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Foto: Die Grünen
Prof. Dr. Kurt Grünewald Gesundheits- und Wissenschaftssprecher der Grünen
 
Standpunkte 31. Oktober 2011

Diskriminierung: Erfolgsrezept?

Seit Jahren berichten WHO, EU-Kommissionen und zuletzt auch der Hauptverband der Sozialversicherungsträger über eine beängstigende Zunahme psychischer Erkrankungen. Zahlreiche Maßnahmenpakete einer besseren und früheren Diagnostik und Therapie wurden vorgeschlagen und angekündigt. Geschehen ist letztlich zu wenig. Gerade Krisenzeiten schüren neue psychische Probleme durch härtere Konkurrenzkämpfe und berechtigte Ängste um Arbeitsplätze, Einkommen und um die Leistbarkeit einer sozialen Grundsicherung.

Es erstaunt daher nicht, dass psychische Erkrankungen bei Krankenständen und Invaliditätspensionen eine zunehmende Rolle spielen. Dies vornehmlich mit Sozialbetrug in Verbindung zu bringen ist geschmacklos und vernebelt die politische Verantwortung für evidente Versorgungsdefizite bei psychischen Erkrankungen. Dass Klubobmann Kopf hier die Meldepflicht beim Amtsarzt, den Verlust von Führer-, Jagd- und Waffenschein andenkt, ist peinlich und schürt nur alte, wenig überprüfte Vorurteile. Vor Jahren beschlossene Psychiatriereformen sind immer noch nicht umgesetzt, dezentrale ambulante und interdisziplinäre Versorgungsstrukturen existieren kaum.

Zwanzig Jahre nach Beschluss des Psychotherapiegesetzes wird nur ein Viertel des vom Österreichischen Institut für Gesundheitswesen evaluierten Bedarfs gedeckt. Viele Therapien werden vorwiegend privat bezahlt. Parlamentarische Anfragen zur psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen legten massive Betreuungsdefizite offen. Darüber schweigt der Herr Klubobmann Kopf. Eine Chronifizierung von psychischen Erkrankungen durch zu spät erfolgte Diagnosen und unzureichende bzw. fehlende Therapien verursacht mit hoher Sicherheit mehr Kosten als ein adäquates qualitätsgesichertes Angebot.

Es bleibt noch viel zu tun. Eine Meldepflicht bei Amtsärzten sowie die Drohung mit dem Entzug von Führer-, Jagd- und Waffenschein sind jedenfalls keine probaten Mittel, um das Budgetdefizit zu senken.

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