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Foto: Privat
Dr. Thomas Czypionka Institut für Höhere Studien, Senior Researcher Health Economics and Health Policy
 
Standpunkte 11. Jänner 2011

Planvoll umbauen statt reagieren

Wenn „Kostenexplosion“ im Kontext mit pauschalen Einsparungen im Mund geführt wird, ist Vorsicht geboten, ebenso, wie wenn so getan wird, als wäre alles „in Butter“. Solche Extremmeinungen verhärten die Fronten und führen zum Reformstau. Eine differenzierte Betrachtung des Problems der Kostenentwicklung im Gesundheitswesen tut also Not. Im letzten Jahrzehnt ist die Gesundheitsquote bei leicht über 10 Prozent nur sehr geringfügig gewachsen. In einigen Teilbereichen wie dem Spitalswesen und den Medikamenten waren aber überdurchschnittliche Ausgabensteigerungen zu verzeichnen. Beide Teilaggregate wuchsen deutlich stärker als das BIP und es steht zu erwarten, dass sich dies in Zukunft fortsetzen wird. Problematisch ist, dass zu ihrer Finanzierung in anderen Bereichen eingespart werden muss, obwohl es vielleicht klüger wäre, hier zu investieren. So steht mittlerweile außer Zweifel, dass der Primärbereich Qualität und Effizienz eines Gesundheitssystems stärker beeinflussen kann als der Spitalsbereich. Ebenso gilt es zu verhindern, dass das publikumswirksame neueste Antineoplastikum weniger populäre, aber dennoch wichtige Maßnahmen wie etwa ein ausführliches ärztliches Gespräch verdrängt.

Haben wir also die Kostenentwicklung im Griff? Leider nicht. Denn die Warnung vor der Kostenexplosion bezieht sich eigentlich auf die Zukunft. Während in den Medien der Eindruck erweckt wird, die demografische Entwicklung habe uns bereits voll erfasst, liegt das tatsächliche Problem noch vor uns. In den nächsten zwanzig Jahren wird der Anteil der Leistungsträger an der Bevölkerung auf 57 Prozent abnehmen, der Anteil der über 65-Jährigen umgekehrt auf fast ein Viertel zunehmen. Aus diesem Grund fordern Gesundheitsökonomen seit Jahren Strukturreformen und die Hebung von Effizienzpotenzialen. Nicht um damit Budgetlöcher anderswo zu stopfen, sondern um unser Gesundheitssystem für diese zukünftigen Herausforderung „wetterfest“ zu machen. Werden die nächsten Jahre nicht für Reformen genutzt, kann nur noch reagiert statt planvoll umgebaut werden.

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