zur Navigation zum Inhalt
Foto: Hemera Technologies / photos.com
Der Schlüssel zur Behandlung einer Depression liegt im Patienten selbst.
 
Selbsthilfegruppen 27. Juni 2011

„Depression ist heilbar!“

Selbsthilfe im eigentlichen Sinn des Wortes: Der Club D&A möchte die Patienten zur Selbstheilung anleiten.

Eine Selbsthilfegruppe für Depressive ist aufgrund der Natur dieser Krankheit eine heikle Angelegenheit. Der Club D & A – Selbsthilfe und Prävention bei Burn out, Depression und Angststörungen arbeitet daher nicht ganz so wie andere Selbsthilfegruppen. Die Gruppentreffen sind nicht für jeden offen.

 

„Jeden Montag haben wir einen Informationsabend, zu dem alle Interessierten eingeladen sind“, erklärt Clubleiterin Michaela Hauk. Dort wird von Betroffenen und Teammitgliedern gemeinsam entschieden, ob die Teilnahme einer Person an einer der Gruppen gewünscht und sinnvoll ist. Die Treffen selbst werden von einem oder einer geheilten Ex-Depressiven moderiert.

Geheilte Depression? „Ja, das ist möglich“, sagen sowohl Hauk als auch der Wiener Psychiater Dr. Georg Schönbeck, der den Club intensiv unterstützt. Beide ärgern sich darüber, dass immer noch in weiten – auch medizinischen – Kreisen die Ansicht vorherrscht, Depression wäre „endogen“ und würde niemals geheilt werden können. „Meine Mutter hat das durchgemacht“, erzählt Hauk. „Ihr wurden einfach die Medikamente verpasst und dazu gesagt: ‚Das haben Sie jetzt Ihr Leben lang‘.“

Erst nach vielen Jahren erkannte die Mutter, Carla Stanek, dass es doch nicht so sein muss. Und sie gründete 1991 den Club D & A – von Anfang an mit psychotherapeutischer und ärztlicher Unterstützung. Der Verein wuchs lange Zeit und hatte zahlreiche Zweigorganisationen in den Bundesländern. Doch dann kam es zur Krise. Schließlich zog sich Carla Stanek – sie ist heute 73 Jahre alt – zurück und überließ die Clubleitung ihrer Tochter. „Ich bin allerdings berufstätig und kann einfach nicht so viel Zeit investieren wie meine Mutter“, erklärt Michaela Hauk.

Dazu kam die Abspaltung von manchen Gruppen, die in eine nicht zum „Stammhaus“ passende Richtung tendierten. „In einer Gruppe meinte die Leiterin, eine Heilung könne nur durch Gebet erreicht werden – aus der Selbsthilfegruppe wurde eine Gebetsgruppe. In einer anderen waren starke esoterische Tendenzen zu beobachten. Damit können wir uns nicht identifizieren“, erklärt Hauk.

Gesundgeschrumpft

Heute ist der Club D & A wieder eine kleine, aber feine Organisation. Filialen bestehen nur mehr in Salzburg und Südtirol. Aber in Wien werden dafür neben den Treffen zum Kennenlernen und den normalen Gruppentreffen mit moderiertem Gespräch auch Abende mit Textilarbeiten und Malen angeboten sowie einmal im Monat ein Clubgespräch mit Dr. Georg Schönbeck, zu dem nicht zuletzt auch die Angehörigen eingeladen werden.

„Wenn sich der Patient aus der Depression löst, wenn er sich emanzipiert, dann ist das eine Lebensumstellung, die für die Angehörigen oft bedrohlich wirkt“, erläutert Schönbeck. Der Betroffene ist dann eben „nicht mehr der Alte“, sondern ein deutlich veränderter Mensch.

Moderierte Gruppen

Die Gruppen sind mit fünf bis acht Personen klein, damit auch wirklich jeder sich aussprechen kann. Und sie sind moderiert, damit das Gespräch konstruktiv bleibt. Schönbeck bietet nicht nur dem Club D & A die Räumlichkeiten seiner Praxis als Treffpunkt an, er berät und supervidiert auch die Teammitglieder und – bei Bedarf – die Patienten. „Das Club-Angebot ist kein Ersatz für eine Therapie, sondern eine Ergänzung dazu“, betont er. Doch er ist überzeugt vom Wert der Gruppe. „Wir hatten in den über 20 Jahren – bei einigen tausend Patienten – nur ein oder zwei Selbstmorde“, sagt Schönbeck. „Das ist für diese Patientengruppe mit ihrer hohen Suizidalität eine äußerst niedrige Zahl.“

Und er betont noch einmal: „Depression ist heilbar!“ Der Schlüssel dazu liege allerdings im Patienten selbst. „Der Arzt hat die Aufgabe, den Patienten an die Stelle zu führen, an der er sich selbst helfen kann. Der Patient muss die Heilung wollen, und aus verschiedensten Gründen können viele diesen Willen nicht aufbringen“, meint Schönbeck. Leider seien viele Ärzte mit dem Thema Depression und Angststörung überfordert. Dazu komme die Sorge, dass sich Patienten bei einer Zuweisung zum Psychiater vor den Kopf gestoßen fühlten – „Ich bin doch nicht verrückt“ – , worunter auch die Zuweisungsfrequenz zu Selbsthilfegruppen bei seelischen Erkrankungen leide.

Psychiater sind die „Underdogs“

Das allein ist aber noch nicht so schlimm wie die Tatsache, dass zwar etwa sechs bis acht Prozent der Bevölkerung an einer Form von Angststörung leiden, aber etwa bei vier Fünftel davon die Krankheit vom Arzt nicht erkannt wird – und wo sie erkannt wird, „wird falsch behandelt“, so Schönbeck. Teilweise liege das am Ausbildungssystem, teilweise auch daran, dass psychiatrische Ausbildung auch für Allgemeinmediziner fast ausschließlich in Spitälern stattfindet, aber nur etwa ein Prozent dieser Kranken jemals ein Krankenhaus von innen sieht.

Eines der Hauptprobleme sei die Finanzierung. „Die Sätze, mit denen psychotherapeutische Behandlung oder ein ärztliches Gespräch von den Krankenkassen honoriert wird, sind lächerlich gering, selbst in Wien, wo die WGKK noch mehr zahlt als andere Gebietskrankenkassen“, sagt Schönbeck. Psychiater seien die „Underdogs“ der Ärzteschaft, und das zeige sich auch im extrem geringen Stellenwert, den die Psyche in der Ausbildung der Mediziner einnimmt. „Dabei ist die Depression dabei, eine der wichtigsten Krankheiten zu werden“, so Schönbeck. Immerhin prognostiziert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Depression als Volkskrankheit Nr. 1 in den Industrienationen bis 2030.

Auch Hauk bemängelt die „mangelnde Finanzierung von Psychotherapie“. An die Ärzte richtet sie die Bitte, die Patienten als Partner anzusehen. „Patienten sind vollkommen imstande, Ärzte über ihre Krankheit zu briefen, wenn die Ärzte zuhören“, erklärt sie. „Gerade bei psychischen Erkrankungen, bei denen die Patienten regredieren und sich gerne in die Rolle des Abhängigen begeben, sind die Ärzte gefordert – und allzu oft überfordert. Aber im Grunde weiß der Patient selbst am besten, was ihm fehlt und was er braucht.“

Und noch einmal betont sie ihr wichtigstes Anliegen: „Depression und Angststörungen sind heilbar! Medikamente können vorübergehend notwendig sein, aber eine lebenslange Medikamenteneinnahme muss nicht sein.“

Club D & A
Name: Club D & A (Selbsthilfe und Prävention bei Burn out, Depression und Angststörungen)
Gegründet: 1991
Mitgliederzahl: Kein Verein, daher auch keine Mitglieder
Adresse Clubzentrum Wien:
Zimmermanngasse 1A/Hochparterre, 1090 Wien
Tel.: 0676/846 22 816, Fax 01/40 500 80
E-Mail: ,
Website: www. club-d-a.at
Club D&A in Salzburg: Kommunikationszentrum OASE Johann-Wolfstraße 7 (Stadtteil Riedenburg, Nähe Neutor) Lydia Berka-Böckle, Tel.: 0676/37 41 426
Termine: Informationsabend jeden Montag (außer an Feiertagen), 19 Uhr in den Clubräumen
Clubgespräche mit Dr. Georg Schönbeck: 9. September, 7. Oktober, 11. November und 2. Dezember 2011, jeweils 17 bis ca. 18.30 Uhr in den Clubräumen (Kostenbeitrag für Gäste: EUR 5,-)
Zur Serie
In loser Serie stellt die Ärzte Woche Selbsthilfegruppen in Österreich vor. Informationen über die Selbsthilfegruppen in den einzelnen Bundesländern sind bei den jeweiligen Dachverbänden erhältlich. Eine Liste dieser Dachverbände findet sich auf der Seite der Selbsthilfe Österreich www.selbsthilfe-österreich.at unter „Die ARGE“: „Unsere Mitglieder“.

Von L. Rohrmoser , Ärzte Woche 26 /2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben