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© BMWFW/Hans Ringhofer

Dr.Reinhold Mitterlehner
Bundesminister für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft, Vizekanzler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


© ÖH Med Wien/Jakob Zerbes

Lukas Wedrich
2. stellvertretender Vorsitzender der ÖH Med Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


© KAV/Bernhard Noll

Prof. Dr. Udo Janßen
Generaldirektor-Stv. des Wiener Krankenanstaltenverbundes

 
Standpunkte 18. September 2014

Ist das die erstrebte Lösung?

Alle finden das neu in der Ärzteausbildung verankerte Klinisch-Praktische Jahr gut und wichtig. Die einhellige Begeisterung hört allerdings dort auf, wo es um die Frage der Finanzierung geht.

Die Studierendenvertretung der Medizinischen Universität Wien fordert vehement eine finanzielle Entschädigung für das neue Klinisch-Praktische Jahr (KPJ). Die Studierenden sehen nicht ein, warum sie ein Jahr lang in und für Krankenhäuser einen Fulltime-Gratis-Job machen sollten und drängen den verantwortlichen Wissenschaftsminister und Vizekanzler zu einer bundesweit einheitlichen, gesetzlich verpflichtenden Regelung. Dieser kann zwar die Argumente der Jungmediziner nachvollziehen und ihre diesbezüglichen Wünsche verstehen, nur bezahlen will er das nicht. Schließlich handle es sich beim KPJ um einen verpflichtenden Bestandteil des Medizinstudium-Curriculums und es sei nicht Usus in diesem Land, dass der Gesetzgeber, in diesem Fall also konkret das Wissenschaftsministerium, finanzielle Anreize für die Absolvierung eines Studiums gibt. Der Minister sieht vielmehr die Krankenanstaltsträger in der Pflicht und empfiehlt diesen, den finanziellen Aufwand als eine Art Anreizsystem im Wettbewerb um die besten Köpfe zu sehen. Die Krankenanstaltsträger wiederum zeigen zwar grundsätzliches Verständnis für die Anliegen der Studierenden und auch entsprechende Bereitschaft, drängen aber auf einheitliche Qualitätsstandards für ganz Österreich und eine langfristige vertragliche Grundlage zur Planungssicherheit.

Die Verlierer in diesem Ringelspiel sind nur auf den ersten Blick die Studierenden. Wenn diese tatsächlich die von allen Seiten befürchteten Konsequenzen ziehen und sich in Massen ins Ausland verabschieden, dann wird es am Ende noch viele andere Verlierer geben, vor allem die Patienten.

Wettbewerb um die Besten

„Finanzielle Anreize für die Absolvierung eines Studiums wären ein Paradigmenwechsel.“

Dr.Reinhold Mitterlehner Bundesminister für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft, Vizekanzler

Aus Sicht der Studierenden ist der Wunsch nach einer Abgeltung nachvollziehbar und jedenfalls zu unterstützen. Das Klinisch-Praktische Jahr ist eine Weiterentwicklung der bisherigen Famulaturen und daher eine Lehrveranstaltung im Studium. Es wäre ein Paradigmenwechsel, wenn der Gesetzgeber finanzielle Anreize für die Absolvierung eines Studiums geben würde, ungeachtet der sozialen Situation der Studierenden. Österreich hat laut jüngster Gesundheitsstatistik der OECD mit 19,9 Absolventen pro 100.000 Einwohnern die höchste Medizin-Absolventendichte: Trotzdem wird allerorts über einen drohenden Ärztemangel gesprochen und in Befragungen geben rund 42 Prozent der Medizinstudenten an, nach ihrem Studium ins Ausland wechseln zu wollen. Über die tatsächliche Abwanderung kann mangels Studien nur gemutmaßt werden, aber der Trend zeigt: Österreich bildet ausreichend Ärzte aus und mit der Medizinischen Fakultät Linz wurde eine weitere Ausbildungsinstitution geschaffen, um die Zahl weiter zu erhöhen. Aber die Zahl der Absolventen ist nicht relevant, wenn es nicht gelingt, den überwiegenden Teil der Jungmediziner im Land zu halten. Die Krankenanstaltsträger befinden sich, auch wenn es einige noch nicht wahrhaben wollen, bereits mitten im Wettbewerb um die besten Absolventen. Das KPJ sollte daher als Anreiz für die Studierenden gesehen werden. Gerade im ländlichen Bereich werden die Krankenanstaltsträger verstärkt Anreize setzen müssen, um sich im Personalwettstreit gegen Konkurrenten aus der Stadt durchzusetzen. Die Bezahlung des KPJ kann eine Möglichkeit sein, um Jungmediziner gezielt anzusprechen. Im Burgenland, in Vorarlberg und einzelnen Bundesländern in Deutschland wird das bereits gemacht und diese Krankenanstalten sind für die Studierenden natürlich attraktiver als vergleichbare Einrichtungen ohne Bezahlung. Österreich verfügt über eine erstklassige Medizinerausbildung, aber es wird in Zukunft mehr Anstrengungen benötigen, um die Absolventen im heimischen Gesundheitssystem zu halten. Letztendlich geht es bei dieser Frage um einen positiven Wettbewerb der Regionen und die beste medizinische Versorgung der Bevölkerung.

Einfach unmenschlich

„Es ist definitiv die Aufgabe der Gesetzgebung, für eine sozial verträgliche Lösung zu sorgen.“

Lukas Wedrich, 2. stellvertretender Vorsitzender der ÖH Med Wien

Ich halte die Einführung des Klinisch-Praktischen Jahres prinzipiell für eine gute Sache. Nur leider wurde im Vorhinein nicht über eine finanzielle Infrastruktur für die Studierenden nachgedacht. Ein Jahr lang unbezahlt in einem 35-Stunden-Job gefangen zu sein, der aber notwendig zur Vollendung der Ausbildung ist, das ist einfach unmenschlich. Für die meisten Studierenden fallen im sechsten Studienjahr durch die gesenkte Altersgrenze die Familienbeihilfe – und damit einhergehende Vergünstigungen wie beispielsweise das Semesterticket – oder andere Förderungsstipendien weg. Es ist fast unmöglich, nebenher in einem Ausmaß zu arbeiten, das ausreicht, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Laut einer aktuellen Umfrage der MedUni Wien gaben zwölf Prozent der Studierenden an, einen Kredit aufnehmen zu müssen, um das Studium in Mindeststudienzeit absolvieren zu können. Jeder vierte Studierende geht für das letzte Studienjahr ins Ausland, da dort die Bedingungen um ein Vielfaches besser sind. Die Vergangenheit zeigt, dass ein Großteil der Personen, die einmal im Ausland sind, auch nicht mehr zurückkommt. Weiters ist das Klinisch-Praktische Jahr kein offizielles Angestelltenverhältnis, was bedeutet, dass die Studierenden weder durch die Krankenanstalt versichert noch arbeitsrechtlich abgesichert sind.

Ich persönlich denke, dass diese Situation auf keinen Fall sozial vertretbar ist. Herr Bundesminister Mitterlehner hat zwar davon gesprochen, dass er die Krankenhausträger in der Verantwortung sieht, und diese dazu aufgefordert hat, sich um eine Aufwandsentschädigung für die Studierenden zu kümmern, die Krankenhausträger sind da derzeit jedoch anderer Meinung. Diese finden nämlich, dass es die Pflicht der Universitäten wäre, ihre Studierenden finanziell zu entlohnen.

Solange vonseiten der Krankenhausträger kein entsprechendes Signal kommt, ist es aus Sicht der Österreichischen Hochschülerschaft definitiv die Aufgabe der Gesetzgebung, hier für eine sozial verträgliche Lösung für die Studierenden zu sorgen.

Einheitliches Ausbildungsniveau ist das Um und Auf

„Praktikumsentschädigung ist vorstellbar, bedarf aber einer gemeinsamen Lösung.“

Prof. Dr. Udo Janßen, Generaldirektor-Stv. des Wiener Krankenanstaltenverbundes

Am 4. August haben 76 Studierende zum ersten Mal mit dem Klinisch-Praktischen Jahr in den Häusern des Wiener Krankenanstaltenverbundes (KAV) begonnen. Das ist nicht nur für die Studierenden eine Premiere, sondern auch für den KAV. Voraussetzung für den Start des Klinisch-Praktischen Jahres waren Verhandlungen der Spitalsträger Wiener Krankenanstaltenverbund, Kärntner KABEG, Barmherzige Brüder, Vinzenz Gruppe sowie der Wiener Gebietskrankenkasse mit der Medizinischen Universität Wien, in denen man sich auf einen befristeten Ein-Jahres-Vertrag einigen konnte. Bedingung für diese Übergangslösung sind aber weitere Verhandlungen mit der MedUni über eine langfristige Regelung. In den Folgegesprächen, die im Herbst stattfinden werden, wird es neben einer Evaluierung der erster Erfahrungen und den sich daraus ergebenden Verbesserungspotenzialen auch um die Klärung finanzieller Fragen gehen. Wünschenswert sind einheitliche, hohe Qualitätsstandards für ganz Österreich – idealerweise für ganz Europa – und damit verbunden auch ein einheitlicher Vertrag für alle Medizinstudenten anstatt vieler unterschiedlicher Regelungen.

Klar ist jedoch, dass der KAV und, natürlich auch, andere Krankenhausträger, eine langfristige vertragliche Grundlage brauchen und die Kosten, welche für den personellen und infrastrukturellen Aufwand im Klinisch-Praktischen Jahr entstehen, nicht dauerhaft als Vorleistung tragen können. Unabhängig von dieser Fragestellung ist für den Wiener Krankenanstaltenverbund eine Praktikumsentschädigung für Studierende im Klinisch-Praktischen Jahr, wie von den Studentenvertretern gefordert, grundsätzlich vorstellbar. Aber auch hier geht es nicht darum, Insellösungen zu forcieren, sondern gemeinsame Lösungen mit den anderen Trägern zu finden. Deshalb ist es unabdinglich, Gespräche auf dieser Ebene zu führen und die Umsetzbarkeit gemeinsam zu prüfen, um den Studierenden ein möglichst hohes einheitliches Ausbildungsniveau und eine etwaige gleichartige Praktikumsentschädigung anbieten zu können.

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 38/2014

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