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Vor allem ältere Frauen sollten nach etwaigen sexuellen Problemen gefragt werden.
 

Gezielt ansprechen

Jede zehnte Frau leidet an einer Sexualstörung.

Für knapp die Hälfte der Frauen wäre der Gynäkologe der Ansprechpartner Nummer 1 bei Problemen mit der Sexualfunktion, doch die vermeiden dieses Thema häufig. Dabei braucht es „sexualmedizinisch sichere Ärzte“ für eine zielgerichtete Diagnostik und Therapie, meint Dr. Elia Bragagna, Wien. Das gilt auch und gerade bei Patienten im Senium.

Gynäkologen sind Wegbegleiter durch ein ganzes Frauenleben. Dazu gehört auch die Betreuung in sexualmedizinischen Fragen. Das sehen viele Frauen ähnlich. Immerhin 47 Prozent nennen den Gynäkologen als ersten Ansprechpartner bei Sexualstörungen. 39 Prozent würden eher den Allgemeinmediziner wählen. Vermindertes sexuelles Verlangen mit einer Prävalenz von zehn Prozent wird als häufigstes Problem genannt, gefolgt von Erregungs- und Orgasmusstörungen mit jeweils etwa fünf Prozent.

Um eine Sexualstörung handelt es sich aber nur dann, wenn die Frau auch darunter leidet. Und das ist bei insgesamt zwölf Prozent der Frauen der Fall. Viel zu häufig sprechen die Frauenärzte ihre Patientinnen nicht auf ihre sexualmedizinische Gesundheit an. Nur neun Prozent der Frauen werden von ihrem Frauenarzt aktiv darauf angesprochen, bemängelt Bragagna.

„Es braucht aber sexualmedizinisch sichere Ärzte“ betonte sie auf dem Fortbildungskongress der Frauenärztlichen Bundesakademie (FOKO) in Düsseldorf. Andernfalls komme es zu Fehldiagnosen und zur Fehltherapie. Umgekehrt sucht nur ein geringer Teil der Frauen aktiv Hilfe bei ihrem Gynäkologen, meist im Rahmen von Kontrolluntersuchungen und nicht selten „zwischen Tür und Angel“. Die Gründe liegen einer Umfrage zufolge auf der Hand: Etwa zwei Drittel sind überzeugt davon, dass der Arzt ihr sexuelles Problem nicht ernst nimmt, oder glaubt, dass er ihnen ohnehin nicht helfen kann. Knapp 70 Prozent haben den Eindruck, dass dieses Thema dem Arzt unangenehm ist.

Schmerzhafter Geschlechtsverkehr

Ein Aspekt, den es diagnostisch zu berücksichtigen gilt, ist die Psyche. Ursache für vermindertes sexuelles Verlangen ist bei Frauen häufig mangelnde emotionale Nähe. Die Mehrheit lebt in langen Beziehungen und befindet sich „in einem Zustand der sexuellen Neutralität“. Kann emotionale Nähe wieder hergestellt werden, kann auch körperliche Nähe wieder stattfinden.

Es sollte aber nicht nur auf die Psyche geschaut werden, sondern ganz konkret auf somatische Störungen. So kann bei chronisch schmerzhaftem Geschlechtsverkehr eine Vulvabiopsie Klarheit bringen. In 61 Prozent der Fälle stecken klinisch relevante Krankheitsbilder dahinter, am häufigsten ein Lichen sclerosus oder eine allergische/irritative Dermatitis, seltener ein Lichen planus, vereinzelt auch eine plasmazelluläre Vulvitis, eine Psoriasis oder eine vulväre intraepitheliale Neoplasie.

Nach Sexualstörungen des Partners fragen

Gefragt werden sollte immer auch nach sexuellen Problemen des Partners. Denn leidet der Mann unter einer Sexualstörung, hat dies auch Auswirkungen auf die Sexualität der Frau. So halbiert sich bei Männern mit erektiler Dysfunktion nicht nur die Orgasmushäufigkeit der Frau; auch deren sexuelles Verlangen und die sexuelle Erregung gehen deutlich zurück. „Drei Viertel der Partnerinnen von Männern mit einer ED haben mindestens eine Sexualstörung“, so Bragagna.

Mit DHEA gegen das Androgenmangelsyndrom

Besonders problematisch kann die Sexualität im Senium werden. Komorbiditäten und Medikamente, etwa Antidepressiva, können die Lust zunichte machen. Fehlt sexuelles Verlangen, kann ein physiologisch oder iatrogen bedingtes Androgenmangelsyndrom zugrunde liegen. Einen Versuch wert ist dann laut Dr. Nicole Sänger, Universitätsklinikum Frankfurt, die Gabe von oralem DHEA (Dehydroepiandrosteron), einer Vorstufe von Testosteron. Erschwert eine trockene Scheide den Geschlechtsverkehr, können eine lokale Therapie mit Estrogen oder Anästhetika ebenso helfen wie Lubrikativa.

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Sex im Senium bringt aber nicht nur Probleme, betonte Sänger und verwies auf die positiven Aspekte, nämlich keine Angst vor Schwangerschaft, längere Koitusdauer, da seltener vorzeitige Ejakulationen, der Leistungsdruck fällt weg. Dazu kommen eine gesteigerte Intimität durch lange Vertrautheit und häufig auch mehr Zärtlichkeit und intime Kommunikation. Trotz sexuellen Interesses und sexueller Kompetenz müssen alte Menschen aber häufig ihre sexuellen Wünsche unterdrücken, wegen einer fehlenden Privatsphäre, etwa wegen des Aufenthalts in einem Pflegeheim, oder auch wegen des Tods des Partners.

springermedizin.de/CL, Ärzte Woche 10/2014

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