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Das Europäische Weißbuch Lunge ist online verfügbar unter www.erswhitebook.org

 
Pulmologie 26. Oktober 2013

Zukunft der Lunge

Trends und Prognosen für die nächsten Dekaden in der neuen Ausgabe des „Europäischen Weißbuchs Lunge“.

Lungenerkrankungen sind für jeden zehnten Todesfall in Europa verantwortlich und kosten der EU geschätzte 390 Milliarden Euro jährlich. Zu diesem Schluss kommt die Neuauflage des „Europäischen Weißbuchs Lunge“, die am Kongress der European Respiratory Society (ERS) in Barcelona präsentiert wurde.

Das „Europäische Weißbuch Lunge“ erhebt Kosten und Risikofaktoren der Lungengesundheit in Europa, basierend auf aktuellen Studienergebnissen und Statistiken. Laut der neuesten Ausgabe des Weißbuchs sind Lungenkrebs, COPD, Infektionen der unteren Atemwege (einschließlich Lungenentzündungen) und Tuberkulose jene vier Lungenerkrankungen, die in Europa am häufigsten zum Tode führen und zugleich Kosten von mindestens 390 Milliarden Euro pro Jahr verursachen.

Vorbild Finnland

Die höchste Mortalität durch Lungenerkrankungen innerhalb der wohlhabenden Länder Nord-, West- und Südeuropas verzeichnen Belgien und Dänemark mit 117 Todesfällen/100.00, gefolgt von Irland (114) und Großbritannien (112) - und das, obwohl der Tabakkonsum in Ländern wie Dänemark und Großbritannien seit den 1970er Jahren erheblich zurückgegangen ist. Dies sei auf die Langzeiteffekte der vormals hohen Raucherraten zurückzuführen, die sich noch immer bemerkbar machen. Im Gegensatz dazu hat Finnland mit seinen engagierte Lungengesundheitsprogrammen die vergleichsweise niedrigste respiratorisch bedingte Todesrate erreicht (54/100.000), gefolgt von Schweden (56) und Zypern (57).

In europäischen Ländern, in denen detaillierte Daten verfügbar sind, gehen sieben Prozent aller Spitalseinweisungen auf das Konto respiratorischer Erkrankungen. Die Rate der Spitalseinweisungen reflektiert aber nicht zwangsläufig die Mortalität, wie die Autoren betonen: In manchen Ländern mit hoher Lungenmortalität (z. B. Belgien, Ungarn, Irland, Rumänien) ist zwar auch eine hohe Spitalseinweisungsrate zu beobachten; in anderen aber nicht, z.B. in Großbritannien. Umgekehrt haben manche Länder niedrige bis durchschnittliche Lungenmortalitätsraten, aber eine hohe Anzahl an lungenbedingten Spitalseinweisungen (z. B. Österreich und Litauen).

Was die Lunge kostet

Ein Kapitel des Weißbuchs Lunge widmet sich der ökonomischen Belastung durch Lungenerkrankungen. Ein Patient mit Lungenkrebs zum Beispiel verursacht durchschnittlich 364.213 Euro an direkten und indirekten Gesundheitskosten, ein Fall von Tuberkulose kostet im Schnitt 86.217 Euro.

COPD und Asthma sind mit 6.147 bzw. 7.443 Euro pro Patient und Jahr vergleichsweise billiger, jedoch bestehen diese Krankheiten über viele Jahre und betreffen viel mehr Patienten, sodass die Gesamtkosten, die durch Asthma und COPD entstehen, eine größere sozioökonomische Belastung darstellen als andere Lungenerkrankungen. Die erhobenen Daten zeigen außerdem, dass zumindest die Hälfte der Gesamtkosten für Lungenerkrankungen auf das Rauchen zurückzuführen sind.

Prognosen

Insgesamt kommt das Weißbuch Lunge zu dem Ergebnis, dass die durch Lungenerkrankungen verursachte Belastung für die Gesellschaft noch genauso groß ist wie vor 13 Jahren zur Jahrtausendwende. Daran wird sich auch, aller Wahrscheinlichkeit nach, in den nächsten 20 Jahren nichts ändern: Die lungenbezogene Gesamtmortalität in Europa wird in den nächsten beiden Dekaden konstant bleiben, auch wenn vielleicht Verschiebungen zwischen den einzelnen Erkrankungen stattfinden werden: Beim Tod durch Lungeninfektionen wird ein Rückgang erwartet, bei Lungenkrebs und COPD eine Zunahme.

Prof. Dr. Francesco Blasi, Präsident der ERS: „Für das Jahr 2030 schätzt die WHO, dass die vier wichtigsten, potenziell tödlichen Lungenerkrankungen, also Pneumonie, Tuberkulose, Lungenkrebs und COPD für jeden fünften Todesfall auf der Welt verantwortlich sein werden. 2008 war es jeder sechste. In Europa wird die Rate mit 1 von 10 Todesfällen konstant bleiben.“

Die kommenden Trends zur Asthmaerkrankung sind schwieriger vorauszusagen. In vielen europäischen Ländern hat die Prävalenz von kindlichem Asthma zugenommen, was auf verschiedene Faktoren des „westlichen“ Lebensstils zurückgeführt wird. Sollten sich in den kommenden Jahren die sozioökonomischen Bedingungen in bestimmten osteuropäischen Ländern verbessern, so ist damit zu rechnen, dass auch die Prävalenz von Asthma steigen wird.

To do

Blasi stellt fest, dass für viele Lungenerkrankungen Präventivmaßnahmen zur Verfügung stehen würden. Diese müssten effektiver implementiert werden. Vor allem die Eindämmung des Tabakrauchens sei voran zu treiben. Schon 2005 hat die WHO diesbezüglich ein Rahmenübereinkommen (Framework Convention for Tobacco Control, FCTC) getroffen. Obwohl die meisten europäischen Länder dieses Übereinkommen ratifiziert haben, lasse die Implementierung da und dort zu wünschen übrig.

In vielen europäischen Ländern würden auch die von der WHO empfohlenen Standards für Innen- und Außenluftqualität nicht eingehalten. Auch der Prävention und Kontrolle respiratorischer Infektionen sollte mehr Aufmerksamkeit zuteil werden: durch Impfprogramme, verantwortungsvollem Umgang mit Antibiotika und einem europaweiten Monitoring der Resistenzentwicklung bei Tuberkulose, Pneumonie und anderen Infektionen der Atemwege.

Das Weißbuch Lunge konstatiert weiters einen kritischen Mangel bei der Sammlung, Interpretation und Auswertung von Vergleichsdaten. Diese wären ungenau und nicht transparent. Blasi: „Alle europäischen Regierungen sind aufgerufen, die Datensammlung zu respiratorischen Erkrankungen zu verbessern und zu standardisieren.“

Quelle: ERS Press Release

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