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Djerassi und die Folgen

55 Jahre nach Markteinführung der Pille sind 67 Prozent der Haushalte in Österreich kinderlos.

Der Chemiker Carl Djerassi hatte es zwar nie vor, aber seine bahnbrechende Arbeit über die Synthese von Norethindron revolutionierte die Empfängnisverhütung für immer. Eine Psychotherapeutin gießt die Veränderungen im menschlichen Zusammenleben in Zahlen.

In einem Interview mit der ZEIT (7. Jänner 2013), zwei Jahre vor seinem Tod, sagte der Chemiker Carl Djerassi: „Der einzige Ruhm, der für einen Chemiker wirklich zählt, ist der Ruhm unter Kollegen. Es ist unerheblich, wenn Zeitungen schreiben, dass ich ein großer Chemiker sei. Nur wenn die allerwichtigsten Chemiker der Welt das glauben, dann bin ich es auch. Und ich habe meinen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Ruhm zwar mit der Pille errungen, aber andere Sachen sind für mich viel wichtiger gewesen.“

Die „Mutter der Pille“ verstand sich als Botschafter der Kultur. Die anderen Sachen waren „Vier Juden auf dem Parnass“ und vier weitere Romane, neun Theaterstücke schuf er in den Jahren ab 1980. Das Sammeln von Kunst, vor allem Gemälde von Paul Klee und Pablo Picasso füllten ihn aus. Sein klug erworbenes Aktienkapital erlaubte ihm beachtliche Kunstsammlungen, schreibt Prof. Hans Ludwig in seinem Nachruf in der Zeitschrift „Der Gynäkologe“ (4/2015).

Doch hier soll es um die Folgen der von Djerassi kleingeredeten Errungenschaft gehen. Gegen den Ausdruck Anti-Baby-Pille habe sich der in Wien aufgewachsene Sohn eines bulgarischen Dermatologen und einer Zahnärztin gewehrt. Motiv seiner Forschung sei die Rolle des Progesterons in der menschlichen Reproduktion gewesen, nicht die Verhinderung von Nachwuchs. Dass mit der oralen Verfügbarkeit einer dem Progesteron nachempfundenen Substanz zehn Jahre nach der gelungenen Synthese von Norethindron, die Grundsubstanz der Pille, eine Neuorientierung der Empfängnisverhütung einsetzen sollte, war nicht vorhersehbar.

Der Effekt war eine Sensation, die ihn in die Öffentlichkeit katapultiert habe, schreibt Gynäkologe Ludwig. 55 Jahre danach ist die Welt eine andere, Verhütung war früher ein Glücksspiel, dank Anti-Baby-Pille ist Familienplanung möglich. Nadine Wickert, Psychodrama-Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision (ÖAGG), in freier Praxis tätig in Wien, beschreibt in der Zeitschrift „Psychodrama und Soziometrie“ die Auswirkungen auf die Familienformen im deutschsprachigen Raum.

Neben der Kernfamilie stellt sie die weiteren quantitativ bedeutungsvollsten Familienformen dar (Ein-Eltern-Familien, Lebensgemeinschaften mit Kindern, transkulturelle Familien). Zudem geht sie darauf ein, dass neben der biologischen auch die soziale Elternschaft immer bedeutungsvoller werde, z. B. in Stieffamilien, aber auch in Regenbogen- und Inseminationsfamilien. Zuletzt thematisiert sie wie sich die Größe der Familie auf ihr Zusammenleben auswirkt und welche Gender Gaps bestehen.

Vater, Mutter, Kinder

Wickert beschreibt die 30er-Feier ihrer Schwester: „Mir gegenüber sitzen meine Großeltern, drei Großelternteile leben noch. Alle drei haben sie den Zweiten Weltkrieg miterlebt, in der Nachkriegszeit geheiratet und in den Baby-Boom-Jahren Kinder bekommen – meine Eltern, Tanten und Onkel. Damals – in den 1950er- und 1960er-Jahren – erreichte eine Familienform normative und gesellschaftliche Verbindlichkeit, die noch heute unser Bild von Familie maßgeblich prägt: die Kernfamilie, bestehend aus Vater und Mutter, durch Eheschließung verbunden, und einem oder mehreren leiblichen Kindern.“

Diese Kernfamilie habe Sicherheit und Stabilität gegeben, sei ein Rückzugsort der Heimeligkeit nach den chaotischen Kriegsjahren gewesen, in denen Millionen von Familien zerrissen und zerstört worden waren. Mehr als 90 Prozent der Kinder wuchsen während des so genannten „Golden Age of Marriage“ in einer Kernfamilie auf. Nur jedes zwanzigste Kind wurde damals unehelich geboren.

Seit Mitte der 1960er Jahre aber gerate die Kernfamilie ins Wanken, der demografische Wandel habe eingesetzt und mit der Einführung der Anti-Baby-Pille und der Veränderung der Rolle der Frau sei es zu einem starken Geburtenrückgang gekommen, wobei im deutschsprachigen Raum seit 2002 wieder ein leichter Aufwärtstrend, in Skandinavien sogar ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen sei (laut OECD).

Während die Geburtenrate gesunken sei, sei gleichzeitig die Lebenserwartung gestiegen, sodass es heute prozentual weniger Kinder und mehr alte Menschen denn je gebe. Der überwiegende Großteil der Haushalte im deutschsprachigen Raum sei heute kinderlos, 67 Prozent in Österreich, 72 Prozent in Deutschland und 74 Prozent in der Schweiz.

Mutter, Kind

Stetig wachse die Zahl der Alleinerziehenden, wobei die Anteile an dieser Familienform erheblich voneinander abweichen. Während in Deutschland 21 Prozent aller Kinder in Ein-Eltern-Familien aufwachsen und diese Familienform damit nach der Kernfamilie die zweitgrößte ist, leben in der Schweiz und Österreich nur rund 13 bzw. 14 Prozent aller Kinder in Ein-Eltern-Familien. Zu den Alleinerziehenden zählen all jene Mütter und Väter, die ohne Ehe- oder LebenspartnerIn mit mindestens einem minderjährigen Kind in einem Haushalt leben. 90 Prozent der Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern sind Frauen.

Neben den Alleinerziehenden haben nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern zugenommen. 15 Prozent aller Familien in Österreich sind nichtehelich. Die meisten Paare heiraten um die Geburt des ersten Kindes herum oder kurz danach. Aus der Mehrzahl der nichtehelichen Lebensgemeinschaften mit Kindern werde eine klassische Kernfamilie.

Kind?

So wie die Heirat habe sich die Geburt des ersten Kindes nach hinten verschoben. Während innerhalb der OECD-Mitgliedsstaaten das Durchschnittsalter von Frauen, die ihr erstes Kind gebaren, 1970 noch bei 24 Jahren lag, liege es heute bei 28 Jahren. Damit verkürze sich das Intervall, innerhalb dessen Frauen Kinder bekommen können, diese Zeitspanne mache ein Viertel der Lebenszeit aus; vor 100 Jahren betrug ihr Anteil mehr als die Hälfte. Das alles lasse darauf schließen: „Die Familie der Gegenwart gibt es nicht, nur Familien, im Plural.“

Der Artikel basiert auf der Veröffentlichung „Familien der Gegenwart“ in der „Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie“ 14/2015, © Springer Verla g.

Zur Person

Carl Djerassi

Der Erfinder der Anti-Baby-Pille emigrierte 1938 aus Österreich in die USA. Dort studierte er nach Abschluss des College mit einem Stipendium Chemie, zunächst in Missouri und später an der University of Wisconsin, an der er 1945 promovierte. Nach der Graduierung fand er Anstellung bei Ciba in New Jersey, später bei Syntex in Mexico City. Dort gelang seiner Forschergruppe (mit Luis E. Miramontes und George Rosenkranz, 15.10.1951) die Synthese von Norethindron, dem ersten (oral verfügbaren) Progestagen, das später Grundsubstanz der in Zusammenarbeit mit Gregory G. Pincus, Min Chueh Chang und John Rock konzipierten „Pille“ wurde („Pincus-Pille“).

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