zur Navigation zum Inhalt
Foto: beigestellt
Dr. Gerald Bachinger Sprecher der Österreichischen Patientenanwälte
 
Standpunkte 24. Jänner 2012

Unzureichende Grundversorgung

Das österreichische Gesundheitswesen hat bewiesen, dass ein finanzierbares, öffentliches und solidarisches Gesundheitswesen möglich ist. Die positive Einschätzung der Bevölkerung ist also grundsätzlich gerechtfertigt. Damit dies aber auch zukünftig fortbesteht, müssen erhebliche Strukturreformen umgesetzt werden. Eine aktuelle Studie der GÖG, der Gesundheit Österreich GmbH, zeigt, dass die Performance des österreichischen Gesundheitswesens im Mittelfeld liegt; allerdings ist dies mit einem relativ hohen Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP – Österreich liegt im europäischen Vergleich im oberen Drittel – verbunden.

Das bedeutet, dass die Performance lediglich mittelmäßig ist und die Ausgaben relativ hoch sind. In diesem Spannungsfeld liegt das Potenzial für Strukturreformen und für das Freisetzen von finanziellen Ressourcen für Versorgungsfelder, die derzeit unterrepräsentiert sind. Das österreichische Gesundheitswesen laboriert seit Jahrzehnten an der Fragmentierung und dem Nebeneinander von stationärem und niedergelassenem Bereich sowie der nicht ausreichenden „Primary Health Care“ Grundversorgung. Überversorgung und Unterversorgung haben sich nebeneinander historisch entwickelt. Bedarfsgerechte Planung und integrierte Versorgung können wegen mangelnder Transparenz und mangelnder gesundheitspolitischer Steuerung kaum zum Zug kommen.

Die strategische Ressourcenverteilung geschieht eher zufällig und getriggert von Singularinteressen. Es gibt keine umfassende Forschung und politische Entscheidungsunterstützung, wie die beschränkten Mittel möglichst effektiv, im Sinne von Public Health-Ansätzen, für die Patienten und die Bevölkerung eingesetzt werden sollen. Das bloße Postulat, „den Hausarzt zum Lotsen durch das Gesundheitssystem zu machen“, ist eine Sackgasse. Das bestehende System von unkoordinierbaren „Einzelkämpfern“, symbolisiert durch das Leitbild des Kassenarztes als Repräsentant eines freien Berufes, bedarf grundlegender Strukturreformen nach Public Health-Grundsätzen.

  • Herr Dr. Rudolf Novak, 26.01.2012 um 18:43:

    „Wenn ich die Stellungnahme von Patientenanwalt Bachinger lese , läuft es einem einmal kalt über den Rücken.Reform heißt also zentrale Steuerung,strategische Ressourcenverteilung, bedarfsgerecht ...natürlich. Weg mit dem "freien" Arzt-ist der wirklich noch frei???...vogelfrei vielleicht. Wegreformierung des "unkoordinierbaren Einzelkämpfers" Kassenarzt. Die Volksgesundheit gehört koordiniert,gesteuert ,Performanceverbesserung unter voller Transparenz. Wieder ein kalter Schauer über den Rücken.
    Zukunftsbild Arzt: Schwerpunkt Dokumentation,Dateneingabe, Bewilligungen einholen, die Befunde des Patienten online checken um ja nichts zu übersehen und rechtlich belangbar zu sein. Aktuelle Leitlinien ständig im Hintergrund checken. Daneben die Interaktionen überprüfen und dann ... der Nächste bitte.
    Passiert dann Zuwendungsmedizin nur mehr im Traum? Sind wir alle zu Robotern reformiert worden ..gibts dann nur mehr Reparaturmedizin...dann wenn sich's auszahlt?....gar nicht weiterdenken...
    Wer wird dann noch Arzt, wenn es nicht mehr um den Menschen und seine Individualität, sein individuelles Problem geht, wenn nicht mehr die emphatische Zuwendung zählt , die oft mehr hilft als jedes Medikament oder Therapie.
    Es wird kälter!“

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben