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Prof. Dr. Dr. h. c. Ulrich H. J. Körtner Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin, Universität Wien
 
Ethik 9. November 2011

Kein Ende der Debatte

Der Europäische Gerichtshof hat gesprochen: Stammzellen, die aus menschlichen Embryonen gewonnen werden, dürfen nicht patentiert werden. Es ist zu begrüßen, dass er auf einem heiß umkämpften Gebiet der Biomedizin rechtlich Klarheit schafft und dem Schutz der Menschenwürde in allen Phasen des menschlichen Lebens Nachdruck verleiht.

Dennoch wirft dieses Urteil Fragen auf. Ab wann man werdendes menschliches Leben als Embryo bezeichnen soll, ist medizinisch und ethisch umstritten. Die Luxemburger Richter betonen, sie wollten auf diese Frage nicht näher eingehen, sondern lediglich den Sprachgebrauch der europäischen Biopatent-Richtlinie klären. Diese verstehe unter dem menschlichen Embryo offenkundig nicht nur jede Eizelle vom Moment ihrer Befruchtung an, sondern auch entwicklungsfähige Zellen, die durch Klonen entstanden sind. Diese Definition mag für die Biopatent-Richtlinie stimmen. Sie wird aber nicht zum Ende der ethischen Debatte über den Status des Embryos führen.

Für den Ausschluss embryonaler Stammzellen von der Patentierbarkeit mag es rechtlich gute Gründe geben. Ihre Herstellung pauschal moralisch zu ächten, ist jedoch ethisch fragwürdig. Das Luxemburger Urteil wird die Forschung in Europa beeinträchtigen, aber wohl kaum aufhalten. Ob patentierbar oder nicht: embryonale Stammzellen sind auch weiterhin für die Forschung wichtig. Auf längere Sicht wird neben der ethisch weniger bedenklichen Forschung mit adulten Stammzellen und induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS) – Köperzellen, die zu einer Art von embryonalen Stammzellen rückprogrammiert werden – auch weiter mit embryonalen Stammzellen geforscht werden. Erst kürzlich wurde in Großbritannien ein Experiment zur Behandlung einer bislang unheilbaren Augenerkrankung (Morbus Stargardt) genehmigt. Und auch die iPS-Forschung benötigt embryonale Stammzellen für Vergleichstests. Das Ende des Rechtsstreits zwischen Brüstle und Greenpeace bedeutet daher keineswegs das Ende der bioethischen Debatte.

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