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Foto: Archiv
Dr. Thomas Holzgruber Kammeramtsdirektor Ärztekammer für Wien
 
Standpunkte 10. Jänner 2012

Es liegt im Wesen der Politik, dass positive Leistungen selbstverständlich sind und man selten Lob erntet.

Hätten wir keine Ärztekammer, würde genau das passieren, was wir im Ausland beobachten können: Es gibt sich konkurrierende Interessensvertretungen für Ärzte und die Politik kann sich damit leicht aussuchen, welche Vereinigungen sie im Einzelfall am besten gegeneinander ausspielt. Das kann mit dem österreichischen Kammersystem nicht passieren, denn hier spielen wir im Vorfeld demokratisch legitimiert bereits den Mediator und Vermittler zwischen den unterschiedlichen Anliegen und vertreten dann eine konsolidierte Meinung „der Ärzte“ gegenüber unseren Gesprächspartnern. Damit werden Forderungen und Interessen kanalisiert und erreichen so im öffentlichen Diskurs ein wesentlich stärkeres Gewicht, als wenn viele Partikularinteressen erst ihre Konflikte in der Öffentlichkeit ausdiskutieren müssten. Deshalb gelten die Ärztekammern in Österreich gemeinhin auch als mächtig.

Wir wissen natürlich, dass das Kammersystem prinzipiell keinen guten Ruf hat und niemand gerne zwangsverpflichtet wird. Das ist nicht nur in der Berufsgruppe der Ärzte so. Andererseits bekommen wir im Ausland von Ärztevertretern sehr oft das Feedback, dass unser Modell für die Interessensvertretung wesentlich effizienter ist und die Vorteile in der praktischen Arbeit nicht von der Hand zu weisen sind, wenn eine basisdemokratisch gewählte, von allen soldarisch finanzierte Organisation die Interessensvertretung übernimmt und nicht viele kleine konkurrierende Verbände, wo manche Mitglieder sind, manche nicht

Wir vertreten ein bunt gemischtes Publikum: Spitalsärzte, Wahlärzte, Kassenärzte, Fachrichtungen... Da ist es die große Kunst der Ärztekammer, diese vielen inneren Konflikte zuerst zu glätten und dann nach außen ohne Reibungsverlust eine klare Position zu vertreten. Es gibt selten Themen, die wirklich alle Kammermitglieder in gleicher Weise betreffen, daher ist dann auch die Wirkung des Ergebnisses nicht immer für alle Ärzte gleich sichtbar.

Ein Kritikpunkt sind auch immer wieder die neun Länderkammern. Nachdem das Gesundheitswesen föderal organisiert ist (LandesGKKs und Landes/Gemeindekrankenanstaltenverbünde), müssen sich die Kammern so organisieren, wie ihre wichtigsten Gesprächspartner, um hier stark vertreten zu sein. Darüber hinaus unterscheiden sich die Systeme in den Ländern doch deutlich voneinander, sodass hier Detailwissen gefragt ist. Ich denke nicht, dass sich an der grundsätzlichen Struktur eines Kammerwesens bald etwas ändern wird, dennoch nehmen wir natürlich jede Kritik als eine Form der Qualitätsverbesserung sehr ernst.

Der Nutzen für den Einzelnen ist meist nur dann sichtbar, wenn er mit einem bestimmten Problem an uns herantritt und wir eine Lösung finden oder uns bemühen den Arzt konkret unterstützen. In allen anderen Fällen werden positive Errungenschaften selten gelobt, Misserfolge aber gerne angeprangert. Das ist kein Spezifikum der Kammer, sondern liegt im Wesen der Politik. Kritik wird potenziert und skandalisiert, Erfolge sind selbstverständlich, weil dafür ja gezahlt wird. Aktuelle Beispiele zeigen das deutlich: Hinter der Verhinderung von ELGA oder den Protestveranstaltungen im AKH steckt die Arbeit der Ärztekammer, das Ergebnis ist für alle „selbstverständlich“. Wir haben beispielsweise auch die Kammerumlage u um zehn Prozent senken können. Die Kammerumlage konnte gesenkt werden, weil wir sparsam gewirtschaftet haben, was für das Mitglied selbstverständlich vorausgesetzt wird. Beim Wohlfahrtsfonds hat der Rechnungshof gesagt, dass der Fonds saniert ist und die Pensionen sicher sind, weshalb die Altlast abgeschafft ,die Beiträge um 10% gesenkt werden und die Pensionen um 2% angehoben werden konnten; diskutiert wird aber teilweise nur jener Teil des Berichtes, wo man in der Verwaltung die Kammer kritisiert, obwohl der Fonds dadurch null wirtschaftlichen Schaden hatte. . Das zeigt aber nur, dass die Ärzteschaft zu recht besonders kritisch ist und diese Kritik von der eigenen Kammer besonders ernst genommen werden muss und man sich – analog zu einem Qualitätssicherungsprozeß – immer verbessern und hinterfragen muss, was zB in der angesprochenen administrativen Wohlfahrtsfondscausa schon lange vor dem Rechnungshofbericht geschehen ist.

Meine Erfahrung aus den letzten 20 Jahren ist: Wenn Ärzte in die Kammer näher hineingeschaut haben und gesehen wie haben, in welcher Intensität und gegen welche Widerstände von außen hier gearbeitet wird dann stellt sich die Frage nach dem Wert und Sinn der Mitgliedschaft nicht mehr.

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