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Foto: thinkstock
Wenn‘s nicht mehr geht, sprechen immer mehr Männer auch einmal mit dem Arzt. Das fällt aber nicht jedem leicht.
 
Urologie 6. Mai 2012

Männer sprechen über Sexualprobleme

Die Haltung der Patienten zur erektilen Dysfunktion hat sich in den letzten zehn Jahren stark geändert.

Geschätzt sind rund 300.000 Männer in Österreich von einer moderaten bis schweren erektilen Dysfunktion betroffen. Nur ein Bruchteil davon sucht ärztliche Hilfe, obwohl der Leidensdruck oft groß ist. Was Ärzte tun können, welche Erwartungen und Hoffnungen die Patienten haben und welche Rolle die jeweiligen Partnerinnen spielen, war Thema des von Lilly veranstalteten „Medizin im Gespräch“ unter dem Titel „Wie geht es ihm, wenn’s nicht geht?“

 

Einleitend berichtete ein Betroffener über seine Erfahrung: „Meine Frau und ich hatten lange Zeit ein sehr gutes Sexualleben, bis ich mit 59 Jahren gemerkt habe, dass es nicht mehr geht. Meine Frau reagierte sehr verständnisvoll, aber als es das dritte Mal hintereinander nicht klappte, zog ich mich zurück und wies die Annäherungsversuche meiner Frau ab.“ Die Ehefrau reagierte klug. Sie sorgte für einen schönen Abend mit gutem Essen und der Atmosphäre, in der ein offenes Gespräch möglich war. Und dabei erklärte sie ihrem Mann, dass der Gang zum Urologen unumgänglich ist. „Ich gehe auch regelmäßig zum Frauenarzt, da kannst du auch einmal zum Urologen gehen“, war das Argument. Herr Reinhold sah das ein und kam unendlich erleichtert von dem Arztbesuch zurück, vor dem er sich so gefürchtet hatte. Die erektile Dysfunktion ist kein unabänderliches Schicksal. Ihm konnte geholfen werden.

Dabei kam die Situation bei ihm nicht einmal überraschend. Jahrzehntelanger Diabetes und Hypertonie standen im Hintergrund, und dem gebildeten Paar waren die Konsequenzen klar. „Für mich war es weniger überraschend als für ihn“, erzählt Reinholds Partnerin. „Ich wollte es nicht wahrhaben und habe es verdrängt“, gesteht Herr Reinhold. „Anderen wird das passieren, aber nicht mir, war ich überzeugt.“

Eine breite Palette an Formen

Ein typischer Fall von erektiler Dysfunktion (ED), meinen die eingeladenen Ärzte, Dr. Michael Dobrovits, Urologe aus Wien, Dr. Christoph Vergeiner, Urologe aus Kitzbühel, Dr. Wolfgang Hinkel, Urologe aus Graz, und Dr. Paul Prem, Allgemeinmediziner aus Wien. Dobrovits merkt an, dass die Palette an verschiedenen Formen der ED sehr groß ist und sich über alle Altersschichten erstreckt. „Eine sehr gute Studie zeigte, dass bereits 25 Prozent der 30- bis 40-Jährigen an erektiler Dysfunktion leiden“, so der Urologe. Darunter auch Männer ohne Diabetes oder Bluthochdruck. Und Vergeiner bestätigt, dass viele Männer das Problem verleugnen. Wohl einer der wichtigsten Gründe für die hohe Dunkelziffer. Einen anderen nennt Dobrovits: „Nicht selten wird es als passageres Problem betrachtet. Durchschnittlich dauert es sechs bis zwölf Monate, bis ein Mann mit erektiler Dysfunktion den Weg zum Arzt findet.“

Einig sind sich die Ärzte auch, dass das Problem oft erst ganz am Schluss einer Sitzung und dann nebenbei angesprochen wird. Als „Columbo-Effekt“ (nach dem Fernseh-Detektiv mit der Neigung, sich beim Gehen in der Tür umzudrehen und eine letzte Frage zu stellen) bezeichnen die Ärzte das Phänomen. „Hier ist es wichtig, darauf einzugehen“, meint Hinkel.

Einig sind sich die Ärzte auch darin, dass eine ausführliche Anamnese oft hilft, das Problem anzusprechen. Vergeiner: „Ich spreche jeden Mann im Laufe der Untersuchung darauf an, wie es um seine Manneskraft steht, auch wenn er mit einem ganz anderen Problem zu mir kommt. Viele reagieren darauf, indem sie sagen, es wäre in dem Bereich eh alles in Ordnung. Wenn sie aber das nächste Mal zu mir kommen und inzwischen Zeit hatten, sich auf die Frage einzustellen, dann rücken sie oft mit der Wahrheit heraus.“

Es wird darüber geredet

Insgesamt hat sich die Situation in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Die Patienten gehen offener mit ihren Sexualproblemen um und haben sich oft über das Internet vorinformiert. Hier liege aber, so Prem, auch eine Gefahr: „Manche kommen mit fertigen ‚Diagnosen‘ und ‚Therapien‘ aus dem Internet und wollen nur noch einen Stempel drauf haben. Hier muss man den Patienten klar machen, dass ihnen mit einer ordentlichen Diagnose und einer entsprechenden Therapie mehr geholfen ist.“

Die Ausgangslage der Patienten ist sehr unterschiedlich. Dobrovits: „Ist der Mann in einer langjährigen fixen Partnerschaft? Ist das ein junger Patient ohne feste Beziehung, der irrsinnig verstört ist, weil er in eine Torschlusspanik gerät? Ist das der mittelalterliche Mann, der eine neue junge Liebe hat und dann sehr forciert die Dinge angeht? Ist das der 75-Jährige, dem das relativ egal ist, vielleicht, weil die Beziehung inzwischen sowieso mehr auf einem freundschaftlichen oder geschwisterlichen Niveau funktioniert?“ Oft kämen die Männer erst zur Therapie, wenn entweder die Partnerschaft bedroht ist oder auf der Ebene des Intellekts eine gesundheitliche Gefahr gesehen wird.

Zentral für das männliche Ich

Allerdings betrachten Hinkel und Dobrovits die Erektion weiterhin als wesentlichen Teil der männlichen Identität. Hinkel: „Das sieht man sehr stark bei jungen Patienten mit erektiler Dysfunktion, die völlig aus der Bahn geworfen sind und oft am Rande der Depression in die Ordination kommen.“ Die Gefahr der Depression sieht auch Prem: „Es ist sehr wichtig, die betroffenen Männer umfassend zu betreuen und zu begleiten.“ Für Hinkel ist auch wichtig, überzogene Erwartungen zu vermeiden: „Man muss dem Patienten klar machen, dass die Krankheit vor langer Zeit begonnen hat und nun zu den Symptomen führt. Und man muss dem Patienten die Therapie erklären und ihm Möglichkeiten zur Mitgestaltung einräumen. Sonst verliert man ihn, er geht zum nächsten Urologen und erwartet dort ein Wunder.“

Für Dobrovits steht eine funktionierende Therapie an erster Stelle: „Die Patienten haben gewartet, haben sich Zeit genommen, das Problem anzusprechen, das sehr in die Privatsphäre geht. Wenn sie dann eine Therapie erhalten, die nicht funktioniert, dann ist das verheerend. Sie brauchen daher eine Therapie, die funktioniert. Eine mit wenig oder gar keinen Nebenwirkungen, denn sie wollen sich nicht schlecht fühlen bei einem Akt, der eigentlich Spaß machen sollte.“

Jeder drückt sich anders aus

Hinkel sieht große Unterschiede hinsichtlich der Kommunikationsfähigkeit der Patienten. „Das hängt vom sozialen Umfeld ab, aber auch vom Leidensdruck“, erklärt er. „Wir haben einen relativ großen Anteil in der Bevölkerung, der sich nicht oder nur schlecht ausdrücken kann. Das betrifft nicht nur die erektile Dysfunktion, sondern auch andere Probleme.“ Prems Lösung für dieses Problem: „Man muss im Gespräch offen bleiben. Das gehört zum Berufsethos, aber diese Fähigkeit steigt wohl auch mit der Erfahrung. In meine Praxis kommen zunehmend Personen mit Migrationshintergrund. Sie verwenden ganz andere Worte, um das Problem zu beschreiben. Da ist es oft schwierig, dem Patienten in der Anamnese gerecht zu werden.“

Hilfreich seien hier verschiedene Gesprächspraktiken, aber auch Plakate im Wartezimmerbereich, die darauf hinweisen, dass ED eine Krankheit ist und entsprechend angesprochen werden solle, so Prem. Schließlich fördere das auch das Bewusstsein dafür, dass die erektile Dysfunktion ein erstes Zeichen für eine andere Krankheit, etwa eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einen Diabetes sein kann. Vergeiner ergänzt: „Wenn man das im Anamnesegespräch einfließen lässt, ist die Erwartungshaltung auch nicht so starr auf die Funktion des Penis fixiert.“

Stadt und Land nähern sich an

Die Unterschiede zwischen der städtischen und der ländlichen Bevölkerung sind nur noch gering. Vergeiner: „Durch das Internet sind beide Gruppen praktisch gleich gut informiert. Unterschiede bestehen vielleicht noch in der ‚Stammtischmentalität‘ in ländlichen Gebieten, also dass am Stammtisch selten Probleme mit der Sexualität zugegeben werden, sondern da will eher jeder der Beste sein. Im Zweiergespräch mit dem besten Freund sieht das schon ganz anders aus. Bei uns im ‚heiligen Land‘ Tirol kommt auch noch die starke Rolle der Kirche dazu, die das Ansprechen von Sexualität generell erschwert. Aber die Unterschiede nivellieren sich zusehends, und in ein oder zwei Generationen wird man da wohl keinen Unterschied mehr sehen können.“ Das bestätigt auch Hinkel, der Patienten sowohl aus Graz als auch aus dem südsteirischen Raum betreut: „Die Unterschiede sind nicht mehr groß.“

Eine wichtige Rolle spielt die Partnerin, wie nicht zuletzt das Beispiel des eingeladenen Patienten zeigt. Sie sieht das Problem oft früher als der Mann selbst und kann viel zur Lösung beitragen. Prem: „Je offener nicht nur der Patient, sondern auch die Partnerin damit umgeht, je offener sie es anspricht, umso leichter ist es, die Situation aufzulösen, reinen Tisch zu machen und zu einer fundierten Diagnose zu kommen. Und das ist meiner Meinung nach das Um und Auf.“

Patient Reinhold wünscht sich, dass die Ärzte das Problem ansprechen: „Mein Hausarzt hat über Jahrzehnte hinweg nie danach gefragt. Und ich dachte mir: Wenn er es nicht anspricht, spreche ich es auch nicht an.“ Seine Frau betont auch noch einmal die Rolle der Partnerin: „Ich bin oft überrascht, wenn ich mit lang verheirateten Paaren spreche und beide erzählen mir vom Problem, aber miteinander haben sie nicht darüber gesprochen.“

Von L. Rohrmoser , Ärzte Woche 18 /2012

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