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Urologie 16. März 2011

Was das Sexualleben stört

Überaktive Blase und Deszensus beeinträchtigen die Sexualität.

Symptome der überaktiven Blase beeinträchtigen das Sexualleben, vor allem bei jüngeren Frauen und älteren Männern. Bei älteren Frauen können sexuelle Funktionen durch Genitalsenkung oder generell durch Harninkontinenz eingeschränkt werden. Eingriffe wegen Beckenbodenbeschwerden können sexuelle Störungen hervorrufen oder bessern.

 

In einer Umfrage gaben rund 14 Prozent der Teilnehmer Symptome einer überaktiven Blase (ÜAB) an, knapp 18 Prozent von ihnen fühlten sich dadurch in ihrer Sexualität behindert. Dagegen berichteten nur fünf Prozent der Befragten ohne übermäßigen Harndrang über sexuelle Störungen. Diese Studiendaten hat Dr. Stefan Heidler, Universitätsklinik für Urologie der MedUni Graz, letzten Herbst beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie DGU in Düsseldorf vorgestellt. In der Studie waren 2.365 Probanden erfasst, die an einer Gesundenuntersuchung in Wien teilgenommen hatten. Sie füllten einen validierten Fragebogen mit 19 Punkten aus, etwa zu Harninkontinenz und Miktionsbeschwerden. Dazu gehörte auch die Frage, inwiefern das Sexualleben durch Probleme beim Harnlassen beeinträchtigt wird. 329 Probanden gaben Symptome einer überaktiven Blase an, diese Prävalenz von 14 Prozent entspricht laut Heidler den Daten aus der Literatur. 58 ÜAB-Probanden – 18 Prozent – berichteten, der übermäßige Harndrang störe ihre Sexualität, aber nur fünf Prozent der Teilnehmer ohne überaktive Blase empfanden sexuelle Defizite.

„Die Sexualität ist ein Aspekt der Erkrankung, der berücksichtigt werden sollte“, so Heidler. 23 Prozent der männlichen ÜAB-Patienten über 50 Jahre gaben sexuelle Störungen an, aber nur 13 Prozent derjenigen unter 50. Bei Frauen ist es umgekehrt: Rund ein Fünftel der ÜAB-Patientinnen unter 50 fühlte sich im Sexualleben gestört, aber nur 14 Prozent der Älteren.

Wenn Frauen unter Störungen der sexuellen Funktion, wie Orgasmus- und Lubrikationsschwierigkeiten, Vaginismus und Dyspareunie, leiden, so reiche das Fragen nach Schmerzen beim Geschlechtsverkehr zur Diagnostik nicht aus, berichteten Prof. Dr. Ursula Peschers und Dr. Eva-Maria Hußlein vom Beckenboden Zentrum München in Der Gynäkologe 1. Ratsam sei vielmehr eine ausführliche Sexualanamnese, die außerdem etwa Libido, Orgasmusfähigkeit, Zufriedenheit, Angst und Scham sowie die Sexualität des Partners erfasst. Anfällig für sexuelle Dysfunktionen sind insbesondere Frauen mit Deszensus und Inkontinenz. Diese Schwächen können bewirken, dass die Frauen sich schämen oder unattraktiv fühlen, und in der Folge sexuelle Kontakte meiden. Ein Deszensus geht oft mit einer weiten Scheide einher, was die Reibung beim Geschlechtsverkehr vermindert und so bei den Frauen die Lubrikation und beim Partner die Erektion erschwert.

Angst vor dem Harnabgang

Außerdem kann ein ausgeprägter Deszensus mechanisch hinderlich sein. Bei Belastungsinkontinenz kann ein Harnabgang beim Sexualakt allgemein und speziell beim Orgasmus vorkommen. Auch bei Dranginkontinenz kann beim Orgasmus ein Urinverlust passieren, wohl durch Detrusorkontraktionen als Folge des Kontrollverlusts. Selbst jüngere Frauen ohne sonstige Inkontinenzsymptome berichten manchmal darüber.

Ebenso beeinträchtigen manche Operationen die sexuellen Funktionen, etwa die Ovarektomie durch Nervenschäden oder Wegfall von Hormonen. Zudem können Narben die Elastizität am Beckenboden mindern oder die Scheide verengen, Fremdmaterialien die Rigidität der Vagina verstärken. Bei Präparation in der Scheide besteht die Gefahr, autonome Nerven zu verletzen und so sexuelle Reaktionen zu stören. Operationen können sich auf die Sexualität aber auch positiv auswirken: Nach vaginaler Deszensus-OP ohne alloplastisches Material besserte sich Studien zufolge die sexuelle Funktion fast durchweg, gleich, ob die vordere Scheidenwand und Harnblase angehoben oder die hintere Scheidenwand und der Enddarm gestrafft wurden. Studien zur Deszensus-Op mit vaginalen Meshs kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen: Bei 15 Patientinnen mit Dyspareunie hatte sich die Störung postoperativ bei allen gebessert, berichten deutsche Gynäkologen. In einer britischen Studie jedoch war die sexuelle Funktion ein Jahr danach schlechter. Bei Prolaps-Patientinnen mit chronischem Beckenschmerzsyndrom sollte Fremdmaterial vermieden werden. So ergaben Studien zu Netzimplantaten erhöhte Dyspareunie- und Arrosionsraten. Deshalb sei in diesem Fall eine Fixation etwa an die uterosakralen Ligamente zu bevorzugen.

Nach einer Operation wegen Belastungsinkontinenz bessert sich die sexuelle Funktion bei den meisten Patientinnen. Dabei sind Kolposuspension (Anheben des abgesenkten Blasenhalses) und Bandeinlagen (Tension free Vaginal Tape, TVT) in dieser Hinsicht ähnlich erfolgreich. Frauen, die nach dem Eingriff kontinent waren, hatten eine deutlich bessere sexuelle Funktion als weiterhin inkontinente Frauen. Befragte nach TVT-Operation berichteten, bei Penetration und Orgasmus gehe seltener Urin ab, sie hätten weniger Angst und seien sexuell aktiver.

 

1 Pescher, U.; Hußlein, E. M.: Sexualität nach Beckenbodenchirurgie. Der Gynäkologe 2010; 8: 679–83; doi:10.1007/s00129-010-2554-0

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