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Antike Schriften beweisen, dass die Medizin im Islam schon seit jeher eine herausragende Rolle spielt.
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Dr. Ahmet Hamidi Internist, Theologe und Vizepräsident der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich

 
Sozialmedizin & Epidemiologie 30. September 2009

Leben ist Prüfung

Der Mensch und seine Gesundheit stehen im Zentrum des islamischen Glaubens. Leben und Gesundheit sind heilig, haben immer Vorrang und sind unantastbar.

Im Islam spielt der gesunde Umgang mit dem Körper eine entscheidende Rolle. Die Gesundheit selbst wird als eines der wichtigsten Geschenke Allahs gesehen. Damit verknüpft ist allerdings die Verpflichtung, dieses Gut zu pflegen und zu ehren.

Der Islam betrachtet den Menschen als Hauptthema: „Alles ist grundsätzlich für ein gesundes, friedliches und gerechtes Leben erschaffen worden. Weil der Mensch nicht nur körperlich existiert, sondern auch eine Seele besitzt, muss man sich beide vor Augen halten und versuchen, ein Gleichgewicht herzustellen. Denn die beiden Ebenen wirken sich aufeinander aus. Durch körperliche oder seelische Erkrankungen kann das Gleichgewicht gestört werden. Jene, denen dieses Gleichgewicht nicht gelingt, haben ein Problem“, sagt der Wiener Internist, Theologe und Vizepräsident der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Dr. Ahmet Hamidi. Neben der Medizin-Ausbildung hat Hamidi auch die Pädagogische Akademie absolviert, denn: „Ich wollte ursprünglich Lehrer werden und habe 20 Jahre am Wiener Schottenbastei-Gymnasium Religion gelehrt“. Er war an der Gründung der „Interreligiösen Plattform“ mit ihrem multikonfessionellen und disziplinübergreifenden Ansatz beteiligt und ist nach wie vor als Fachinspektor für konfessionelle Schulen in Österreich tätig.

Verpflichtung zur Behandlung

Die islamische Leidenstheologie, eingebettet in das Bezugsfeld von Sünde, Warnung, Verletzung der Rechte Gottes, Reue, Buße und Umkehr, betrachtet Krankheit, Leiden und Tod als etwas von Gott Bestimmtes. „Der Islam“, so Hamidi, „betrachtet Erkrankung nicht als Bestrafung. Wenn man innerlich überzeugt ist, dass alles – ob gut oder schlecht – von Gott erschaffen wurde, hat man damit keine Probleme. Das Leben allgemein besteht aus Prüfung, und ob man sie gut oder schlecht besteht, wird sich letztlich zeigen.“

Es entspricht muslimischer Glaubenstradition, dass Gott alles Geschehen von sekundären Ursachen und Motivationen abhängig gemacht hat. Manches, wie z.B. das Wissen um den Zeitpunkt seines Todes, bleibt dem Menschen vorenthalten. Aber Gott hat dem Menschen die Freiheit gegeben, sich um die Erforschung der sekundären Ursachen zu bemühen und zu erkennen: Geeignete Maßnahmen sollen dem Menschen Vorteile ermöglichen und ihn vor schädlichen Einflüssen schützen.

Daher sieht es der Islam auch als Verpflichtung kranker Menschen an, sich behandeln zu lassen, so rasch wie möglich – weil Gesundheit und Leben immer vorrangig sind. Die Frage, ob sich ein Moslem von einem muslimischen Arzt behandeln lassen muss oder sollte, stellt sich nicht wirklich. „Keine Vorschrift besagt, dass man sich von einem Moslem behandeln lassen muss“, so Internist Dr. Hamidi. Es gehe darum, dass man sich „ohne Hemmungen und ohne Bedenken richtig untersuchen lassen darf und kann.“ Für Frauen, vor allem streng gläubige, sei es empfehlenswert, nach Möglichkeit eine Ärztin aufzusuchen. Muslimische Fachärztinnen für Gynäkologie selbst in Wien zu finden sei gar nicht so einfach: Laut Hamidi praktizieren lediglich zwei Ärztinnen, die jedoch keine Kassenverträge haben.

Wesentlicher Grundsatz zu Förderung und Aufrechterhaltung der Gesundheit ist Hygiene. Nach einem Satz des Propheten Mohamed ist Sauberkeit und Reinheit ein wichtiger Bestandteil des Glaubens und Voraussetzung für Gottesdienst, Beten, Fasten, Pilgerfahrt etc. Hamidi: „Es geht dabei nicht nur um die Sauberkeit des Körpers allein, sondern um Reinheit im weitesten Sinn: in Gedanken, im Herzen, körperlich, auf die Kleidung bezogen, bis hin zu den Orten und Stellen, wo man lebt oder betet.“

Gesunde Ernährung würde im Koran Punkt für Punkt klar und deutlich erläutert. Wenn es um Essen und Trinken geht, gelte das Prinzip der Mäßigung, und das lautet sinngemäß: Esst und trinkt, aber verschwendet nicht, weil Gott liebt die Verschwenderischen nicht.

Auch im Islam spielt das Fasten als vierte Säule – im neunten Monat, dem Ramadan – eine wichtige Rolle: um den Verdauungsorganen eine Zeit der Ruhe zu geben, um Selbstbeherrschung zu üben, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. In der Praxis gibt es allerdings eine Bandbreite von Ausnahmen von der Regel: Fasten ist nicht Pflicht für jene, die erkrankt, auf Reisen sind, Schwangere, alte und gebrechliche Menschen, chronisch Kranke, Diabetiker, Herzpatienten und Asthma-Patienten. „Alles, was im Koran vorgeschrieben ist, konzentriert sich auf eine gesunde Lebensweise. Es geht um Selbstkontrolle und Beherrschung, um zu erleben und dafür ein Gefühl zu haben, wie es den Nicht-Habenden geht, und es geht um Hilfeleistung und Vertiefung in der Religiosität“, präzisiert Hamidi.

Das Verhältnis des Islam zu Fragen der Verhütung, Reproduktionsmedizin oder auch Abtreibung ist von einer aufgeschlossenen Grundhaltung geprägt. Verhütungsmethoden wurden bereits in der Zeit des Propheten Mohamed nicht nur erlaubt, sondern auch empfohlen. Nachdem Frauen zunächst gehemmt gewesen waren, mit derartigen Fragen an den Propheten heranzutreten, habe er sie ermuntert und aufgefordert, sich an ihn zu wenden: Wenn es um religiöse Kenntnis, Wissen und Erfahrung gehe, brauchten die Frauen keine Hemmungen zu haben. So stellten diese ihre Fragen, und Mohamed antwortete: Es gibt verschiedene Methoden, aber die beste und natürlichste ist, dass der Mann – falls er dazu in der Lage ist – sich rechtzeitig vor dem Erguss zurückzieht.

Geschützte Mutter

„Verhütungsmittel, Medikamente und Methoden unterliegen im Islam keinem Verbot“, erklärt Hamidi. Zum Thema Abtreibung: „Liegt eine medizinische Indikation vor, ist der Schwangerschaftsabbruch zulässig. Wäre das Kind gesund, aber die Gesundheit der Mutter gefährdet, steht die Mutter im Vordergrund. Denn die Mutter ist der Stamm, sie hat eine andere, besondere Verantwortung.“

In-vitro-Fertilisation und andere Methoden sind im Islam akzeptiert. „Besteht bei beiden Partnern der Wunsch nach einem Kind, ist jede vernünftige und gesunde adäquate technisch-medizinische Methodik erlaubt“, stellt Hamidi fest. Mit einer Ausnahme: Weil die Familie heilig ist und nicht zerrüttet werden darf, wird empfohlen, dass der Samen vom eigenen Mann ist, fremder Samen ist nicht erlaubt.

Für gläubige Muslime hat das Leiden einen doppelten Sinn: Einerseits verdiente Strafe für die Frevelhaftigkeit des Menschen, andererseits eine Prüfung durch Gott, der den Menschen in seinem Glauben, seiner Frömmigkeit und Treue auf die Probe stellt. Gott hat die Menschen dem Tod ausgeliefert, um sie „auf die Probe zu stellen und zu sehen, wer von ihnen am besten handelt.“ Wird Leiden somit als eine Art Bewährungsprobe aufgefasst, kann dieses mit Geduld, der im Islam zentralen und an vielen Stellen des Qur’an erwähnten Tugend, getragen werden.

Der Tod als omnipräsenter Begleiter soll nicht aus dem Leben verdrängt werden. Um des Lebens willen soll sich der Gläubige den Tod bewusst machen. Der Tod wird im Islam als Heimkehr betrachtet. Es ist die Rückkehr des Lebens zu seinem Ursprung, ein Zurückgelangen zu Gott.

Kasten:
Muslime im Spital
Im Jahr 2000 erstmals von der „Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen für mehr gegenseitiges Verständnis und Toleranz“ herausgegebene Broschüre mit „Tipps für das Krankenpflegepersonal im Umgang mit muslimischen Patienten“ mit den Kapiteln • Allgemeines zum Spitalsaufenthalt: „...sehr persönliche intime Verhältnisse werden oft aus Scheu nicht bekannt gegeben. Es ist deshalb notwendig, bei der Aufnahmeerhebung sehr behutsam vorzugehen.“
• Aufnahme ins Spital: „Wenn immer möglich, sollte jedoch die Betreuung durch eine gleichgeschlechtliche Person erfolgen.“
• Auf der Abteilung: Die Möglichkeit zur Gebetsausübung „sollte unbedingt berücksichtigt werden, ohne jedoch die notwendigen therapeutischen Maßnahmen zu beeinträchtigen.“
• Medizinisch-therapeutische Maßnahmen: „Grundsätzlich besteht auch die Möglichkeit, in allen medizinischen Bereichen, bei denen religiöse Aspekte eine Rolle spielen (z.B. Fasten, Schwangerschaftsabbruch, Organentnahme etc.) im Bedarfsfall muslimische Ärzte oder Schwestern zur Beratung und Vermittlung beizuziehen.“
• Sterben und Tod
• Der Islam: Das Wichtigste auf einen Blick. „Islam bedeutet Frieden machen zwischen sich und Gott, zwischen sich und den Menschen.“
INFO: Vermittlung von Seelsorgern in diversen Sprachen und Auskünfte in religiösen Belangen: Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich, Tel.: 01/526 31 22 Islamisches Seelsorgebüro im AKH, Ebene 5, Tel. 01/40400/1478

Von Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche 40 /2009

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