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Mag. Martin Schenk; Sozialexperte, stellvertretender Direktor der Diakonie
 
Standpunkte 13. März 2012

Die Pflegelücke

Pflegende Angehörige stehen unter psychischem und physischem Dauerstress. Sie bekommen zwar rhetorische Anerkennung für die „aufopfernde Arbeit“, die sie leisten, mit der Arbeit selbst aber werden sie alleingelassen. Erst bei massiver Überlastung wird nach Unterstützung gesucht und nicht schon vorher.

Das muss nicht so sein: Auch in den skandinavischen Ländern werden achtzig Prozent der Pflegebedürftigen von Familienangehörigen betreut. Dort gibt es aber eine vielfältige und bunte Palette von Dienstleistungen, welche die Familien und Angehörigen bei ihrer Pflegearbeit unterstützen. Auf diesen aus meiner Sicht wichtigen und zentralen Punkt möchte ich explizit hinweisen: Ausgebaute soziale Dienstleistungen stehen nicht im Gegensatz zu familiärem oder bürgerschaftlichem Engagement – das Gegenteil ist vielmehr der Fall: Wenn sie richtig aufgesetzt sind, unterstützen sie die Familie und fördern die Aktivität einer Civil Society.

In Österreich klafft eine Pflegelücke zwischen dem Angebot der bisher schon etablierten mobilen Dienste und der 24-Stunden-Betreuung zu Hause. In diesem leeren Korridor liegt ein großer Teil des Bedarfs an professioneller – aber auch an leistbarer – Unterstützung für die häusliche Betreuung und Pflege: der Ausbau der mobilen Dienste, eine Teilzeitbetreuung durch Heimhilfen und Pflege-Entlastung, Nachtdienste, Pflegenachtnotruf, Kurzzeitpflege zu Hause, koordinierte Nachbarschaftshilfe, betreutes und betreubares Wohnen sowie teilstationäre Angebote wie Tages- und Nachbarschaftszentren.

Mehr Investitionen in diesen Bereichen sind möglich und wünschenswert – sowohl volkswirtschaftlich, weil Jobs entstehen, als auch sozialpolitisch, weil Lücken geschlossen werden, sowie familienpolitisch, weil Betreuung mit Beruf und Familie besser vereinbart werden kann. Hier entstehen Win-win-Situationen zwischen höherer Lebensqualität der Pflegebedürftigen, Arbeitsplätzen, Haushaltseinkommen und Pflegeentlastung der Angehörigen. Es gibt eine Pflegelücke, es gibt aber auch Modelle, sie zu schließen. Wir brauchen ein Pflegenetz, das die Belastungen trägt.

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