eine ganze Reihe von politisch, religiös oder persönlich motivierten Gewaltakten einfügte, ein „Ego-Shooter“ Game gespielt haben.

Vor dem Eindruck zunehmender gesellschaftlicher Aggression und Gewaltanwendung und unter dem Druck der öffentlichen Empörung hatte der deutsche Innenminister Thomas de Maizière als Reaktion auf den Amoklauf gefragt, ob „gewaltverherrlichende Spiele am PC oder Handy eine schädliche Wirkung gerade auf die Entwicklung junger Menschen“ hätten und somit mitverantwortlich gemacht werden können. Gute Frage. Wenn auch nicht neu.

Ob es einen direkten Zusammenhang zwischen der Zeit, die man mit Gewaltspielen verbringt, und der Bereitschaft, auch im realen Leben gewalttätig zu werden, gehen die Meinungen der Experten auseinander. Folgender Grundkonsens lässt sich festmachen: Shooter-Spiele sind nicht die Ursache von Gewalt- und Mordfantasien der Täter, können solche aber verstärken und so – unter bestimmten Umständen – zur Initialzündung werden.

Ein von Verbot solcher Spiele ist kein Thema. Es gäbe noch „keinen wissenschaftlich abgesicherten Nachweis über die Schädlichkeit von Computerspielen“, hieß es aus dem Familienministerium, sondern „nur Untersuchungen über Kurzzeiteffekte“, die meist methodisch zweifelhaft seien. Manche Soziologen halten die aktuelle Verbotsdiskussion von Gewaltspielen ohnehin für ein Ablenkungsmanöver, um von den Ursachen von Gewaltbereitschaft, Extremismus und Terrorismus abzulenken: Armut, Ausgrenzung, soziale Ungleichheit und Ausbeutung oder Chancen- bzw. Perspektivenlosigkeit.

Volkmar Weilguni

Verbote können die Öffentlichkeit sensibilisieren

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Effekten von Killerspielen sind nicht eindeutig. Gesichert sind lediglich die „High-Energy-Rezeption“ von Ego-Shooter und Co. auf emotional instabile Jugendliche sowie die erhöhte Korrelation zwischen exzessivem Konsum und Neigung zu aggressiven Strategien in Konfliktsituationen. In der noch am Anfang stehenden Forschung zeichnen sich zwei Theorien ab: Nach der Aggressions-Abfuhr-These komme Computerspielen ein katarrhalischer Effekt zu, das heißt, virtuelles Ausleben der Aggressionen führe zu einer Reduktion des Frustrationsstaus. Hingegen vermutet die Nachahmungshypothese, dass durch das „Lernen am virtuellen Modell“ aggressives Verhalten leichter in die Realität übertragen wird.

Aus psychiatrischer Sicht scheint aber ein anderer Effekt von größerer Bedeutung: Aggressive Computerspiele beinhalten einen „Entmenschlichungseffekt“. Es werden ja keine Lebewesen aus Fleisch und Blut und keine Personen mit trauernden Hinterbliebenen getötet, sondern virtuelle Gebilde. Empathie als maßgebliche Voraussetzung gegen Aggressionen ist nicht erforderlich, sondern geht möglicherweise verloren.

Ein kleiner Prozentsatz der Intensiv-User aggressiver PC-Spiele entwickelt ein süchtiges Verhalten. Schätzungen gehen von drei bis fünf Prozent aus. Bei dieser problematischen Gruppe, aus der sich potenzielle Amoktäter am ehesten rekrutieren, geht die Virtual-Reality-Grenze leicht verloren. Wenn dazu andere psychische Probleme wie Selbstwertzweifel, Gekränktheit oder Kontaktprobleme kommen, ist tatsächlich von erhöhter Gefährdung auszugehen. Mit Verboten kann man weder die Spielsucht heilen noch Amokläufe, welche immer viele Ursachen haben, verhindern. Durch ein Verbot der Extremvarianten aggressiver Spiele – und nur um die geht es – könnte die Öffentlichkeit und vor allem die Elternschaft aber sensibilisiert werden.

Es wird ja ständig beklagt, dass Kinder und Jugendliche in einer eigenen Welt leben und die Erzieher gar nicht wissen, was diese im Internet treiben. Ähnlich wie beim Verbot der Internet-Kinderpornografie oder NS-Propaganda wäre aber zumindest ein sekundär-präventiver Affekt zu erzielen.

Prof. Dr. Reinhard Haller, Psychiater und Psychotherapeut, Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene

Ein Verbot ist nur mit Begleitmaßnahmen sinnvoll

Mit den aktuellen Gewalttaten der jüngsten Vergangenheit sind die Bedeutung von sogenannten „Killer-Spielen“ und die Frage der Sinnhaftigkeit ihres Verbotes wieder einmal ins öffentliche Interesse gerückt. In den vergangenen 25 Jahren haben sich mehr als 200 wissenschaftliche Studien mit der Frage beschäftigt, welche Auswirkungen Gewaltspiele auf die Persönlichkeitsentwicklung der Spieler haben. Auch bei Berücksichtigung unterschiedlicher Ergebnisse ergibt sich ein übereinstimmender Befund, dass exzessives Killer-Spielen zu einer verminderten Empathiefähigkeit und zu einer Erhöhung der Aggressionsbereitschaft führt. Es ist bekannt, dass sich viele der Amoktäter der vergangenen Jahre im Vorfeld ihrer Tat intensiv Killer-Spielen hingegeben haben. Daraus darf jedoch keinesfalls der Rückschluss gezogen werden, dass Gewaltspiele automatisch zu Amoktaten führen.

Ein Verbot von Killerspielen, die den Spieler in die virtuelle Welt von Gewalt, Brutalität und Töten eintauchen lassen und bei intensiver Beschäftigung zu einem Verschwimmen der Grenze zwischen Fantasie und Realität führen können, ist aus psychiatrischer, im Speziellen aus kinder-und jugendpsychiatrischer Sicht zu befürworten.

Diese Spiele schaden der Persönlichkeitsentwicklung Heranwachsender, können vorbestehende psychische Erkrankungen verstärken und zu (weiterer) sozialer Isolation führen. Es muss aber darauf hingewiesen werden, dass ein Verbot dieser Spiele Gewalttaten, die immer das Ergebnis einer komplexen, individuellen und nicht monokausal erklärbaren Vorgeschichte sind, nicht verhindern kann.

Umso mehr ist es daher notwendig, die Sensibilität in den Familien und im Freundeskreis für gefährdete Jugendliche zu stärken. Institutionen wie Schule, Jugendamt sowie Gesundheitseinrichtungen müssen über psychosoziale Kompetenzen verfügen, um geeignete Hilfestellungen leisten zu können.

Darüber hinaus ist angesichts des rasant fortschreitenden technischen Wandels, der globalen Konkurrenz um Arbeitsplätze und der Erosion traditioneller Werte eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Aufrechterhaltung des Zusammenhalts in der Gesellschaft notwendig.

DDr. Gabriele Wörgötter, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, gerichtlich beeidete u. zertifizierte Sachverständige

Eltern sollten auch auf die Zeit achten

Terroranschläge und Amokläufe beängstigen und irritieren ihrem Grunde nach, zum einen wegen ihrer außergewöhnlichen Brutalität, zum anderen aber auch wegen ihrer Unvorhersagbarkeit. Diese Ereignisse verstören und beschäftigen die Menschen mehr als es Bedrohungen tun, die zahlenmäßig viel häufiger vorkommen, zum Beispiel im Straßenverkehr sterben. Die meisten Menschen haben auch größere Angst ermordet zu werden als vor dem 35-mal häufigeren Selbstmord.

Der Zugang zu Computerspielen mit gewalttätigen Inhalten, die nicht für Kinder und Jugendliche geeignet sind, ist in Österreich befriedigend geregelt. Die Herausforderung stellt sich im familiären Kontext, wo Jugendliche über ältere Geschwister, Freunde oder selten die Eltern Zugang zu Medien erhalten, die für ihr Alter nicht entsprechend sind. Hier ist es wichtig, die Eltern aufzuklären und zu bestärken, klare Erziehungsregeln ihren Kindern gegenüber zu kommunizieren.

In der täglichen Praxis des Kinder- und Jugendpsychiaters stellen sich aber nicht nur die Inhalte der konsumierten Computerspiele und Internetinhalte als ein Problem dar, die oft noch viel größere Problematik liegt im zeitlichen Ausmaß.

Wenn Kinder und Jugendliche sich nur noch mit ihrem Computer beschäftigen, sich ihre sozialen Kontakte auf solche im Internet beschränken, sie ihre schulische Ausbildung nicht mehr wahrnehmen und sich ihr Schlafrhythmus verändert, ist oft die Grenze zur Computerspielsucht überschritten und damit eine klare Indikation zur Abklärung durch den Kinder- und Jugendpsychiater gegeben.

Jugendliche mit einer psychiatrischen Grundproblematik, einer Außenseiterstellung in der Gruppe der Gleichaltrigen oder einer sozialen Ausgrenzung in der Gesellschaft neigen zu massivem Computerspielkonsum und der Beschäftigung mit Internetinhalten, die zu Gewalt und Radikalisierung aufrufen.

Deshalb ist es uns im Ambulatorium für Kinder- und Jugendpsychiatrie und in den Wohngemeinschaften von SOS-Kinderdorf so wichtig, präventive Angebote für diese Hochrisikogruppen anzubieten und laufend weiterzuentwickeln, damit sie nicht in eine Radikalisierung abgleiten.

Dr. Christian Kienbacher, Leiter des Ambulatoriums für Kinder- und Jugendpsychiatrie, SOS-Kinderdorf Wien

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