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Foto: Privat
Dr. Thomas Czypionka Institut für Höhere Studien, Wien
 
Standpunkte 16. November 2010

Dr. Thomas Czypionka Grundsätzlich ist ein Umdenken erforderlich, das nicht die Krankheit in den Mittelpunkt stellt, sondern Prävention und Gesundheit.

Die Diskussion um die Spitalsreform kehrt regelmäßig wieder, weil die Finanzierbarkeit nicht mehr gegeben ist und keine praktikablen Lösungen am Tisch liegen. Die Kosten der österreichischen Fondsspitäler erreichten im Jahr 2008 erstmals 10,4 Mrd. Euro, die nominelle Wachstumsrate war von 2007 auf 2008 mit 6,7 Prozent die höchste in der letzten Dekade. Im Jahr 2009 spitzte sich die Lage weiter zu, weil das BIP insgesamt sank, die Kosten aber nach wie vor gestiegen waren. Das Loch wurde über Schuldaufnahmen finanziert, das ist eine Vorgangsweise, die auf Dauer keine Tragfähigkeit besitzt.

Die Länder haben an der Spitalsfinanzierung einen Anteil von weniger als 50 Prozent, unserer Einschätzung nach sind es rund 30 Prozent. Anfang der 90er-Jahre vereinbarte die Sozialversicherung eine Pauschalvergütung mit den Spitälern und hat daher jetzt auch in allen Belangen wenig mitzureden. Vor einem ähnlichen Kompetenzproblem steht der Bund, denn die Länder bauen auch aus regionalpolitischen Gründen Spitäler, und wenn sie nicht durch die zugewiesenen Mittel finanzierbar sind, fordern sie mehr Geld im Finanzausgleich. Tatsächlich wird es unumgänglich sein, die Verantwortung für die Kostensteigerung und die Finanzierung auch in den jeweiligen Bundesländern festzumachen oder den anderen Zahlern mehr Mitsprache einzuräumen. Vom Sparen will ohnehin keiner etwas hören, obwohl es ein Faktum ist, dass Österreich im internationalen Vergleich eine hohe Bettenzahl hat und die Versorgung keineswegs leiden würde, wenn wir ein paar weniger hätten. Hier geht es aber nicht einfach um Streichungen oder Schließungen. Es muss einen Umwandlungsprozess von einer spitalslastigen Ausgestaltung des Gesundheitssystems hin zu einer primärversorgungsbasierten Lösung geben. Wenn mehr in die Primärversorgung investiert wird, ist das System automatisch effizienter, weil schon allein weniger kranke Menschen einen Spitalsaufenthalt benötigen – an einem Beispiel verdeutlicht heißt das, wenn Volkskrankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauferkrankungen gar nicht erst in Unterschenkelamputationen, Nierenversagen oder Herzklappenoperationen enden.

Die Kostenentwicklung bei den Spitälern konnte bisher nicht eingedämmt werden. Die Ursachen liegen nicht nur in den demografischen, technologischen sowie den Lohn- und Preisentwicklungen, sondern auch in den Ineffizienzen und Überkapazitäten. Eine notwendige Abstimmung mit dem niedergelassenen Bereich, den Rehabilitations- und Pflegeeinrichtungen steht nach wie vor aus. Klare Finanzierungsstrukturen fehlen sowie eine gemeinsame Steuerung und Finanzierung aller Bereiche des Gesundheitssektors aus einer Hand.

Grundsätzlich ist ein Umdenken erforderlich, das nicht die Krankheit und damit die Spitalsaufenthalte in den Mittelpunkt stellt, sondern auf die Prävention und die Gesundheit fokussiert ist. Diese Grundhaltung wäre für alle Beteiligten, inklusive den Patienten, der Weg zur besten Lösung.

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