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Dr. Christian Euler Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes, Allgemeinmediziner in Rust, Burgenland
 
Standpunkte 17. August 2010

Pflegegeld nicht bedarfsorientiert

Pflegediagnosen durch Pflegepersonal erstellen und den Pflegeaufwand bemessen zu lassen, ist im stationären Bereich bereits etabliert. So ist es naheliegend, diese Praxis auszuweiten. Bevor man aber Neuerungen beim Pflegegeld in Angriff nimmt, sollte einmal offen über das System gesprochen und darüber aufgeklärt werden, dass mit dem Pflegegeld versucht wird, eine vom Staat zur Verfügung gestellte Summe möglichst gerecht unter jenen aufzuteilen, die auf Hilfe angewiesen sind. Nie war der Plan und nie wird es auch finanzierbar sein, den Hilfsbedürftigen so viel Geld zur Verfügung zu stellen, dass sie professionelle Hilfe für all ihre Defizite einkaufen können.

Die einzig bestimmende Größe des Pflegegeldes ist also der Gesetzgeber. Was er für seine Betreuungsbedürftigen aus gesellschaftspolitischer und ökonomischer Sicht „übrig hat“, steht zur Verteilung an. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wir Kassenvertragsärzte kennen das Prinzip, auch bei unseren Leistungsabgeltungen spielen reale Kosten eine untergeordnete Rolle.

Die innere Logik der Einstufung ist für Laien oft schwer verständlich. Der Pflegeaufwand für den einseitig unterschenkelamputierten Diabetiker im Rollstuhl steigt nicht, auch wenn der zweite Unterschenkel amputiert werden musste. Wer immobil ist, kann nicht immobiler werden. Die oft genug auch von ärztlichem und pflegendem Personal geförderte Mentalität, individuelle Gebrechen der Allgemeinheit in Rechnung zu stellen, ist die Basis für Kränkung und Ärger vieler Betroffener. Sie ist auch Basis unzähliger Berufungen gegen ergangene Bescheide. Intensive, ehrliche Kommunikation auf Augenhöhe mit den Antragstellern über Erwünschtes und Mögliches wäre zukunftsträchtiger als die Rekrutierung erweiterter Einstufungsteams. Die akute Gefahr einer empfindlichen Verteuerung durch einen Standardisierungs- und Evaluationswahn ist nicht zu leugnen.

Wer so wie ich seit dreißig Jahren Hausarzt ist, denkt mit großer Bewunderung an jene Familien, die in der Vorpflegegeldära ihre geschwächten Mitglieder versorgten und dieses Opfer an Zeit, diesen emotionalen und wohl auch wirtschaftlichen Aufwand mitunter sogar als Gewinn für ihr Familienleben empfanden.

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