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Foto: MedUni Graz
Prof. Dr. Daniel Scheidegger Vorsteher Department Anästhesie und operative Intensivmedizin, Universitätsspital Basel
 
Standpunkte 30. Mai 2012

Was die Medizin von der Luftfahrt lernen kann

Auch in der Luftfahrt wurde lange geglaubt, dass eine absolute Sicherheit durch den vermehrten Einsatz von technischen Hilfsmitteln erreicht werden kann. Mit jedem Bericht, der mit der Aussage – „Pilotenfehler“ – endete, haben sich diese Bemühungen weiter bestärkt. Dabei wurde zu wenig berücksichtigt, wie Menschen in Stresssituationen mit den vielen vorhandenen High-Tech-Geräten interagieren. Aus der Luftfahrt kennen wir das Problem: So gab es etwa in der Concorde 40 unterschiedliche akustische Warnsignale, allein drei Piloten waren notwendig, um das technisch anspruchsvolle Cockpit im Griff zu haben. Viele der Alarmtöne hörte die Crew im Ernstfall zum ersten Mal und musste erst „nachlesen“, was zu tun war. Eine Situation, die in einem medizinischen Notfall nicht denkbar wäre. Und doch gibt es in der Luftfahrt zwischen Null und 22 Tote pro Jahr. Ein Vergleich mit der Medizin mag hinken – da hier per se Kranke behandelt werden. Doch gehen wir von den „Gesunden“ aus, wie etwa schwangere Frauen die „nur“ zu einer Geburt ins Krankenhaus kommen und es gäbe eine ähnliche Frequenz wie im Flugverkehr, so läge die Medizin im Vergleich bei 4.200 Toten pro Jahr. Daraus müssen wir schließen, dass in puncto Sicherheit noch einiges an Aufholbedarf möglich ist, um an das Niveau der Luftfahrt heranzukommen. So gibt es etwa bei Piloten in regelmäßigen Abständen verpflichtende Simulationstrainings. Auch in der Medizin stehen vergleichbar Angebote zur Verfügung, sie werden selten genutzt und schon gar nicht im Team. Piloten machen nicht nur regelmäßiges skills training, sie akzeptieren fixen Arbeitszeiten und arbeiten nicht, wenn sie „unfit to fly“ sind, sie verwenden Checklisten und sie sind es gewöhnt, im Team zu agieren. Im Cockpit ist während des Startens und dem Landens ausschließlich „arbeitsbezogene“ Konversation erlaubt. Und im OP? Manche Kollegen kennt man kaum beim Namen, neben Handy, Pager und Privatgesprächen laufen Radio und werden Urlaubspläne diskutiert ...

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