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Infektiologie 17. Oktober 2016

Crystal Meth in der Schwulen-Szene

Dauererektion, sexuelle Enthemmung und Schmerzunempfindlichkeit: Aufgrund solcher Wirkungen ist Crystal Meth mittlerweile der Renner auf Schwulen-Partys. Der Suchtmediziner Dr. Jörg Gölz erklärt, was die Droge in der homosexuellen Szene so gefährlich macht.

Die Slamming-Party ist für manche in der schwulen Community wie die Pilgerreise nach Rom für strenggläubige Katholiken: ein Ereignis, das man mitgemacht haben muss. Den Kick („Slamming“ kommt von engl. „to slam“= knallen und „slammin‘“ = voll krass) verschafft in diesem Fall Crystal Meth: Intravenös gespritzt löst die Modedroge in Sekundenschnelle eine extreme Freisetzung von Dopamin und Noradrenalin aus. So etwas geschieht sonst nur bei einem außergewöhnlich freudigen Ereignis, nach der bestandenen Matura, bei der Geburt eines Kindes oder für manche auch beim Anblick eines Popstars oder des Kirchenoberhaupts.

Dem Berliner Suchtmediziner Dr. Jörg Gölz zufolge ist dieses starke Erlebnis der Hauptgrund, warum sich die schwulen „Romeos“ später so schwer wieder von Crystal Meth loseisen können. Die pharmakologischen Eigenschaften der Droge kommen den Bedürfnissen der Partygäste sehr entgegen: Crystal steigert Libido und Potenz und ermöglicht eine retardierte Ejakulation. Man kann also, sagt Gölz, „die ganze Nacht durchmachen, bleibt ununterbrochen geil“.

Gleichzeitig senkt die Substanz die Schmerzschwelle und wirkt enthemmend. Der User traut sich plötzlich, auch verpönte sexuelle Fantasien auszuleben. Mit Techniken wie dem Fisting (Einführen der Faust ins Rektum und Rütteln bis zum Orgasmus) oder mit Hilfsmitteln wie Noppen oder Spitzen auf dem Kondom lasse sich, so Gölz, „sehr viel mehr an Reiz herstellen als beim durchschnittlichen heterosexuellen Verkehr gewünscht wird“.

Durch die damit verbundene Verletzungsgefahr, so der Infektiologe, steige auch das Risiko, sich mit sexuell übertragbaren Erkrankungen (STI), u. a. Hepatitis C, zu infizieren. Begünstigt werde dies durch die Tatsache, dass die Darmschleimhaut aufgrund der Crystal-Wirkung extrem austrocknet und Kondome unter diesen Bedingungen leicht reißen.

Gölz rät, in jedem Fall Gleitgel zu benutzen, Dildos, Handschuhe und Kondome nach jedem Gebrauch zu wechseln bzw. sorgfältig zu desinfizieren und vor allem für die Injektion von Crystal Meth ein eigenes Spritzbesteck zu verwenden. Hierfür sei destilliertes Wasser zu verwenden und in keinem Fall, wie mitunter praktiziert, Toilettenwasser.

Vor einem Entzug sei es wichtig, die Betroffenen auf die bevorstehende „monatelange Anhedonie“ hinzuweisen. Der komplette Verlust des sexuellen Verlangens sei oft der Grund, warum eine Langzeittherapie abgebrochen werde.

In Großstädten in ganz Europa wird Crystal Meth mittlerweile im großen Stil gehandelt. Die Zahl der Sicherstellungen ist zwar in den vergangenen Jahren etwas gesunken; nach Gölz bedeutet dies jedoch nur, dass es professionelle Händler sind, die sich nicht mehr so leicht erwischen lassen. Eine große Gefahr besteht vor allem darin, dass sich Crystal Meth sehr leicht herstellen lässt und daher billig zu haben ist: Eine Herdplatte, ein Dampfkochtopf und Hustensaft genügen, um beispielsweise aus Ephedrin den Wirkstoff Methylamphetamin herzustellen. Substanzen, die z. B. in Abflussreiniger oder Frostschutzmittel enthalten sind, dienen zur Wirkungsverstärkung. Experten warnen, dass Crystal Meth extrem schnell süchtig macht und bereits ab dem ersten Konsum zu körperlichen und geistigen Schäden führt.

Der Originalartikel „Nie wieder langweiligen Sex“ ist erschienen in „MMW – Fortschritte der Medizin“ (2016) 158, DOI: 10.1007/s15006-016-8749-0, © Springer Medizin

Elke Oberhofer

, Ärzte Woche 42/2016

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