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Dr. Christoph Reisner, Präsident der Ärztekammer Niederösterreich
 
Standpunkte 14. Dezember 2011

„Dr. Helga statt ELGA!“ Mehr Hausärzte statt elektronischer Bürokratie.

Die Vollversammlung der Ärztekammer Niederösterreich hat mit großer Mehrheit beschlossen, Präsident Dorner zum Rücktritt aufzufordern. Sein offensichtlicher Zickzackkurs im Zusammenhang mit ELGA bringt enormen Schaden für die Ärzteschaft. Wenn einerseits zugestimmt wird und andererseits Inserate gegen ELGA um sechsstellige Euro-Beträge geschaltet werden, ist das eine Verhöhnung unserer Mitglieder, mit deren Kammerumlage so eine Groteske finanziert wird.

ELGA an sich bringt in der derzeitigen Konzeption keinen medizinischen Nutzen, der nicht ohnehin mit den derzeit schon vorhandenen technischen Möglichkeiten zu erreichen wäre. Es fehlt lediglich der politische Wille, einfache Modelle einer schlanken Lösung auch umzusetzen. Daher verstehe ich nicht, wenn in Zeiten von Sparpaketen so ein Projekt forciert wird. Der Gesundheitsminister spricht von 130 Millionen Euro für die Herstellung sowie 18 Millionen Euro für den laufenden Betrieb von ELGA. Wir haben pro Jahr mehr als 150 Millionen Patientenkontakte, somit entspricht die Rechnung des Gesundheitsministers 18 Cent pro ELGA-Bearbeitungsfall im laufenden Betrieb. Das ist aus meiner Sicht völlig utopisch. Wir gehen von Kosten im Milliardenbereich pro Jahr durch ELGA aus. So viel Geld sollte besser zum Patientennutzen verwendet werden.

Kosteneinsparungspotenzial gibt es durch ELGA hingegen kaum. Man kann sicherlich im Bereich der Verschreibungen etwas einsparen, allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Bei den oft erwähnten Doppeluntersuchungen gibt es hingegen kaum Einsparungsmöglichkeiten. Hier handelt es sich in der Regel um medizinisch notwendige Kontrolluntersuchungen, die wir hoffentlich auch in Zukunft noch durchführen dürfen. Dazu kommt, dass beispielsweise manche Untersuchungen vor Operationen gesetzlich wiederholt werden müssen.

Eines der Umsetzungsprobleme bei ELGA ist der Datenschutz. Kein Mensch kann plausibel erklären, wie persönliche Daten in einem System mit 100.000 Zugriffsberechtigten geschützt werden sollen. Ein weiteres Problem ist der „technische“ Datenschutz: Wenn das österreichische ELGA-System so sicher ist, wieso wird es dann nicht vom Pentagon verwendet? Mir ist kein System bekannt, welches einen 100-prozentigen Hackerschutz bietet.

Viel einfacher, besser und zielführender ließen sich die anscheinend bestehenden Probleme bei der Dokumentation von Patientendaten über das Hausarztmodell lösen. Dies würde auch die nachzubesetzenden Stellen wieder attraktiv machen. Daher sollten wir in diese Richtung arbeiten und allfällig vorhandenes Geld dort einsetzen. Wir brauchen Hausärzte statt überbordender elektronischer Bürokratie – daher fordere ich: „Dr. Helga statt ELGA!“

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