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Foto: Privat
Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH, Departmentleiter für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemologie an der Donauuniversität Krems und Studienleiter der Metastudie über Gender Medicine bei medikamentösen Therapien
 
Standpunkte 24. August 2010

Das Geschlecht spielt eine untergeordnete Rolle.

Die wichtigsten Kernaussagen der Studie lauten:

1. Beim Großteil der Daten von über 250.000 Patientinnen und Patienten sowie 65 Medikamenten muss das Geschlecht nicht in Betracht gezogen werden, weil es keine geschlechtsspezifischen Unterschiede gibt. Zu diesen Gruppen, in denen keine weiteren Studien notwendig sind (zehn Prozent der untersuchten Medikamente) gehören ACE-Hemmer und Beta-Blocker bei chronischem Herzversagen. Für über 70 Prozent der Medikamente gibt es keine geschlechtsspezifische Forschung. Hier handelt es sich um ein Versagen von Wissenschaft und Pharmaindustrie. Bei vielen Medikamentenklassen wie oral eingenommenen Diabetes-Medikamenten oder Schlafmitteln fehlen konkrete Aussagen.

2. Im medikamentösen Bereich scheint die Gender Medicine nicht überall notwendig zu sein und bringt ein dem Zeitgeist widersprechendes Ergebnis. Wir haben nur drei klinisch relevante Ausnahmen gefunden: Antiemetika wirken bei Frauen besser; Männer haben bei manchen Antidepressiva mehr sexuelle Störungen, Frauen bei Statinen generell mehr Nebenwirkungen.

3. Trotz der großen Datenmenge obliegt das Ergebnis einigen Einschränkungen aufgrund der Qualitätsmängel der Einzelstudien: Untergruppen wurden mit falschen Methoden verglichen, Hypothesen den Ergebnissen angepasst oder die Zahl der Probanden bei einzelnen Studien war zu klein.

 

Wir haben uns auf die Medikamentenklassen des Oregon Drug Effectiveness Review Projects konzentriert, das die wesentlichsten Medikamentenklassen, des niedergelassenen Bereichs, abdeckt.

Der Fokus wurde auf patientenrelevante aber „harte Endpunkte“ gelegt, z. B. Herzinfarkt, Tod und Nebenwirkungen von Medikamenten, weil sich diese gut messen lassen und klare Aussagen ermöglichen. Bezüglich Nebenwirkungen ist die Evidenzlage aber sehr schlecht. Viele Studien untersuchen Nebenwirkungen nur unzureichend und legen den Fokus auf die Wirksamkeit.

Gender Medicine ist wichtig, weil es Unterschiede in der Inzidenz von Krankheiten, Lebenserwartungen oder Risikoverhalten gibt, die man gezielt ansprechen muss, z. B. leiden Frauen häufiger an Depressionen als Männer, während Männer öfter von koronaren Herzerkrankungen betroffen sind.

Therapeutisch wurde bis vor 20, 30 Jahren häufiger an Männern getestet, Frauen wurden vernachlässigt. Dies hat sich in der Zwischenzeit gebessert.

Als größte Schwäche der Gender Medicine sehe ich, dass Ideologie und Emotion manchmal einen rationalen Zugang erschweren. Als Folge werden Frauen teilweise überbehandelt wie beim Brustkrebs-Screening, das laut wissenschaftlichen Kenntnissen erst ab 50 sinnvoll wäre, wegen der hohen Nebenwirkungen bei jüngeren Frauen. Wer dies vorschlägt, wird schnell mit dem Vorwurf konfrontiert, bei Frauen einsparen zu wollen.

Fazit: In der medikamentösen Therapie spielt das Geschlecht eine untergeordnete Rolle. Weder Männer noch Frauen sind eine homogene Gruppe, und die genetische Vielfalt zwischen und innerhalb der Gruppen dürfte mehr Einfluss haben als das Geschlecht.

Die Männer-Frauen-Betrachtung in der Gender Medicine vereinfacht zu sehr. Ich denke, dass die Zukunft in der Pharmakogenomik und der individualisierten Medizin (Individualized Medicine) liegt.

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