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NEUE SERIE: Zahmer Widerstand gegen die „Volksseuche“ (Folge 1)

Die „Volksseuche“ Adipositas wurde schon 1987 von der WHO als Erkrankung eingestuft. Bisher initiierte Vorsorgeaktivitäten, aber auch Behandlungsangebote lassen allerdings keine Trendwende erkennen.

Im August 2006 wurde der „1. Österreichische Adipositasbericht“ präsentiert. Demnach sind in Österreich bis zu 23 Prozent der Männer und bis zu 24 Prozent der Frauen adipös. Schon unter den Kindern und Jugendlichen gelten 10 bis 29 Prozent der Burschen und sechs bis 42 Prozent der Mädchen als übergewichtig; 5 bis 11 Prozent der Burschen und 3 bis 4 Prozent der Mädchen als adipös.
Starkes Übergewicht verursacht Gesundheitskosten in Millionenhöhe, vor allem bei der Behandlung von Hypertonie, Osteoarthritis, koronaren Herzerkrankungen oder Diabetes mellitus. Keine wirklich neuen Erkenntnisse, doch die Ernsthaftigkeit im Umgang mit der zunehmenden Problematik lässt zu wünschen übrig, beklagen auch viele Ärzte.
„Ein gravierendes Manko unseres Gesundheitswesens ist, dass diese Menschen mit ihrem Problem faktisch auf sich allein gestellt sind“, kritisiert der Internist Prof. Dr. Bernhard Ludvik. Er ist unter anderem Leiter der „Arbeitsgruppe Adipositas – Metabolisches Syndrom – Diabetes“ an der Wiener Universitätsklinik. „Ein strukturiertes Behandlungsangebot fehlt“, so Ludvik. „Betreut werden vor allem Menschen mit bereits schwerwiegenden Symptomen als Folge des Übergewichts.“
Das gute und breite stationäre Behandlungsangebot, z.B. an der Wiener Universitätsklinik, sei nur für einen relativ engen Personenkreis relevant. Die Betreuung der großen Masse von Menschen mit Übergewicht, vor allem jener mit noch nicht so ausgeprägten Symptomen, komme dabei viel zu kurz.
„Niedergelassene Ärzte können Übergewichtigen letztlich nur in einem sehr engen Rahmen Begleitung anbieten oder auf weiterführende Angebote verweisen“, blickt Ludvik über das Spitalsangebot hinaus. Deshalb sei es kein Wunder, wenn teils obskure Angebote zum Abnehmen nach wie vor stark genutzt würden.

Zeitprobleme in der Praxis

Die Versorgungsmankos fallen insbesondere in der Allgemein-medizin ins Gewicht, denn „All-gemeinmediziner haben aufgrund des Kassensystems nicht wirklich Zeit, Patienten umfassend zu beraten und zu begleiten“, analysiert Ludvik. Außerdem müssten Patienten in Österreich nützliche Medikamente selbst bezahlen, obwohl starkes Übergewicht von der WHO schon 1987 als Krankheit eingestuft wurde.
Als weiterer Ansatz, des Problems Herr zu werden, gilt die Identifizierung von Risikogruppen. Dazu zählen unter anderen Personen mit Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Beschwerden, mit bedenklichen Lipidwerten oder Vorzeichen von Diabetes. „Erster Schritt dazu wäre fachlich fundierte multidisziplinäre Beratung und Information“, betont Ludvik. Aber: Gemeinsame Angebote, z.B. von Allgemein- und Sportmedizinern, Diätologen, Physiotherapeuten usw., würden bislang von der Kasse überhaupt nicht finanziert bzw. von der Gesundheitspolitik institutionalisiert gefördert.
Die Liste der eingeschränkten Möglichkeiten setzt sich fort bei der langfristigen Beobachtung verschiedener Laborwerte bzw. sportmedizinischer Leistungsfähigkeit. „Nur auf einzelne Symptome zu fokussieren, reicht nicht“, betont Ludvik. „Das Problem Übergewicht erfordert echte Lebensstilmedizin, die alle Lebensbereiche abdeckt und vor allem auch auf den konkreten Alltag des Betroffenen abgestimmt ist.“

Halbherzige Kampagnen

Schließlich vermisst der Internist mutige Akzente in der Prophylaxe: „Es gibt durchaus Überlegungen und Modelle, beispielsweise ungünstige Lebensmittel stärker zu besteuern.“ Die meisten Kampagnen seien aber halbherzig und würden keine wirklichen Veränderungen im konkreten Verhalten bewirken.
Eine große Chance für konkrete, rasch umsetzbare Gegenmaßnahmen sieht Ludvik bei den Betriebskantinen: „In diesen Einrichtungen essen viele Österreicher zu Mittag, bekommen dort aber, wie auch in vielen Krankenhäusern oder Altersheimen, nicht gerade gesunde Ernährung, sondern werden oft nach traditionellen Mustern bekocht.“

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