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Zahlenspiele in der Medizin Eine kritische Analyse Herausgegeben von Wild, Claudia/Piso, Brigitte 224 Seiten 19,90 Euro Orac, 2010 ISBN 9783701505234
 
Allgemeinmedizin 16. März 2010

Das Spiel mit den großen Zahlen

Ein neues Buch erklärt, wie die Gesundheitsindustrie mit Statistiken umgeht. Erst bei genauem Studium der Zusammenhänge wird klar, dass Wundermittel ihre Versprechen im wahren Leben oft nicht halten. Denn Ziffern ohne Kontext täuschen nur allzu leicht.

Der Umgang mit Zahlen ist vielen nicht in die Wiege gelegt. Statistiken, die Angabe von absoluten und relativen Risiken – all das zu verstehen, ist nicht leicht. Auch für Ärzte nicht. Noch weniger für Patienten. Aber mit möglichst großen Zahlen kann auch eine große Awareness erzielt werden. Angst vor Krankheiten und deren Folgen entsteht, die Wirkungen von Medizin und Arzneimitteln können so in gutem Licht dargestellt werden. Der Effekt: der Medizin-Markt wächst – und die Kosten für das Gesundheitssystem werden immer schwerer finanzierbar. Dr. Claudia Wild und Dr. Brigitte Piso geben in ihrem Buch einen Einblick in die Zahlenspiele in der Medizin und deren unerwünschte Wirkungen.

Wild und Piso sind den Umgang mit Zahlen gewöhnt. Am Ludwig-Boltzmann-Institut für Health Technology Assessment nehmen sie Nutzen und Kosten von Therapien unter die Lupe. Und studieren dafür unzählige Studien und Metastudien. Bisweilen mit Aha-Effekt, wenn sie etwa entdecken, wie aus vergleichweise harmlosen Erkrankungen schwere Volksleiden gemacht werden. Oder wie aus Risikofaktoren behandlungsbedürftige Erkrankungen werden. 14 Autoren bereiteten für das Buch Zahlen, Statistiken und Erkenntnisse auch für Menschen verständlich auf, die mit Statistiken wenig bis nichts am Hut haben.

Bluthochdruck

In den vergangenen Jahren wurden die Grenzwerte, ab wann Blutdruck als zu hoch gilt, immer niedriger angesetzt. Der Nutzen sei jedoch fraglich, so Mitautor Dr. Martin Sprenger, Public Health-Experte an der MedUni Graz. Er schreibt: „85 Prozent der behandelten Patienten haben nur einen leichten Bluthochdruck. Um ein Ereignis zu verhindern, müssen von ihnen deutlich mehr behandelt werden als Personen mit schwerem Bluthochdruck. Je größer der Nutzen, desto kleiner der Markt und umgekehrt.“ Eine weitere Herabsetzung der Grenzwerte vergrößere zwar den Markt, der Nutzen würde aber immer geringer. Bei der Buchpräsentation erzählte Sprenger in diesem Zusammenhang von einer aktuellen Studie aus Norwegen. Würde dort die gesamte erwachsene Bevölkerung nach den europäischen Guidelines 2007 behandelt, müssten drei von vier Erwachsenen blutdrucksenkende Arzneien schlucken. Aber dann, so Sprenger, ginge das norwegische Gesundheitssystem pleite.

Auch die Darstellung von Innovationen mithilfe der „relativen Risikoreduktion“ verzerrt die Perspektiven. 50 Prozent geringeres relatives Risiko klingt imposant. Aber anders ausgedrückt, heißt das, dass 1.000 Personen über fünf Jahre behandelt werden müssen, um im Vergleich zur nicht behandelten Gruppe ein Ereignis zu verhindern. 999 nehmen das Medikament ein und nehmen unter Umständen Nebenwirkungen in Kauf, haben davon aber keinerlei Nutzen.

Quelle: Podiumsdiskussion zur Buchpräsentation am 9. März 2010 im Presseclub Concordia.

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