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© ÄK für Wien/Stefan Seelig

Dr. Paul Prem Ärztlicher Leiter des Ärztefunkdienstes der Ärztekammer für Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Mag. Ingrid Reischl Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Dr. Joachim Renner Arzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Unfallchirurgie, Notarzt

 
Standpunkte 17. Oktober 2014

Notärzte gegen Kassen

Der Wiener Ärztefunkdienst findet immer weniger Ärzte für Nacht-, Feiertags- und Wochenendeinsätze. Die Kammer fordert daher eine drastische Erhöhung der Stundenhonorare.

Der Wiener Ärztefunkdienst ist unter der Telefonnummer 141 in den Nachtstunden von 19.00 bis 7.00 Uhr, an Wochenenden von Freitag 19.00 bis Montag 7.00 Uhr sowie an Feiertagen ganztägig besetzt. Die Ärzte im Dienst stehen in diesen Randzeiten für dringende ärztliche Hilfeleistungen zur Verfügung und stellen damit die medizinische Versorgung rund um die Uhr sicher. Derzeit sind 140 Allgemeinmediziner für den Ärztefunkdienst, der im Vorjahr 63.899 Visiten verzeichnete, tätig. 2005 waren es noch rund 170 Ärzte. Es gäbe zwar grundsätzlich ausreichendes Interesse seitens der niedergelassenen Ärzte an einem Engagement, heißt es aufseiten der Ärztevertretung, allerdings würde mehr als die Hälfte der Interessenten von den unverhältnismäßig geringen Tarifen, die von der Gebietskrankenkasse dafür bezahlt werden, abgeschreckt, bevor sie überhaupt beginnen. Das aktuelle Honorar für einen Zwölfstundendienst beim Ärztefunkdienst beträgt 464,19 Euro, was einem Stundenlohn von 38,68 Euro entspricht. Das steht in keiner Relation zu dem, was normalerweise für Notdienste in der Nacht und an Wochenenden, beispielsweise für Installateure oder Schlüsseldienste, zu bezahlen ist, meint die Ärztekammer und fordert deshalb eine Anhebung des Ärztefunkdienst-Stundenlohns auf künftig hundert Euro. Damit würde ein Dienst mit 1.200 Euro honoriert. Eine bessere finanzielle Ausstattung des Ärztefunkdienstes würde auf lange Sicht allerdings sogar helfen, Kosten im Wiener Gesundheitswesen zu sparen, argumentiert die Ärztekammer, weil sich dadurch viele nicht notwendige Spitalsambulanzbesuche vermeiden ließen.

Der Routinebetrieb ist gefährdet

„Ein Stundenlohn von 38,68 Euro stellt einen zu geringen Anreiz dar, Einsätze zu übernehmen.“

Dr. Paul Prem Ärztlicher Leiter des Ärztefunkdienstes der Ärztekammer für Wien

Der Wiener Ärztefunkdienst hat sich seit Jahren als wichtige Versorgungseinrichtung für Patienten in den Nachtstunden und an Wochenenden bewährt. Doch aufgrund der schlechten Rahmenbedingungen melden sich immer weniger Ärzte für die Dienste. Die Folge: Der Routinebetrieb ist akut gefährdet.

Dabei ist das Interesse innerhalb der Kollegenschaft nach wie vor sehr hoch: Laufend kommen Bewerbungen herein. Etwa 60 Prozent aller Bewerber beginnen dann aber erst gar nicht mit der Tätigkeit, nachdem Sie die Rahmenbedingungen kennengelernt haben.

Das ärztliche Honorar beträgt derzeit für einen Zwölfstundendienst 464,19 Euro. Das entspricht einem Stundenlohn von 38,68 Euro. Vor allem zu Zeiten, wie rund um Weihnachten und Ostern, stellt dies einen zu geringen Anreiz dar, um Einsätze zu übernehmen. Die Ärztekammer fordert daher eine Anhebung der Honorare auf 100 Euro pro Stunde, denn nur so kann langfristig die Aufrechterhaltung des Routinebetriebs garantiert werden.

Derzeit sind 140 Ärzte für Allgemeinmedizin im Ärztefunkdienst tätig. Im Jahr 2005 waren es noch 170 Kollegen. Die Weiterführung sehr erfolgreicher Projekte abseits der vertraglichen Verpflichtungen, so zum Beispiel mit der Wiener Rettung und dem Kuratorium Wiener Pensionistenwohnhäuser, ist damit gänzlich unmöglich. Dies ist insofern bedauerlich, als diese Projekte – abgesehen von den Erleichterungen für die Patienten – auch erhebliche Einsparungen sowohl für die Wiener Gebietskrankenkasse als auch für die Stadt Wien mit sich gebracht haben – Gelder, die nun wieder zusätzlich aufgebracht werden müssen.

Für die Ärztekammer ist es absolut nicht nachvollziehbar, dass (vordergründige) Einsparungsvorgaben der Krankenkasse hinsichtlich der Ärztehonorare – trotz nun vielfach höherer Kosten im Bereich der Krankentransporte – prolongiert werden. Gleiches gilt für die Stadt Wien, die sich durch die Kooperation des Ärztefunkdienstes mit den Pensionistenwohnhäusern massiv Spitalskosten erspart hat – und das bei einem Budgetanteil beim Ärztefunkdienst von lediglich 16,7 Prozent.

Säbelrasseln – schon fast Tradition

„Den von der Ärztekammer kolportierten Stundensatz können wir nicht nachvollziehen.“

Mag. Ingrid Reischl Obfrau der Wiener Gebietskrankenkasse

Das Säbelrasseln vor den Honorarverhandlungen ist für uns nichts Neues. Es gehört fast schon zur Tradition, dass uns die Ärztekammer vor Verhandlungsbeginn ihre Forderungen ausrichtet. Diesmal stehen eben die Honorare für den Ärztefunkdienst im Fokus. Ein bisschen verwundert sind wir aber schon: Bisher hat es diesbezüglich keine Gespräche mit uns gegeben. Das kann sich bei den bevorstehenden Verhandlungen aber ändern. Eines kann aber bereits jetzt gesagt werden: Die Forderung nach 100 Euro pro Stunde würde fast eine Verdreifachung des Honorars bedeuten – ob es hier eine Zustimmung geben wird, ist fraglich. Zumal die von der Ärztekammer ins Treffen geführten Einsparungen durch den Ärztefunkdienst nur zu einem geringen Prozentsatz der Wiener Gebietskrankenkasse zugutekommen. Was die von der Ärztekammer angesprochenen Kooperationsprojekte (Anm.: u. a. mit der Wiener Rettung oder dem Kuratorium Wiener Pensionistenwohnhäuser) angeht, kommen die dadurch erzielten Einsparungen derzeit vor allem der Stadt Wien zugute. Im Zuge der Gesundheitsreform arbeitet die Wiener Gebietskrankenkasse allerdings bereits gemeinsam mit der Stadt Wien an einer Neuordnung der Versorgungssysteme, zum Beispiel an der Versorgung von Patienten in Pflegeheimen sowie der Regelung der Einsätze von Rettungs- und Krankentransporten.

Generell können wir den von der Ärztekammer kolportierten Stundensatz nicht nachvollziehen. Zusätzlich zu dem Grundhonorar bekommen die Ärztinnen und Ärzte noch ein Honorar für jeden besuchten Patienten. Selbst wenn bei einem Sechsstundendienst nur eine Visite in der Stunde anfällt, ergibt sich daraus bereits ein Satz von etwa 55 Euro pro Stunde. Dazu kommt, dass die geltenden Regelungen vorsehen, dass die Honorare jedes Jahr automatisch wie die Löhne und Gehälter erhöht werden. Zuletzt war das im Jänner 2014 der Fall – mit einem Plus von zwei Prozent.

Unabhängig von der Diskussion über die Tarife möchten wir festhalten, dass laut dem Gesamtvertrag unsere Vertragsärzte zur Teilnahme an Sonn- und Feiertagsdiensten verpflichtet sind.

Vernünftige Relation fehlt

„Nicht vergessen darf man auch die menschliche Komponente.“

Dr. Joachim Renner Arzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Unfallchirurgie, Notarzt

Nicht vergessen darf man auch die menschliche Komponente: Es bedeutet für einen betagten Menschen, der von Angehörigen oder Pflegediensten zu Hause versorgt wird, nicht nur Unannehmlichkeiten, sondern auch eine körperliche Gefährdung, wenn er wegen eines banalen bakteriellen Infektes, einer Lumbalgie oder eines verstopften Harnkatheters (das sind typische Berufungsdiagnosen im Funkdienst, die vom Arzt vor Ort behandelt werden können) mit Rettung oder Sanität in eine Spitalsambulanz transportiert werden muss. Dort wird er nach – zu den Feiertagen – meist längerer Wartezeit in gleicher Art wie von einem Funkdienstarzt zu Hause behandelt, um darauf durch den Sanitätsdienst wieder in seine Wohnung transportiert zu werden. Dass damit durch die Verwendung des Rettungsdienstes und der Ambulanz auch wertvolle Ressourcen vergeudet werden und die Kosten explodieren, ist ein trauriger Nebeneffekt.

Ebenso ist es mir völlig unverständlich, dass der momentane vernünftige Trend zu besserem Versorgungsangebot extramural durch die Gefährdung einer seit mehreren Jahrzehnten gut funktionierenden Organisation konterkariert wird. Manche Probleme und Fragen der Patienten und Angehörigen können ja sogar mit der Beratung durch den Telefonarzt gelöst werden. Um die geplanten Ziele zu erreichen, sollten bewiesen kostensparende Projekte, wie etwa eigene Fahrzeuge für Seniorenresidenzen, ausgebaut werden.

Zum Honorar: Es fehlt doch an einer vernünftigen Relation. Eine Handwerker-Meisterstunde wird – abhängig von der Branche – derzeit in der Normarbeitszeit mit 60 bis 90 Euro plus Mehrwertsteuer abgerechnet. Man muss neben der hohen Verantwortung und langen Ausbildung der Ärzte auch berücksichtigen, dass der Ärztefunkdienst Wien seinen Service als Ersatz des Hausarztes qualitativ hochwertig speziell an Wochenenden, Feiertagen und in der Nacht bietet. Nachdem es bereits in den letzten Jahren nur mit Schwierigkeiten gelungen ist, ausreichend Ärzte für die Feiertags- und Urlaubszeit um den Jahreswechsel zu finden, steht eine adäquate monetäre Anerkennung der Einsatzbereitschaft – nicht nur zu den Feiertagen – dringend an.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 43/2014

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