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Prof. Dr. Michaela Bayerle-Eder, Klinik für Innere Medizin III, Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel der Medizinischen Universität Wien 
© schewig fotodesign
 
Kardiologie 5. November 2012

Ohne Angst zurück zur Sexualität

Nach Herzinfarkt und bei koronarer Herzkrankheit: „Use it or lose it“ .

Patienten nach Herzinfarkt und bei koronarer Herzerkrankung sollten – abhängig vom Risiko – so früh wie möglich ein Training sowohl der kardialen als auch der genitalen Gefäße beginnen, da dies die Wiederherstellung der Organfunktion fördert.

Ein wichtiger Bestandteil der Lebensqualität nach Herzinfarkt oder bei koronarer Herzkrankheit (KHK) ist die Erhaltung oder Wiederherstellung der Sexualität. Oft gehen Herzerkrankungen mit nachfolgender Angst, Depression und sozialer Vereinsamung einher, die durch den sexuellen Rückzug noch weiter verstärkt werden (Stenke et al, 2008). Eine Wiederaufnahme sexueller Intimität ist daher sowohl für das „psychische“ Wohlbefinden als auch für den Erhalt der „sexuellen Organfunktion“ besonders wichtig: Durch regelmäßigen Sport (z. B Koronarsportgruppen), möglichst früh nach Herzinfarkt oder bei stabiler KHK kommt es zur Verbesserung der Endothelfunktion der koronaren, aber auch der penilen Gefäße. In einer Studie an Adipösen mit erektiler Dysfunktion konnte bei 30 Prozent der Patienten allein durch Bewegung die Sexualfunktion komplett wiederhergestellt werden (Esposito et al).Je früher sexuelle Aktivität wieder aufgenommen/probiert wird, desto eher kann eine Aufrechterhaltung/Wiederherstellung der Sexualfunktion erreicht werden, frei nach dem Motto „Use it or Lose it“.

Beim sexuellen Akt ist eine Leistung von etwa 3 bis 5 MET (Metabolisches Äquivalent) oder 25 bis 75 Watt notwendig. Das entspricht folgender Belastung: Zwei Treppenabsätzen in zehn Sekunden erklimmen, zwei Stockwerke im normalen Tempo hinaufsteigen, im Garten arbeiten, Golf spielen oder 1.6 km in 20 Minuten im Flachen gehen. Es kommt nur selten zu einem höheren Blutdruckanstieg als systolisch 170mmHg und einen Herzfrequenzanstieg über 140 bpm (Cheitlin et al 2005). Daher kann allen klinischen stabilen Patienten mit niedrigem Risiko sexuelle Aktivität empfohlen werden (Tabelle 1).

Die Angst vor einer „Angina d `amour“ oder plötzlichem Herztod während des sexuellen Aktes ist unbegründet, da ‹1 Prozent aller akuten Herzinfarkte und 1,7 Prozent des plötzlichen Herztodes bei sexueller Aktivität auftreten (de Busk et al, 2003). Von den Betroffenen waren zudem 93 Prozent Männer, die zu 75 Prozent einen außerehelichen sexuellen Verkehr mit einer deutlich jüngeren Partnerin in ungewohnter Umgebung nach exzessiver Alkohol und Nahrungsaufnahme durchführten (Dahabreh et al, 2011).

Allen Patienten, die sich in einem instabilen Zustand (hohes Risiko) befinden, wird empfohlen, von sexueller Aktivität bis zur Stabilisierung des Zustandsbildes Abstand zu nehmen.

Sexualfunktion und kardiovaskuläre Medikamente

Viele Klassen von kardiovaskulären Medikamenten stehen im Ruf, eine Sexualfunktionsstörung zu verursachen (Nocebo-Effekt). Rezente Studien zeigen jedoch keinen klaren Zusammenhang: In einer Metaanalyse über 15.000 Fälle unter Blockertherapie und sexueller Funktionsstörung konnte legendlich bei fünf von 1.000 Männern eine Sexualfunktionsstörung nachgewiesen werden (Ko et al, 2002). Bei Frauen kann es unter Thiazid-Diuretika-Therapie und Spironolacton zu Lubrikationsstörungen bzw. Zyklusveränderungen kommen (Steinke et al, 2008), was eine Umstellung auf Eplerenon sinnvoll machen könnte. Von der Substanzklasse der AT-II-Antagonisten scheint Valsartan einen eher positiven Effekt auf die sexuelle Funktion auszuüben (Düsing et al, 2003).

In jedem Fall sollte die Sexualfunktion vom behandelnden Arzt angesprochen werden und im Einzelfall auf ein anderes Präparat umgestellt werden, um ein selbstständiges Absetzen des Präparates aufgrund eines vermeintlichen Nocebo-Effekts zu verhindern.

Therapie der Sexualfunktionsstörung bei Herzpatienten

Wichtig ist es, dem Patienten klar zu machen, dass die kardiovaskuläre Therapie gleichzeitig auch eine Therapie zur Aufrechterhaltung/Wiederherstellung der Sexualfunktion durch Reduktion der gemeinsamen Risikofaktoren, insbesondere Diabetes, aber auch Bewegungsmangel, Dyslipidämie, Hypertension, Rauchen, Adipositas, ist und eine Lifestyle-Modifikation im Vordergrund steht. Bis zu 85 Prozent aller Patienten mit KHK leiden auch an einer erektilen Funktionsstörung (ED). Umgekehrt stellt erektile Dysfunktion einen unabhängigen Risikofaktor für eine KHK dar und ist mit 60 bis 80-prozentigen Wahrscheinlichkeit, in drei bis fünf Jahren zu einer KHK zu führen, assoziiert.

Bei Patienten mit einer ED sollte unbedingt eine kardiale Risikoevaluierung erfolgen. Patienten mit einem niederen Risiko wird sexuelle Aktivität empfohlen werden und es können auch PDE-5 Hemmer verordnet werden. Die Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit von Tadalafil, Sildenafil und Vardenafil bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen wurde in zahlreichen, kontrollierten Studien nachgewiesen (DeBusk et al, ,Jackson et al). Zu beachten ist der zeitliche Abstand von Nitropräparaten (Tadalafil 48 Stunden, Sildenafil und Vardenafil 24 Std.). Eine gleichzeitige Einnahme mit Nitraten ist unbedingt zu vermeiden, da es zu unkontrolliertem Blutdruckabfall kommen kann. Für Vardanafil wurde eine Verlängerung des QT-Intervalls gezeigt und es sollte daher bei Patienten, die Klasse Ia oder Klasse III Antiarrhythmika bekommen, vermieden werden. Die Wirksamkeit von PDE-5 Inhibitoren ist bei Patienten mit metabolischem Syndrom deutlich herabgesetzt (Suetomi et al, 2008).

Für Frauen mit Erregungsstörungen konnte keine Wirkung eines PDE-5 Inhibitors gezeigt werden. (Chivers ML et al 2010). Bei Östrogenmangel bedingter Lubrikationsstörung und dadurch erhöhten Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs kann eine lokale Östrogentherapie verordnet werden, ohne das kardiale Risiko zu erhöhen (Chery et al, 2002).

Patienten mit einem hohen Risiko sollten von sexueller Aktivität Abstand nehmen, bis sich der Zustand stabilisiert hat. Patienten mit einem mittleren Risiko (mit drei oder mehr kardialen Hauptrisikofaktoren, einer moderate Angina pectoris oder mit nicht kardialen Gefäßerkrankungen) sollten sich einer Belastungsdiagnostik (z. B. Fahrradergometrie) oder einer Bildgebung (multislice CT) zur Risikoevaluation unterziehen und je nach Ergebnis in niederes oder hohes kardiales Risiko eingeteilt werden. Bei hohem Risiko sollte eine Überweisung zum Kardiologen erfolgen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass nach Herzinfarkt und bei KHK ein möglichst frühes Training sowohl der kardialen als auch der genitalen Gefäße die Wiederherstellung der Organfunktion fördert. Alle Patienten mit niederem kardialem Risiko sollen sexuell aktiv sein und können auch mit PDE-5 Hemmer bzw. lokalem Östrogen therapiert werden. Patienten mit hohem kardialem Risiko müssen zuerst stabilisiert werden, ein mittleres kardiales Risiko muss mittels Belastungstest evaluiert werden, bevor Verkehr uneingeschränkt empfohlen werden kann. Wichtig ist es, dem Patienten und seinem Partner die Angst vor der Sexualität zu nehmen und die gemeinsame Lebensqualität wiederherzustellen.

Referenzen:

Cheitlin MD et al. Sexual activity and cardiac risk. Am J Cardiol. 2005 Dec 26;96

Cherry N et al, Oestrogen therapy for prevention of reinfarction in postmenopausal women: a randomised placebo controlled trial. Lancet. 2002 Dec 21-28;360(9350):2001-8.

Chivers ML, Rosen RC. Phosphodiesterase type 5 inhibitors and female sexual response: faulty protocols or paradigms? Sex Med. 2010 Feb;7(2 Pt 2):858-72

Dahabreh IJ et al. Association of episodic physical and sexual activity with triggering of acute cardiac events: systematic review and meta-analysis.JAMA. 2011 Mar 23;305(12):1225-33.

DeBusk RF et al. Sexual activity in patients with angina. JAMA. 2003 Dec 17;290(23):3129-32.

DeBusk RF, Efficacy and safety of sildenafil citrate in men with erectile dysfunction and stable coronary artery disease. Am J Cardiol. 2004 Jan 15;93(2):147-53.

Düsing Ret al. Effect of the angiotensin II antagonist valsartan on sexual function in hypertensive men. Blood Press Suppl. 2003 Dec; 2:29-34.

Esposito K et al. Effect of lifestyle changes on erectile dysfunction in obese men: a randomized controlled trial.

Esposito K et al., Effect of lifestyle changes on erectile dysfunction in obese men: a randomized controlled trial.JAMA. 2004 Jun 23;291(24):2978-84.

Jackson G et al.Update on clinical trials of tadalafil demonstrates no increased risk of cardiovascular adverse events. J Sex Med. 20

04 Sep;1(2):161-7.

Ko DT et al. Beta-blocker therapy and symptoms of depression, fatigue, and sexual dysfunction. JAMA. 2002 Jul 17;288(3):351-7.

Levine GN et al. Sexual activity and cardiovascular disease: a scientific statement from the American Heart Association. Circulation. 2012 Feb 28;125(8):1058-72.

Steinke EE et al. The role of sexual satisfaction, age, and cardiac risk factors in the reduction of post-MI anxiety.

Schouten BW et al. Erectile dysfunction prospectively associated with cardiovascular disease in the Dutch general population: results from the Krimpen Study.

Eur J Cardiovasc Nurs. 2006 Sep;5(3):190-6. Int J Impot Res. 2008 Jan-Feb;20(1):92-9

Suetomi T et al. Negative impact of metabolic syndrome on the responsiveness to sildenafil in Japanese men. J Sex Med. 2008 Jun;5(6):1443-50.

M. Bayerle-Eder, Ärzte Woche 45/2012

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