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Doz. Dr. Maximilian Ledochowski Leiter der Abteilung für Ernährungsmedizin der Universitätskliniken Innsbruck
 
Standpunkte 24. Oktober 2012

Lärm als Krankmacher

Kinder beginnen später zu sprechen und haben damit eine gestörte Intelligenzentwicklung. Alte Menschen werden früher und länger pflegebedürftig. Krankheiten wie Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall und sogar Krebs nehmen zu. In Deutschland haben 25 Prozent der Stellungspflichtigen messbare Hörschäden. In Osttirol werden nach einem Zeltfest 19 (!) Jugendliche wegen eines Lärmtraumas in die Klinik eingewiesen. Die Medikamentenkosten für Psychopharmaka steigen proportional zur Lärmexposition. Soziale Konflikte steigen. In Österreich wurden in den vergangenen Jahren mindestens fünf Mordanschläge verübt, die auf lärmbedingte Konflikte zurückzuführen waren, drei davon in Tirol und Vorarlberg. Für die meisten genannten Schäden existieren ausreichend Studien, weshalb die EU entsprechende Empfehlungen zur Lärmreduzierung erstellt hat. Dennoch wird Reizüberflutung – insbesondere aber Lärm – in Österreich noch immer als Kavaliersdelikt und nicht als gesundheitlicher Risikofaktor gesehen. Die Politik setzt so gut wie keine Handlungen und glaubt immer noch, dass Wohlstand und Wohlbefinden das Gleiche bedeuten. Die Republik wurde anscheinend schon verurteilt, weil sie die EU-Umgebungslärmrichtlinien von 2002 noch immer nicht umgesetzt hat.

In den USA hat man in Guantanamo Beschallung als Foltermethode eingesetzt. Im alten Karthago gab es die Todesstrafe „necare vigilandi causa“ (Tod durch Wachhalten). In Österreich aber werden nach wie vor Tausende Angestellte 40 Stunden pro Woche in Geschäften beschallt. Baulärm macht vor Wohngebieten und vor nächtlicher Ruhe nicht halt. Veranstaltungen werden mit Auflagen genehmigt, die niemand kontrolliert. Verkehrslärm wird nur halbherzig bekämpft. Und wir Ärzte müssen Menschen, die eigentlich nicht krank wären, wenn sie in einer „artgerechten“ Umwelt leben könnten, Medikamente verschreiben. Nimmt man die offiziellen EU-Daten, so entsteht durch Lärm ein Schaden von etwa zwei Prozent des BIP. Es wäre also allein aus wirtschaftlichen Gründen ein enormes Einsparungspotenzial gegeben.

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