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Foto: Privat
Prof. Dr. Michael Freissmuth Vorstand des Instituts für Pharmakologie, Medizinische Universität Wien
 
Standpunkte 1. September 2010

Medizin als Mittel, um Lebensqualität zu optimieren

Die Erfindung von Krankheiten ist ein klassisches Phänomen in der Medizingeschichte. So wie die Hysterie eine Modekrankheit des 19. Jahrhunderts war, treten heute andere Phänomene auf, wie zum Beispiel der Zwang, sich unters Messer zu legen. Die Tendenz, medizinische Leistungen für die Optimierung der eigenen Lebensbedürfnisse statt zur Behandlung von Krankheiten einzusetzen, halte ich für äußerst fragwürdig. Dazu zählen zum Beispiel Themen wie kosmetische Chirurgie oder Anti-Aging.

Der Krankheitsbegriff verändert sich im Lauf der Zeit, galt früher Homosexualität noch als Krankheit, wird heute darüber nachgedacht, wie viele Orgasmen eine Frau haben muss, damit es nicht krankhaft ist. Die Grenzen der Medizin werden immer mehr ausgeweitet, darum täte eine Selbstbescheidung gut.

Viele Beschwerden sind lediglich auf eine generelle Unzufriedenheit mit dem Leben zurückzuführen. Deshalb sollte man sich auf ernstzunehmende Krankheiten konzentrieren, statt nur Befindlichkeitsstörungen zu therapieren. Leider wird dies manchmal von schlecht ausgebildeten Ärzten unterstützt.

Auch ein bescheidenerer Umgang mit Diagnosen täte gut. Kindern mit Aufmerksamkeitsstörung immer Ritalin zu verordnen, halte ich für fatal. Ob man eine Therapie verordnet, ist auch eine Haltungsfrage, der Druck kommt nicht nur vonseiten der Industrie, sondern auch von den Patienten und Angehörigen selbst, die nach Therapien verlangen, die nicht nur manchmal sinnlos, sondern auch schädlich sind.

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