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Prof. Dr. Maria Sibilia Leiterin des Instituts für Krebsforschung, MedUni Wien, Koordinationsgremiums des Comprehensive Cancer Centers
 
Standpunkte 26. November 2012

Strengere Tierversuchsgesetze verzögern oder verhindern wichtige Erkenntnisse

Die Medizinische Universität Wien und die zur Uni gehörenden Einheiten Comprehensive Cancer Center und Institut für Krebsforschung sind sich bewusst, dass die Zulässigkeit von Tierversuchen einer eingehenden Abwägung von Nutzen und Risiken bedarf. Diese erfolgt aufgrund des sogenannten 3-R-Prinzips (Reduction, Refinement und Replacement). Das bedeutet, dass sich jeder Forscher bereits im Zuge der Konzeptentwicklung mit der Frage, ob Tierversuche für sein Projekt wirklich notwendig sind, beschäftigt. Der nächste Schritt ist die Prüfung der Ethikkommission zur Beratung und Begutachtung von Studien am Tier, die alle Tierversuchsanträge auf wissenschaftliche und ethische Kriterien prüft. Dies stellt sicher, dass kein Versuch am Tier vorgenommen wird, der nicht auch in einer Zellkultur reproduziert werden hätte können.

Dank der Tierexperimente gibt es heute eine Vielzahl an Krebsmedikamenten und -therapien, ein tiefer- gehendes Verständnis des Krebsentstehens und -wachstums und eine nicht unermessliche Zahl von Verfahren, die sich auf dem Weg zur klinischen Umsetzung und Anwendung befinden. Trotz großer Fortschritte der Forschung in der Petrischale, ist es bis heute nicht möglich, das komplexe Zusammenspiel der Tumorzellen mit den benachbarten Zellen des Immun- und Blutgefäßsystems und Stroma innerhalb des Organismus im Reagenzglas zu simulieren.

Während Tierversuche in der medizinischen Forschung weitgehend akzeptiert werden, sind die Vorbehalte dagegen in der Grundlagenforschung weiter verbreitet. Ein strengeres Tierversuchsgesetz, das Verfahren einschränkt oder sogar verbietet und darüber hinaus weitere bürokratische Hürden einbaut, hätte zur Folge, dass wichtige Erkenntnisse verzögert oder gar nicht gewonnen werden. Ein gutes Beispiel ist die Entdeckung des EGFR Signalweges (Epidermal Growth Factor Receptor), die unter den vorgeschlagenen strengeren Bedingungen wohl ausgeblieben wäre. Der epidermale Wachstumsfaktor wurde 1962 entdeckt, seine Bedeutung für die Medizin aber erst in den nachfolgenden Dekaden erkannt. Der EGF-Rezeptor wird in verschiedenen Tumorarten hochreguliert und/oder in mutierter Form vorgefunden, was dazu führt, dass die Tumorzellen unkontrolliert wachsen und sich vermehren. In Folge kann es zu einer verstärkten Metastasenbildung und verringerter Sensitivität gegenüber einer Chemo- und Radiotherapie kommen. 50 Jahre später zielen neuartige Krebstherapien darauf ab, dieses onkogene Signal vom EGFR zu blockieren und somit das Tumorwachstum zu unterbinden.

Deshalb darf die Genehmigung von Tierversuchen niemals alleine von einem konkreten, bereits ersichtlichen „Nutzen für Mensch und Tier“ abhängen, sondern muss ebenso einem reinen Erkenntnisgewinn dienen dürfen, wenn die wissenschaftliche Fragestellung die Durchführung des Tierversuchs rechtfertigt. Denn nur Zusammenhänge, die heute erforscht werden, können künftig zu einem besseren Medikament oder einer erfolgreicheren Therapie beitragen.

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