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Dr. Christoph Fischer Vizepräsident der Tiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin
 
Standpunkte 16. Mai 2012

Screening weckt Erwartungen

Seit 20 Jahren schicken wir alle unsere Patienten zu einem befreundeten Radiologen. Nach der letzten Mammografie will meine Frau nicht mehr zu ihm. Es sei Leichtsinn, erst nach 18 Monaten wiederzukommen und die Tochter könne sie das nächste Mal gleich mitbringen. Der Plan, eine Patienteninformation zum PSA-Screening herauszugeben, hat zu einer Zerreißprobe in der Tiroler Fachgesellschaft für Allgemeinmedizin geführt: „Das versteht ja doch kein Patient und ist nur Wasser auf die Mühlen der Krankenkassen, um die Vorsorgeuntersuchung abzuschaffen“ – so oder so ähnlich lauten die berechtigten Sorgen der Kollegen und Kolleginnen im Vorstand.

Zugegeben, Mammografie und PSA-Screening stehen wissenschaftlich auf wackeligen Beinen. Die Datenlage ist für beide Untersuchungen unzureichend. PSA-Screenings verringern nur bei einem von 1.400 Männern die Prostatakrebssterblichkeit, 580 von ihnen müssen eine Stanzbiopsie in Kauf nehmen und die Gesamtsterblichkeit ist bisher in allen Studien gleich wie ohne Screening. Aber zwei Drittel der Erkrankungen sind kardiovaskuläre und dafür ist die Vorsorgeuntersuchung ideal.

Es ist Unsinn, den Nutzen der Vorsorgeuntersuchung pauschal zu messen, jedes einzelne Fahndungsziel muss kritisch bewertet werden. Das Handbuch des Hauptverbandes „Vorsorgeuntersuchung neu: Wissenschaftliche Grundlagen“ hat dies 2005 vorbildlich getan, ist jedoch in der Kollegenschaft weitgehend unbekannt. Aber auch zukünftige Ärztegenerationen sind mit dem Screening nicht besser vertraut. Nach wie vor wird an den Universitäten praktisch nur die kurative Medizin gelehrt. An der Medizinuniversität Innsbruck gab es bis letztes Jahr gerade einmal vier Vorlesungsstunden im dritten und vierten Semester über die Vorsorgeuntersuchung. 2011/2012 wurde dieses Thema zugunsten einer zusätzlichen Doppelstunde über die Schilddrüse auf zwei Stunden gekürzt.

Solange die Allgemeinmedizin nicht an den staatlichen Universitäten in Form von vollwertigen Instituten verankert ist, wird weiterhin am Bedarf vorbeigelehrt werden.

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