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Foto: S.Reich, Profil
Prof. Dr. Michael Freissmuth Vorstand des Instituts für Pharmakologie, Medizinische Universität Wien
 
Standpunkte 24. April 2012

Keine Evidenz

Obwohl die Homöopathie schon seit knapp 200 Jahren im Einsatz ist, gibt es bis heute keinen Hinweis darauf, dass sie tatsächlich wirkt. In einer Reihe von Studien wurde der Versuch unternommen, den Nachweis der Wirkung zu erbringen, und bisher konnten keine Effekte nachgewiesen werden. Damit ist die Diskussion aus meiner Sicht eigentlich zu Ende. Das oft vorgebrachte Argument, dass Studien aufgrund des hohen Individualisierungsgrades der Therapie nicht möglich sind, kann ich nicht gelten lassen. Ein Studiendesign ist natürlich möglich: Wir können ein Placebo gegen eine fixierte Therapie ebenso untersuchen wie ein Placebo gegen eine individualisierte Therapie. Und hier sind bisher alle Studien zum Ergebnis gekommen, dass das Placebo genauso gut ist wie das homöopathische Mittel. Nach dem Prinzip der Fairness müssen wir die Frage stellen, nach welchem Prinzip für eine Therapie ein Preis verlangt werden darf. Hier sind zwei Komponenten zu berücksichtigen: einerseits der Preis für die ärztliche Zuwendung, den Placebo-Effekt und das Einbringen des Wissens über Heilkunst – und andererseits der Preis für das Arzneimittel, dazu muss es aber auch den Nachweis geben, dass dieses eingesetzte Arzneimittel auch wirkt. Wir dürfen bei der Diskussion nicht vergessen, dass im Gesundheitswesen enorm hohe Summen bewegt werden, und zwar nicht so sehr in Diagnose, Therapie oder Forschung, sondern auch, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Allein die Teilung der Medizin in Schul- und Alternativmedizin fußt auf einem nicht wissenschaftlichen Konzept. Viel eher müssen wir von einer ethischen und einer unethischen Medizin sprechen, die es in vielen Bereichen gibt, wo etwas versprochen wird, was schlussendlich nicht eintritt. Und wir müssen auch akzeptieren, dass zum Motor der Wissenschaft auch gehört, sich von Ideen zu verabschieden und neue Hypothesen zu generieren – sonst gäbe es keinen Fortschritt. Zu hinterfragen ist zudem die Motivation der behandelnden Ärzte: Viele treibt die Heilserwartung, andere der Druck vonseiten der Patienten und wieder andere die Ökonomie.

Ein Standpunkt zum Thema Kleine Kugeln - große Wirkung.

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  • Herr Rainer Zufall, 26.04.2012 um 16:13:

    „"Damit ist die Diskussion aus meiner Sicht eigentlich zu Ende".

    Diese Arroganz erinnert mich ein wenig an das niedrige Niveau von Postings in Gesundheitsforen.
    Es ist immer dieselbe Borniertheit: Man schreibt sachkundig über einen Bereich, mit dem man sich nie ernstlich auseinandergesetzt hat.
    Ich wünsche all diesen Leuten, dass sie noch erleben, wie sie mit offenem Mund und staunendem Gesichtsausdruck sagen: "Also das hätte ich nie und nimmer erwartet. Alle Studien haben dagegen gesprochen".

    Und vieleicht haben sie dann den Mut, mit neuen Erkenntnissen nochmals in die Öffentlichkeit zu gehen.“

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