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Foto: www.oesis.at
Die Gruppe veranstaltet Therapiewochen für Kinder und Jugendliche (Informationen unter www.oesis.at).
Foto: Privat

Andrea Grubitsch, Vorstand der Selbsthilfegruppe ÖSIS.

 

Stockende Sprache

Nicht nur Könige haben Probleme mit dem flüssigen Sprechen.

Ein stotternder König erhielt heuer die meisten Oscars. „The King’s Speech“ brachte das Thema ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Ärzte Woche stellt die Selbsthilfegruppe für Stotterer vor.

 

„Mir hat der Film sehr gut gefallen“, sagt ÖSIS-Vorstand Andrea Grubitsch. ÖSIS ist die Österreichische Selbsthilfe-Initiative Stottern, und Grubitsch fährt fort: „Allerdings habe ich ja auch eine subjektive Sichtweise und leide mit der Hauptfigur mit, wenn sie sich sprachlich nicht ausdrücken kann.“ Auf jeden Fall brachte der Film mediale Aufmerksamkeit auch für die Selbsthilfegruppe und damit auch die Information für Betroffene, dass es diese Gruppe gibt.

Stottern wird oft als psychisches Problem betrachtet. Diese Sichtweise ist aber bei weitem zu kurz gegriffen. „Es ist ein multifaktorielles Geschehen mit organischen Ursachen oder Wahrnehmungsstörungen, und hier sowohl neurologischen als auch neuromotorischen, zu denen manchmal noch eine psychische und/oder soziokulturelle Ursache dazu kommt“, so Grubitsch. „Stottern ist zwar nicht heilbar, aber die Therapiemöglichkeiten sind zahlreich.“

Früh zur Therapie

Naturgemäß sind die Aussichten umso besser, je früher im Lebensalter die Therapie begonnen wird. Und hier stehen Eltern und Ärzte vor einem Problem, denn in der natürlichen Sprachentwicklung eines Kindes kommen Sprechunflüssigkeiten vor und sind ganz normal. Vielleicht raten deswegen viel zu viele Ärzte viel zu oft zum Abwarten. Wenn es aber wirklich Stottern ist, ist das der falsche Weg. „Stattdessen sollten sie an Experten verweisen, die die Sachlage beurteilen können“, meint Grubitsch Natürlich gibt es Fälle, in denen sich die Sprachschwierigkeiten von selber verlieren. Wie es auch Asthmatiker gibt, die ihr Leiden mit der Pubertät los werden. Sollte aber deswegen von der Behandlung von Kindern Abstand genommen werden?

Grubitsch konzediert allerdings, dass derartige Experten nicht leicht zu finden sind. Selbst Logopäden kennen sich nicht immer aus. Die Website der Selbsthilfegruppe www.oesis.at. ist mit ihrem umfassenden Angebot eine gute Hilfe: Links zu den Webseiten spezialisierter Therapeuten, umfangreiche Informationen über das Stottern in verschiedenen Lebensaltern und dazu, wann und wie die normale Sprachentwicklung verläuft, Tipps für Eltern, wie sie eine gute Sprachentwicklung fördern können.

Start in Tirol

Wie kam es überhaupt zur Gründung der Selbsthilfegruppe? Im Jahr 1990 begann die Logopädin Dr. Eva Wieser in Innsbruck ihre verschiedenen stotternden Patienten miteinander bekannt zu machen, und schnell entwickelte sich daraus die Selbsthilfegruppe.

Wie bei den meisten SHGs stehen der Erfahrungsaustausch und die Verhinderung der sozialen Isolation im Vordergrund. „Je nach Zusammensetzung der jeweiligen regionalen Gruppe ist der Schwerpunkt der Interessen und Aktivitäten unterschiedlich“, erklärt Grubitsch. „Oft werden bei den Treffen gruppendynamische Spiele, Gesellschaftsspiele, die eine gewisse Sprechleistung erfordern, Rollenspiele und Entspannungsübungen durchgeführt. Oder einzelne Mitglieder halten kurze Vorträge und beantworten anschließend Fragen. Oder wir gehen in kleinen Gruppen in die Öffentlichkeit, um Experimente mit gestotterter und flüssiger Sprache zu machen.“

Dazu kommen Informationsbroschüren und andere Materialien, eine Mediathek, in der sich die Mitglieder Bücher, DVDs und CDs ausleihen können, eine halbjährlich erscheinende Zeitung (dialog) sowie zusätzlich zu den Treffen in den Bundesländern österreichweite Begegnungswochenenden und jährlich eine Therapiewoche für Kinder und Jugendliche.

Hilflosigkeit bei Eltern und Ärzten

„Die größten Probleme sind bei Eltern, deren Kinder zu stottern beginnen, die Hilflosigkeit und Unwissenheit, die oft zu falschem Verhalten führt. In der Folge verstärkt sich das Stottern oder das Kind vermeidet das Sprechen. Ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind oft verunsichert und frustriert, wenn sie keine guten Therapien finden“, erklärt Grubitsch. „Logopäden und Ärzte, die sich selbst mit dem Thema nicht so gut auskennen, sollten die Betroffenen zu Spezialisten weiter vermitteln. Interessierte Ärzte und Therapeuten sind aber auch herzlich eingeladen, sich an die Selbsthilfegruppe zu wenden und mehr über das Thema zu erfahren.“ Wobei die Selbsthilfegruppe sicherlich nicht eine Fortbildungsanstalt für Therapeuten sein soll, sie kann lediglich zu einer guten Therapie hinführen – nicht zuletzt durch den persönlichen Kontakt und Erfahrungsaustausch zwischen Stotternden und Therapeuten.

Von der Gesundheitspolitik fordert Grubitsch bessere Bedingungen für Selbsthilfegruppen allgemein. „Zur Zeit grenzt unser Engagement an Selbstausbeutung, und immer ist die Gefahr da, dass wir das kommende Jahr finanziell nicht überleben werden. Lob gibt es viel von der Politik, aber mit mehr finanzieller Unterstützung können wir auch mehr bewegen“, so Grubitsch. „Es sollte auch nicht unsere Aufgabe sein, fehlende Therapieangebote zu ersetzen. Und die Kosten für Gruppentherapien oder unser Sommercamp werden noch nicht einmal von den Krankenkassen zur Gänze ersetzt. Dazu kommt, dass das neue Spendengütesiegel am Bedarf vieler Selbsthilfegruppen völlig vorbei geht.“

Grubitsch erinnert daran, dass Stottern kein Schicksal sein muss. Die neurologischen Ursachen und die Tatsache, dass Stottern oft in Familien gehäuft vorkommt, lassen sich nicht oder kaum ändern, die Symptome aber sehr wohl, und ganz besonders die psychischen Auswirkungen des Stotterns auf die Betroffenen. Und das zeigt schließlich auch der Film „The King’s Speech“ sehr gut.

ÖSIS – Österreichische Selbsthilfe-Initiative Stottern
Gegründet: 1990

Mitgliederzahl: Ca. 300

Internet: www.oesis.at  

Kontakt: Andrea Grubitsch,
oder
Martina Assmus, Tel. und Fax 0512/584869,
Mobil 0664/2840558,

E-Mail:  

Nächste Termine:
4.4.2011: Treffen Offene Gruppe Wien, AMIDA-Zentrum,
5.4.2011: Treffen der SHG OÖ, Fachambulatorium der GKK, Garnisonstraße 1
16.4.2011 Wien: Infonachmittag „Stottern und Selbsthilfe“
17. - 19.6.2011: Begegnungswochenende, Jugendgästehaus Mondsee
24. – 30.7.2011: Therapiewoche in Litzlberg am Attersee

Kontakte zu den SHGs in anderen Bundesländern sowie weitere Termine auf der Website.
Zur Serie
In loser Serie stellt die Ärzte Woche Selbsthilfegruppen in Österreich vor. Informationen über die Selbsthilfegruppen in den einzelnen Bundesländern sind bei den jeweiligen Dachverbänden erhältlich. Eine Liste dieser Dachverbände findet sich auf der Seite der Selbsthilfe Österreich www.selbsthilfe-österreich.at unter „Die ARGE“: „Unsere Mitglieder“.

Von Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 17 /2011

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