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Foto: Privat
Dr. Elia Bragagna Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Sexualmedizin (ASSM)
 
Allgemeinmedizin 28. Mai 2009

Gesunde Sexualität zwischen Tabu und Überflutung

Von der neuen Akademie für Sexuelle Gesundheit kommt ein klares „Nein“ zur chirurgischen Genital-“Verschönerung“.

Sexualität: Ein Thema, bei dem nach wie vor große Verunsicherung in weiten Teilen der Bevölkerung quer durch alle Altersgruppen und eine breite Nachfrage nach Hilfe bestehen. Darauf reagierend gründete Dr. Elia Bragagna nun die Akademie für Sexuelle Gesundheit (AfSG) als „Privatinitiative“ und stellte sie in Wien der Öffentlichkeit vor. Dem neuen Trend, die weiblichen Genitale chirurgisch zu modifizieren, erteilt die Gesellschaft eine klare Absage.

 

Wesentliches Ziel der neu gegründeten Akademie für Sexuelle Gesundheit ist, so Dr. Elia Bragagna, „zu jedem Individuum die passende und stimmige Sexualität zu finden. Viele Patienten sind unsicher, sie warten oft Jahre, bis sie mit ihren Problemen zum Arzt gehen.“ Dementsprechend ist das Angebot an Web-Information, Vorträgen für Laien und das Fortbildungsangebot für Ärzte, die nicht selten mit persönlicher und fachlicher Überforderung auf dem Gebiete sexualmedizinischer Betreuung zu kämpfen haben, aufgebaut.

Mit Bragagna steht eine Ärztin an der Spitze der AfSG, die über entsprechende sexualmedizinische Erfahrung und Know-how verfügt: Im Jahr 2002 startete sie die erste Sexualambulanz am Wiener Wilhelminenspital. Ein Projekt, das sich nach Anlaufschwierigkeiten – „wir hatten zunächst keine Patienten“ – zu einer äußerst gefragten Anlaufstelle entwickelte, wo „die Wartezeiten für Paare bis zu eineinhalb Jahren betrugen.“ Die Bedeutung medialer Vermittlung sei groß, stellt Bragagna fest, die „Betroffenen müssen erfahren, dass es einen Ausweg für ihre Probleme gibt.“ Seit 2004 ist die Leiterin der AfSG in der sexualmedizinischen Schulung von Ärzten, Pflegepersonal und Sexualpädagogen tätig, von 2006 bis 2008 war sie Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Sexualmedizin/ASSM, deren Präsidentin sie nun ist.

Mit Sex zu DFP-Punkten

Das Angebot der AfSG umfasst Laien- und Ärztefortbildung, Letztere in Form einer sexualmedizinischen Grundausbildung im Gesamtausmaß von 75 Stunden, die in fünf Wochenend-Kursen und acht Supervisionsabenden absolviert werden kann. Vorläufiger Kostenpunkt: 3.000 Euro. Der Preis könnte sich noch, eine Beteiligung von Sponsoren vorausgesetzt, reduzieren. Die Grundausbildung ist – DFP-Punkte inklusive – von der Österreichischen Ärztekammer approbiert. Ein weiterführendes sexualmedizinisches oder sexualtherapeutisches Diplom wird zurzeit von der ÖÄK noch nicht angeboten, ein entsprechender Antrag sei bei der Österreichischen Ärztekammer eingebracht worden. Allerdings bestehe die Möglichkeit, bei der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin und Therapie das Diplom zu erwerben.

Tuning in Richtung Kind

Neben den Zielen der neuen Institution ging man bei deren Vorstellung auch auf aktuelle Hotspots ein. So bezogen Bragagna und Dr. Doris Linsberger, Gynäkologin und Funktionärin der niederösterreichischen Ärztekammer, entschieden Stellung gegen den aus den USA nach Europa importierten Trend schönheitschirurgischer Genital-Verstümmelung bei Frauen: „In letzter Zeit sind wir immer öfter mit Anfragen zu Operationen konfrontiert, die weibliche Genitale modifizieren sollen. Es ist unser aller Aufgabe, nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass eine Operation an Geschlechtsteilen, die nicht wirklich indiziert ist, eine grobe Körperverletzung ist.“

Linsberger skizziert das Paradoxe einer Situation, in der einerseits „Sturm gelaufen wird gegen die rituelle Genitalverstümmelung“ und andererseits „manche ein Geschäft mit Schamlippenverkleinerung machen.“ Auch wenn solche Operationen durchgeführt werden, seien die Frauen danach nicht glücklicher, so Linsberger, die von einem „Tuning in Richtung Kind“ spricht, wodurch „pädophile Aspekte in der Sexualität forciert werden“. Das weibliche Körper- und Selbst-Bewusstsein zu stärken, um nicht auf modische Strömungen zu reagieren, die noch dazu mit körperlichen und psychischen Risken verbunden sind, ist eine der wichtigsten AfSG-Ausrichtungen.

Kasten:
Sexualmedizinische Internetanlaufstelle
Seit 14. Mai 2009 ist auch das Web-Service der AfSG online und bietet sexualmedizinische Information für Interessierte – gerade auch für Ärzte. Betroffene finden unter anderem eine Auflistung von Ärzten, die sich mit Sexualproblemen befassen. An Top-Themen mit weiterführenden Informationen sind zur Zeit gelistet: Vorzeitiger Samenerguss/Schmerzhafter Geschlechtsverkehr/ Erektionsprobleme/ Orgasmusprobleme/ Potenzmittel/ Trockene Scheide/ Lustlosigkeit/ Hormone/Prostataoperation/ Vaginismus. Daneben wird das Internet-Nachschlagewerk „Sexmedpedia“ aufgebaut, das für alle Interessierten und auch für alle medizinischen Fachrichtungen sexualmedizinische Information bereit hält. AfSG betont, dass nur Angaben auf die Website kommen, die auf offiziellen Studien basieren und somit wissenschaftlich untermauert sind.
 INFO: www.afsg.at

Von Mag. Peter Bernthaler, Ärzte Woche 22 /2009

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