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Quelle: Privat
Dr. Eva Mückstein Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie
 
Standpunkte 13. Juni 2012

400.000 Behandlungswillige

Jeder Vierte leidet zumindest einmal im Leben an einer psychischen Erkrankung. Abgesehen vom Leiden verursachen psychische Erkrankungen immer mehr Arbeitsausfälle und soziale Folgewirkungen.

Seit 20 Jahren hat in Österreich jeder Versicherte das gesetzlich verbriefte Recht auf kassenfinanzierte psychotherapeutische Behandlung. Die Kassen allerdings weigern sich bis heute, diesen gesetzlichen Auftrag zu vollziehen. Stattdessen führten die Kassen Kontingente für „Psychotherapie auf Krankenschein“ ein. Diese Modelle waren ursprünglich für sozial Bedürftige gedacht und sollten die Zeit bis zur Gesamtversorgung überbrücken. Sie wurden aber zu Dauerprovisorien mit großen Nachteilen für die Patienten. Die Kontingente für die kassenfinanzierte Psychotherapie sind allerorts viel zu klein, der Behandlungszuschuss von nur 21,80 Euro pro Behandlungseinheit bei Tarifen von durchschnittlich 80 bis 90 Euro zwingt die Betroffenen zu exorbitanten Selbstbehalten. Der Zuschuss wurde außerdem – ein österreichisches Kuriosum – seit dem Jahr 1992 von den Kassen nicht mehr erhöht oder wertangepasst. Unter diesen Zuständen wundert es nicht, dass in Österreich nur 65.000 Personen in Psychotherapie sind. Die Folgen sind Versorgungsengpässe, krasse Ungleichbehandlung der Sozialversicherten, lange Wartezeiten und letztlich Nicht-Behandlung und Chronifizierung.

Dabei stellen österreichische und internationale Studien der Psychotherapie ein hervorragendes Zeugnis aus: 95 Prozent der Patienten sprechen demnach auf psychotherapeutische Behandlung „sehr gut“ oder „gut“ an. Ein investierter Euro in die Psychotherapie bringt der Volkswirtschaft rund vier Euro zurück. Das Schweizer Gesundheitsobservatorium berechnet beispielsweise, dass eine Stunde Operationsvorbereitung durch einen Psychotherapeuten eine Einsparung zwischen 885 und 1.128 Schweizer Franken durch Verkürzung der Spitalsaufenthaltsdauer und Vermeidung von Komplikationen bringt. Die Einführung der kassenfinanzierten Psychotherapie ist also dringend gefordert!

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