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Pille und Kondom sind die beliebtesten Verhütungsmittel in Österreich. Wenige wissen, dass Kondome nur mittelmäßig wirksam verhüten.
 

So verhütet Österreich

77 Prozent schützen sich vor ungewollten Schwangerschaften, allerdings oft mit unzureichenden Methoden. Für viele Österreicher ist Verhütung auch eine Frage des Geldes.

Neben der Wirksamkeit spielen praktische Überlegungen bei der Auswahl der Methode eine Rolle: Man/frau möchte nicht dauernd an Verhütung denken und Sexualität soll spontan möglich sein. Verhütungsmittel auf Krankenschein würden zu deutlich weniger ungewollten Schwangerschaften führen. In allen Altersgruppen besteht Aufklärungsbedarf über die Wirkweise und Verlässlichkeit der verschiedenen Verhütungsmethoden.

Für die meisten Österreicherinnen und Österreicher ist es selbstverständlich zu verhüten. Auffällig ist jedoch, dass die angewendeten Methoden vielfach nur mittelmäßig wirksam sind. Allerdings würden viele auf effektivere Methoden umsteigen, wenn es dafür finanzielle Unterstützung durch die Krankenkassen gäbe.

Erster österreichischer Verhütungsreport

Mehr als 1.000 Frauen und Männer im Alter von 16 bis 49 Jahren wurden vom Marktforschungsinstitut Integral in eine repräsentative Umfrage einbezogen. Darin zeigt sich, dass 77 Prozent der Befragten in den letzten zwölf Monaten verhütet haben. Am häufigsten in Wien (83%) und Salzburg (82%). Burgenland, Vorarlberg und Tirol sind diesbezüglich die Schlusslichter.

Verhütungsmuffel nennen als Gründe: kein Sex (39%, Gesamtanteil: 9%), Unfruchtbarkeit (23%, Gesamtanteil: 5%), Kinderwunsch (15%, Gesamtanteil: 3%) und gleichgeschlechtlicher Sex (4%, Gesamtanteil: 1%).

Bildung und Einkommen beeinflussen die Verhütung: Österreicher mit Matura verhüten häufiger (83%) als Frauen und Männer mit niedrigerer Bildung (74%). Und diejenigen mit einem monatlichen Einkommen über 2.000 Euro verhüten etwas häufiger (79%) als Frauen und Männer, deren Haushaltseinkommen darunter liegt (74%).

Nicht mit Sex gerechnet

Für Gesundheitspsychologin Mag. Petra Schweiger gilt gerade die Gruppe, die „keinen Sex“ angibt, als besonders gefährdet, ungewollt schwanger zu werden: „Auf Verhütung zu verzichten, weil man/frau derzeit in keiner intimen Beziehung lebt, ist nachvollziehbar. Allerdings ergibt sich Sexualität meist spontan. Das führt für diese Frauen und Männer zu einem besonders hohen Risiko, wie ich aus langjähriger beruflicher Praxis berichten kann.“ Bestätigt wird dies durch Daten von Frauen, die zu einem Schwangerschaftsabbruch kommen: Ein Drittel der Frauen wurde ungewollt schwanger, weil sie nicht verhütet haben. Viele davon haben auf Verhütung verzichtet, weil sie nicht mit einer sexuellen Beziehung gerechnet haben.

Dieses Risikoverhalten ist vor allem bei jüngeren Frauen anzutreffen: die meisten ungewollten Schwangerschaften und auch Abbrüche haben Frauen zwischen 21 und 30 Jahren.

Ebenso riskant ist die Annahme älterer Frauen, nicht mehr fruchtbar zu sein. Der Schein kann trügen: 0,4 Prozent der Frauen, die zu einem Schwangerschaftsabbruch kommen, sind zwischen 46 und 50 Jahre alt. Die Empfehlung der WHO lautet, bis zum 52. Lebensjahr zu verhüten.

Angewendete Methoden

Unter den wirksamen Methoden (Praktischer Pearl Index PI 4–10) ist die Pille mit 54 Prozent der absolute Spitzenreiter, gefolgt von den sehr wirksamen Methoden (PI<4) Hormonspirale (9%) und 3-Monatsspritze (7%). Bei den mittelmäßig wirksamen Verhütungsmethoden (PI 10–20) führt das Kondom (58%). Mehr als ein Viertel der Befragten hat wenig wirksam verhütet: „aufgepasst“ (11%), Tage gezählt (9%) und Selbstbeobachtung angewendet (8%). Mehrfachnennungen waren möglich und tatsächlich gaben 56 Prozent der Befragten an, sie hätten im letzten Jahr mehr als eine Verhütungsmethode angewendet.

Selbsteinschätzung ist verbesserungsbedürftig

Zwei Kriterien sind für die meisten Menschen am wichtigsten bei der Auswahl einer Verhütungsmethode: die Wirksamkeit (70%) und dass mit der Methode weiterhin spontaner Sex möglich ist, bzw. frau/man beim Sex nicht an Verhütung denken muss (69%).

Das Wissen der Österreicher über die Details der verschiedenen Verhütungsmethoden ist gering. Erklären können die meisten das Kondom und die Pille. Die sicheren hormonellen Langzeitmethoden kann die Hälfte der Befragten nicht erklären und zwar in allen Altersgruppen.

Ein großer Teil der Österreicher wendet mittelmäßig oder wenig wirksame Methoden an, glaubt aber, sehr gut oder gut geschützt zu sein. Mehr als zwei Drittel halten das Kondom fälschlicherweise für eine hochwirksame Methode. Und auffallende 41 Prozent finden, dass „Aufpassen“ und „Tage-zählen“ sehr wirksame Methoden seien. „Hier offenbart sich ein großer Informationsbedarf und zwar in allen Altersgruppen“ erklärt DDr. Christian Fiala, Leiter des Ambulatoriums Gynmed, Wien.

Verhütung auf Krankenschein: was würde sich ändern?

Würden – so wie in anderen westeuropäischen Ländern – die Kosten für Verhütungsmittel von der Krankenkasse bezahlt, dann würde jede/r zweite Befragte eine andere Methode wählen und zwar meist eine wirksamere. Zum Beispiel würden zwei Drittel der Hochrisikogruppe der „Aufpasser“ eine wirksamere, aber kostspieligere Methode wählen. Und von denjenigen, die derzeit gar nicht verhüten, würden sich 42 Prozent schützen.

Hier wird deutlich, dass sich jüngere Menschen (16 bis 20 Jahre) bzw. Frauen und Männer mit geringem Einkommen am intensivsten für einen Methodenwechsel interessieren (jeweils 56%). Gynäkologe Fiala sieht hier eine große Chance, ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Er empfiehlt der Politik, wirksame Verhütungsmethoden über Krankenschein zugänglich zu machen. Bemerkenswert ist auch, dass zwölf Prozent aller Männer und neun Prozent aller Frauen sich bei einer Kostenübernahme durch die Sozialversicherung sterilisieren lassen würden.

Pech und Pannen

48 Prozent der Frauen berichten über Probleme bei der Pilleneinnahme. Diese sind unabhängig von der Sexualität und im Wesentlichen Probleme mit der täglichen Einnahme oder dem regelmäßigem Besorgen eines Rezeptes. Nur vier Prozent aller Pillen-Anwenderinnen vertragen die Pille schlecht.

Ein Drittel der Männer hatte Probleme mit Kondomen. Es waren meist Probleme mit der Anwendung, die während dem Sex auftraten: geplatzt oder abgerutscht, Probleme beim Überrollen, Kondom zu klein und auch der Umstand, dass gerade keines zur Hand war.

Die „Pille danach“ ist als Notfall-Verhütungsmittel seit 2010 in Österreich rezeptfrei. 19 Prozent aller Frauen haben sie nach einer Verhütungspanne schon einmal verwendet. In der Gruppe der 20–29-Jährigen sind es 29 Prozent.

Ungewollte Schwangerschaften

18 Prozent der heute 40–49-jährigen Frauen gab an, dass sie schon ungewollte Schwangerschaften hatten. Mehr als die Hälfte (54%) hat sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden. Hier ist jedoch eine große Dunkelziffer zu berücksichtigen. Nach Schätzung von Fiala ergibt sich daraus, dass jede zweite bis vierte Frau in ihrem Leben einen Schwangerschaftsabbruch hat.

Abbruch auf Krankenschein?

In fast allen westeuropäischen Ländern stellt ein Schwangerschaftsabbruch eine Sozialversicherungsleistung dar. Demgegenüber wurde dies in Österreich bisher politisch nicht ernsthaft diskutiert. Allerdings wünschen sich 40 Prozent der Bevölkerung eine solche Regelung. Besonders stark ist dieser Wunsch in der relativ finanzschwachen Altersgruppe der 16–20-Jährigen: Hier wünscht sich jede/r Zweite eine Kostenübernahme.

Mehr als jede zweite Frau (56%) fände es gut, wenn sie bei der Anwendung von wirksamen Verhütungsmitteln auch keine Periode mehr hätte. Dieser Wunsch nimmt mit steigendem Alter zu: Unter den 16–20-Jährigen sind es 47%, bei den 40–49-Jährigen bereits 65%. Mehr als ein Drittel der Frauen hat aus diesem Grund schon hormonelle Verhütungsmittel durchgehend eingenommen.

Weniger Sex ist keine Lösung

Die meisten Befragten sehen bessere Information und Aufklärung für alle Altersgruppen als wichtigste Maßnahme, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Ferner sieht jeder Zweite einen einfacheren Zugang zu Verhütungsmitteln (z. B. Abgabe der Pille ohne Rezept) als wichtigen Präventionsbeitrag. Lediglich drei Prozent halten weniger Sex für eine gute Strategie zur Vermeidung ungewollter Schwangerschaften. Einzig 16 Prozent der Vorarlberger geben an, dass Keuschheit das beste Mittel gegen ungewollte Schwangerschaften sei.

Der Österreichische Verhütungsreport kann als pdf und als Power-Point-Präsentation kostenlos heruntergeladen werden auf: www.gynmed.at .

„Pille, aufpassen und Kondom - Wie verhüten die ÖsterreicherInnen?“, Pressekonferenz, 13. September 2012, Wien

  • Frau Laura Zitter, 24.06.2013 um 16:13:

    „Ich möchte nur betonen, dass es trotz regelmäßiger und konsequenter Verhütung zu einer ungewollten Schwangerschaft kommen kann. Ich war damals 18 Jahre, gerade in der Maturaklasse, als ich ungewollt schwanger wurde. Es war für mich und meinen Freund ein richtiger Schock. Wir hatten noch so viel vor und ich war einfach nicht bereit Mama zu werden. Ich denke, dass man niemanden verurteilen sollte, nur weil er einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lässt oder ihr gar unterstellen, dass sie zu "faul" war, um zu verhüten.
    Mir fiel die Entscheidung nicht leicht und das wichtigste ist, dass man eine Klink und einen Arzt findet, dem man vertraut und sich wohl fühlt. Die einem das Gefühl geben, dass es "OK" ist, denn Vorwürfe macht man sich selbst genug.
    Ich möchte den Link der Klinik gerne weitergeben, denn mir hat es sehr geholfen http://www.ungewollteschwangerschaft.at und leider passiert es einfach und ich war erleichtert, dass ich die Möglichkeit hatte zu wählen. Denn ich will eine gute Mutter sein und damals wäre ich das nicht gewesen. Ich habe es nicht leichtfertig gemacht und ich spreche für alle, die diesen Schritt auch schon mal gehen mussten.

    Alles Liebe
    Laura“

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