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Foto: Privat
Dr. Ernest G. Pichlbauer Gesundheitsökonom, Wien
 
Standpunkte 16. November 2010

Dr. Ernest G. Pichlbauer Eine Revolution wird erst kommen, wenn der Minister das umsetzt, was er angekündigt hat.

Ich gebe zu, dass es nicht einfach zu beantworten ist, wie es um den Ist-Zustand der Versorgung im Spitalssektor bestellt ist. Diese Lage sollte aber genau analysiert werden, bevor man mit Reformvorschlägen aufwartet.

Auf der einen Seite haben wir eine massive strukturelle Überversorgung, die gleichzeitig auch dazu führt, dass wir auf der anderen Seite in bestimmten Teilgebieten eine Unterversorgung beobachten. Diese Doppelgleisigkeit liegt in der Natur der Sache komplexer Systeme. Die Parallelität von Über- und Unterversorgung führt jedenfalls zu einer Fehlversorgung.

Dieser Widerspruch macht es leicht, in Zusammenhang mit Reformen im Gesundheitswesen immer wieder mit plakativen Zahlen Stimmung zu machen. Faktum ist, dass wir nur begrenzte Humanressourcen haben, die wir in den vielen vorhandenen Spitälern unterbringen müssen. Personalressourcen zu verknappen ist immer ein einfacher, rascher, aber meist sehr kurzsichtiger Weg, um Sparpotenziale zu nutzen.

Nehmen wir als Beispiel die kostenintensive Neurorehabilitation – hier fällt die Abgrenzung der Zuständigkeit von Krankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen nicht leicht. Die Ressourcen in der Rehabilitation werden absichtlich knapp gehalten und dank intransparenter Datenlagen sprechen wir hier immer von einer Unterversorgung. Gleichzeitig sind entsprechende Chirurgen, die wir uns derzeit in jedem Kuhdorf leisten wollen, nur zu maximal 60 % ausgelastet – ein klarer Fall von Überversorgung.

Das führt dann unweigerlich dazu, dass Patienten generiert werden und interessante Phänomene auftauchen: Wo kleinere chirurgische Abteilungen von Schließungen bedroht sind, steigt die Zahl der Appendektomien. Oder anders formuliert: Zu viele Betten verursachen mehr kranke Menschen.

Auch hier wird wieder mit der Angst der Menschen gearbeitet. Niemand möchte gerne wegrationalisiert oder weniger gut behandelt werden. Das ist aus meiner Sicht aber auch gar nicht die Frage, denn die Arbeit im Gesundheitswesen verschwindet nicht und von Massenkündigungen sind wir weit entfernt.

Erforderlich sind aber dringend Änderungen in den Organisationsstrukturen und Umschichtungen etwa in den niedergelassenen Bereichen. Das will die Politik natürlich nicht gerne hören, denn viele angestellte, weisungsgebundene Spitalsmitarbeiter sind ein Zeichen von viel Einfluss aufseiten der Landeshauptleute. Damit stehen wir vor der Situation, dass die meisten Experten und Bundespolitiker den Vorschlag des Ministers sehr wohl gutheißen, die Landesfürsten aber dagegen sind.

Das Ergebnis ist, dass wir entscheidungslos geworden sind und vorerst einmal gar nichts passiert. Ich habe mich von der Idee verabschiedet, dass eine Spitalsreform evolutionär vor sich gehen wird. Wirklich Bewegung in die Sache – eine Revolution – wird erst kommen, wenn der Minister das umsetzt, was er angekündigt hat, nämlich den Ländern tatsächlich das Geld zu streichen.

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