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Foto: Buenos Dias/photos.com
Ungeachtet der aktuellen Datenlage wird grundsätzlich ein umsichtiger Umgang mit dem Mobiltelefon empfohlen.
 
Arbeitsmedizin 26. Mai 2009

Mobilfunk-Beirat gibt Entwarnung: Handystrahlen sind ungefährlich

85 Studien aus dem Jahre 2008 konnten keine negativen Effekte nachweisen. Epidemiologische Untersuchungen für Langzeitauswirkungen fehlen allerdings.

„Nach eingehender Prüfung“, so heißt es im aktuellen Bericht des Wissenschaftlichen Beirats Mobilfunk (WBF), stellt Mobilfunk – bei Einhaltung der Grenzwerte – für die menschliche Gesundheit „keine Gefahr“ dar.

 

85 Studien zum Thema „Handystrahlen“, die im Jahr 2008 publiziert wurden, hat der WBF für seinen Expertenbericht untersucht. „Die Qualität der Studien ist besser geworden“, konstatierte WBF-Vorsitzender Prof. Dr. Norbert Vana im Rahmen einer Pressekonferenz Ende April in Wien. „Studien, die vom WBF zur Meinungsbildung herangezogen werden, müssen wissenschaftlichen Mindestanforderungen genügen“, so Vana weiter. Dazu gehören Kriterien wie Nachvollziehbarkeit, Reproduzierbarkeit, eindeutig nachgewiesene Kausalität und die Unterscheidung zwischen biologischen und tatsächlich gesundheitsrelevanten Effekten.

Unabhängiges Gremium

Die Auswahl der Studien erfolgte über wissenschaftliche Datenbanken mit Hilfe von Key Words. Zur Beurteilung der Studien wurden auch externe Wissenschafter eingeladen: „Diese wurden ausdrücklich dazu aufgefordert, ebenfalls interessante Studien in die Beurteilung einzubringen“, betonte Vana. Der WBF sei unabhängig, sagte Dr. Christian Singer, Leiter der Abteilung III/PT2 Telekomrecht des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie und nicht stimmberechtigtes Mitglied des WBF: „Der WBF ist ein beratendes Gremium, hat nichts mit der Industrie zu tun und ist vollkommen unabhängig.“

Das Themenspektrum der weltweit publizierten 85 Studien reicht von der Gefahr der Tumorentwicklung über Aspekte der Befindlichkeit, zellbiologische Fragestellungen bis hin zur Dosimetrie (technische Fragen der Exposition). „Lediglich sieben Prozent der Studien beschäftigen sich mit der möglichen Gefahr einer Tumorentwicklung“, berichtete Vana. Der Anteil der Studien zu dieser Thematik ist damit deutlich geringer als in den Vorjahren. 30 Prozent der Studien untersuchten verschiedene Aspekte der Befindlichkeit (Kopfschmerz, Schlaf, Konzentration). Ein steigender Trend ist im Hinblick auf zellbiologische Fragestellungen zu verzeichnen – 20 Prozent der untersuchten Studien beschäftigen sich mit diesem Thema. Weitere 20 Prozent der Studien konzentrierten sich auf Themen der Dosimetrie – also auf Fragen der Exposition, auf Messverfahren und Ähnliches.

Befindlichkeit und Tumorentwicklung

„Die Zahl der besorgten Personen nimmt zu“, konstatierte Prof. Dr. Christian Wolf, Leiter der arbeitsmedizinischen Ambulanzen am AKH Wien. „Menschen, die sich selbst für hypersensitiv halten, berichten über Symptome, auch wenn – im Rahmen von Studien – nachweislich keine Exposition bestand.“ Die untersuchten Studien konnten keinen Zusammenhang zwischen Befindlichkeit und Exposition mit Mobilfunkstrahlung feststellen.

Die vom WBF untersuchten Studien konnten kein erhöhtes Risiko für Tumorerkrankungen zeigen. „Allerdings fehlen uns Studien zu Langzeitwirkungen“, erläuterte Vana relativierend. „Die vorliegenden Daten umfassen einen Zeitraum von weniger als fünf Jahren.“

Privat-Dozent DDr. Alfred Barth vom Institut für Managementwissenschaften der TU-Wien ergänzte: „Derartige Studien sind immer retrospektiv und beruhen auf Befragungen von Konsumenten zu ihrem Handygebrauch in der Vergangenheit – und diesbezügliche Erinnerungen sind fehleranfällig.“ So würde etwa die Anzahl der Telefonate von den Befragten deutlich unter-, ihre Dauer dagegen deutlich überschätzt. Dieser Effekt werde stärker, je länger der abgefragte Zeitraum zurückliegt.

Zu Mobilfunk und Zeugungsfähigkeit ist die Datenlage derzeit dünn. Die untersuchten Studien konnten keinen Nachweis einer Veränderung des Hormonstatus beim Mann nachweisen. Auch eine Änderung der Hörleistung oder ein Einfluss der Mobilfunkstrahlung auf das Gleichgewichtssystem konnte mit Hilfe der vorliegenden Studien nicht nachgewiesen werden.

Kinder nicht gefährdet

Zur heftig diskutierten Frage, inwieweit ein Zusammenhang zwischen Exposition und Gesundheitsbeeinträchtigungen bei Kindern besteht, gaben die WBF-Experten an, dass die untersuchten Studien keine Gefahr aufgezeigt hätten. Vana mahnte in diesem Zusammenhang allerdings einen vernünftigen Umgang mit der Technologie ein: „Es existiert derzeit kein wissenschaftlicher Hintergrund für eine Warnung vor einer Handynutzung von Kindern. Es ist allerdings zu hinterfragen, ob vierjährige Kinder unbedingt ein Handy benötigen.“

Eine Reihe von Fragen rund um die Mobilfunkstrahlung bleibt vorerst jedenfalls ungeklärt. Es fehlen epidemiologische Studien zu möglichen Langzeiteffekten bei Kindern und Erwachsenen sowie dosimetrische Untersuchungen zur Energieaufnahme im menschlichen Körper. Der WBF empfiehlt grundsätzlich einen umsichtigen Umgang mit neuer Technologie.

Von Sabine Fisch, Ärzte Woche 20 /2009

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