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Foto: Privat
Dr. Günther Loewit Allgemeinmediziner, ehemals Kammerfunktionär
 
Standpunkte 10. Jänner 2012

Wenn sich die Ärzte wieder ihrer Rolle bewusst sind, dann wird sich auch die Kammer danach orientieren.

Ich bin überzeugt, dass wir eine gut funktionierende Vertretung brauchen. Es ist aber ein Dilemma, dass es derzeit nicht eine Ärztekammer gibt, sondern neun Länderkammern und darüber eine autokratisch agierende, nicht gewählte ÖÄK. Gleichzeitig wird durch die Aufteilung in die Kurien den Partikularinteressen sehr viel Raum gegeben – ein geschickter Schachzug nach dem Motto „divide et impera“. Je mehr sich die Ärzte untereinander uneinig sind, desto einfacher ist es dann für die Politik, ohne Einbindung der Ärzte Rahmenbedingungen festzulegen.

Viel mehr als eine Ärzteinteressensvertretung würden wir aus meiner Sicht eine einige Ärzteschaft benötigen, die sich zu einem Berufsethos bekennt. Das fehlt derzeit leider völlig. Woran sollen sich junge Nachwuchsärzte denn heute orientieren – an ausgebrannten Oberärzten doch wohl nicht. Wenn die Ärzteschaft mit Würde ihren Beruf hochhält, dann werden sich auch das Ansehen und der Respekt gegenüber diesem Beruf in der Bevölkerung wieder entsprechend verändern und der motivierte Nachwuchs stellt sich von selbst ein.

Ich wünsche mir, dass sich die Ärzteschaft wieder bewusst wird, dass sie für das Leben der Menschen eine besondere Rolle spielt und demnach sollte man sich auch so benehmen. Ich wehre mich dagegen zu sagen, dass Arzt ein Beruf wie jeder andere ist. Das ist ein Beruf, egal in welcher Fachrichtung, der bei Weitem höhere Anforderungen an den Ausübenden stellt als es in anderen Berufen der Fall ist. Mit jedem Wort, mit jedem Nadelstich, mit jeder OP entscheidet der Arzt doch über menschliche Schicksale. Daher wäre es für mich wünschenswert, dass diese Einstellung nicht nur jeder einzelne Arzt transportiert, sondern auch die Kammer selbst. Ohne das Selbst-bewusst-sein der Ärzte wird es aber auch keine selbstbewusst auftretende Vertretung geben. Derzeit ist die Kammer eine zerrissene Berufsvertretung wie für alle anderen Berufe auch, ob Handwerker, Anwälte oder eben Ärzte.

Der Weg zu diesem neuen Bewusstsein muss aus meiner Sicht schon bei der Ausbildung beginnen. Zur medizinischen Basis brauchen wir dringend auch eine Ausbildung in Sachen Menschlichkeit. Wir haben zurzeit durch die Aufnahmeprüfung eine Selektion, die klar wissenschaftliche Typen bevorzugt. Menschlich interagierende Kandidaten werden durch das Eingangsverfahren nicht gefördert, daher gibt es viele Technokraten in der Medizin. Die sind zwar fachlich brillant, aber eben eher Mediziner als „Ärzte“. Dazu kommt, dass der praktische Alltag diese Entwicklung weiter unterstützt: Wer nach vorgegebenen Rastern und Leitlinien arbeitet, wird sicher gute Medizin anbieten, braucht aber nicht ärztlich zu sein. Ich bin überzeugt, dass Arzt zu sein mehr ist als die Summe des Erlernten, es bedeutet Verantwortung, Einfühlsamkeit und Lebensbegleitung. Und am Ende steht dann auch die entsprechende Vertretung der Interessen derer, die sich als ärztliche Lebensbegleiter verstehen.

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