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Dieser Ansturm deutet möglicherweise auf ein neues Gesundheitsbewusstsein hin.
 
Gastroenterologie 21. Mai 2017

VIDEO: Über 8.700 Interessierte besuchten den 1. Wiener Verdauungstag

Reise zum Mittelpunkt des Körpers

Die Erforschung der Magen-Darm-Welt und ihrer Bewohner boomt, das Interesse ist gigantisch. Davon zeugte der Andrang bei der Fachtagung Gastroenterologie und Hepatologie All-in sowie beim Publikumstag im Wiener Rathaus. Rund 8.700 Besucher wurden gezählt. „Tolle Veranstaltung", hörte man allerorten, auch wenn die Mikrobiom-Forschung längst noch nicht alle in sie gesetzten Hoffnungen erfüllen kann.

Ein Herr mittleren Alters verlässt den 1. Wiener Verdauungstag über die Feststiege des Rathauses. Zu seiner Begleitung sagt er: „Ich habe das eigentlich alles schon gewusst." Unaufgeforderte Replik des Reporters: „Wirklich alles?" Denn wenn das so wäre, dann würden sich die Zuschauer, Experten und Aussteller im Festsaal gerade ziemlich langweilen. Nun, das ließ sich leicht überprüfen.

Der erste Eindruck im Festsaal: Bienenschwarm. Trauben von Besuchern stehen an den einzelnen Ständen, um sich über Darmkrebsprophylaxe aufklären zu lassen, einen Leberscan durchführen zu lassen oder sich über alternative Wege zu einer gesunden Darmflora zu informieren. „Ich habe das Gefühl, es sind sehr viele auf der Suche nach Information, nach Anregungen und nach Lösungen ihrer Probleme." Das sagt Mag. Birgit Füssl, deren Firma Germania Probiotika vertreibt.

Vor der großen Bühne im Festsaal des Rathauses stößt man auf alles mögliche – zum Beispiel Infostände, denen das Infomaterial ausgeht – nur nicht auf mangelndes Interesse. Im Gegenteil: Die Publikumsrunde von Prof. Dr. Ludwig Kramer, 1. Medizinische Abteilung mit Gastroenterologie, KH Hietzing, und Prof. Dr. Gabriele Moser, Universitätsklinik für Innere Medizin III, Abteilung Gastroenterologie und Hepatologie, MUW, moderiert von ORF-Journalistin Christa Kummer, mutiert zur Fragestunde (siehe unten).

Kramer erstaunt: „Von dem Zustrom bin ich überwältigt. Damit habe ich nicht gerechnet." „Tolle Veranstaltung", meinte Prof. Dr. Petra Munda, Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie, Univ.-Klinik für Innere Medizin III, AKH Wien". Erfreut zeigte sich auch Prof. Dr. Monika Ferlitsch, ebenfalls Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie, Univ.-Klinik für Innere Medizin III, AKH Wien. „Ich kann als Vortragende über das rege Interesse sowohl von Ärzten als auch von Patienten nur sehr zufrieden sein."

Dabei war der Ansturm eigentlich keine Überraschung. Die Bedeutung der Darmbakterien für so ziemlich jedes Volksleiden ist gerade erst beim breiten Publikum angekommen. Die Erwartungshaltung an die Mikrobiom-Forschung ist daher riesig.

Dabei steckt die Forschung zu Darmbakterien noch in den Kinderschuhen, von fundierten Empfehlungen ist man weit entfernt. Dennoch: Immer mehr Forschungsgelder werden investiert, in hochkarätigen Fachzeitschriften erscheinen Artikel dazu, und auch in den Laien-Medien ist das Mikrobiom ein beliebtes Thema. Demnach soll so gut wie jede Zivilisationskrankheit – Diabetes, Übergewicht, Allergien, Darmkrebs, Nierensteine, Reizdarm, Depressionen, aber auch Autismus – auf das Konto einer Dysbalance in der Darmflora gehen.

Empfehlungen zu mehr Probiotika oder darmfreundlichen Nahrungsergänzungsmitteln kursieren, entsprechende Ratgeber und Kochbücher sind im Angebot. Manche (selbsternannten) Experten verurteilen schon pauschal Kaiserschnittgeburten, Packerlmilch für Babys oder Antibiotika – all dies kann nämlich die Zusammensetzung der Bakterien-WG im Darm verändern. Helfen soll die Stuhltherapie, die in amerikanischen Kliniken bereits als Therapie gegen Diabetes und Übergewicht beworben wird.

Keine voreiligen Schlüsse

Allerdings scheint vieles noch sehr unausgegoren. Selbst Mikrobiom-Forscher warnen die eigene Zunft vor allzu euphorischen und voreiligen Schlussfolgerungen. Immerhin ist gesichert, dass Darmbakterien ihren Wirt, also den Menschen, beeinflussen. Sie fördern die Aufnahme von Nährstoffen ins Blut, indem sie den Transport durch die Darmzellen beschleunigen und den Fett- und Gallensäure-Stoffwechsel optimieren.

Zudem bauen Dickdarmbakterien einen Teil der Ballaststoffe, die der Mensch sonst nicht verwerten könnte, zu kurzkettigen Fettsäuren wie Buttersäure ab – rund 30 Prozent der Stoffwechselprodukte im Blut sind mikrobieller Herkunft. Bakterien helfen obendrein bei der Entwicklung des Immunsystems, verwandeln unreife T-Zellen in reife. Und sie machen Giftstoffe und Krankheitserreger unschädlich.

Dafür bietet der Mensch ihnen einen angenehmen Wohnort in einem wohltemperierten Milieu mit normalerweise ausreichend Futter – eine perfekte Symbiose.

Der Wert der Darm-Vielfalt

Dass bestimmte Bakterien obendrein schlank machen und vor Diabetes schützen, ist eine derzeit besonders populäre Behauptung. Gerade das Volksleiden Zuckerkrankheit beschäftigt die Mikrobiomforschung, weil nach manchen Untersuchungen Diabetes und Übergewicht womöglich mit weniger diversen Darmmilieus einhergehen. Aber: „Was genau ein gesundes Mikrobiom ist, ist tatsächlich weitgehend unklar", zitiert Spektrum der Wissenschaft die Mikrobiologin Elisabeth Birk von der Standford University.

Zwar beherbergen Jäger-Sammler-Kulturen in Südamerika und Afrika grundsätzlich andere und viel unterschiedlichere Darmbewohner als Menschen in Industrienationen, und gleichzeitig leiden sie tatsächlich seltener unter Zivilisationskrankheiten. Aber: Auch gesunde Menschen in reichen Ländern haben eine reduzierte, mikrobielle Artenvielfalt. Manche tragen gar potenziell krank machende Keime wie Clostridium difficile im Darm, ohne krank zu werden. Und Schwangere im dritten Trimester haben ein ähnliches Mikrobiom wie Menschen mit metabolischem Syndrom. Trotzdem wird in Forscherkreisen häufig von Dysbiose gesprochen, also einer Störung der Darmflora.

Wenn Darmbakterien Krankheiten verursachen, dann müssen auch die Mechanismen bekannt sein. Dazu wird eifrig geforscht, vor allem mit keimfreien Mäusen. So gibt es etwa die Theorie, dass bestimmte Darmbakterien besonders gut Ballaststoffe im Darm abbauen, Einfachzucker vermehrt durch die Darmwand manövrieren oder helfen, Fettdepots anzulegen.

Durch all dies werde dem Wirt mehr Energie zugespielt, was gleichsam dick mache, während schlank machende Keime die Bildung von Sättigungshormonen vorantreiben sollen. Andere glauben, dass Entzündungsmechanismen und ein Barriereverlust im Darm als möglicher Mechanismus für Adipositas und Diabetes in Frage komme. Denn durch einen löchrigen Darm gelangten toxische Bakterienbruchstücke ins Blut, was zu Mini-Entzündungen führe und die Insulinsensitivität einschränke.

Ein zuletzt mehrfach erfolgreicher Eingriff scheint allerdings die Rolle des Mikrobioms als Ursache von Erkrankungen zu unterstreichen: die Stuhltransplantation von Mensch zu Mensch. Sie wird etwa bei Patienten mit schwerer Clostridium-difficile-Infektion angewandt und zeigt auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) und Reizdarm erste Erfolge.

Brennende Fragen der Patienten

Die Gesundheit des Darms betrifft jeden. Aber was bewegte nun die Patienten zum Verdauungstag zu gehen? Was wurde gefragt? „Es hält sich die Waage zwischen Durchfall und Verstopfung", sagt Produktmanagerin Füssl, viele Fragen drehten sich auch ums Thema Reizdarm und Nahrungsmittelunverträglichkeiten, vor allem Laktoseintoleranz.

Die Experten nehmen das Interesse der Laien ernst. „Als gelernter Österreicher hat man zwar immer ein Zwicken im Bauch", sagt Prof. Dr. Gabriela Kornek, ärztliche Direktorin des AKH Wien, aber möglicherweise ändere sich das Gesundheitsbewusstsein gerade, die Menschen zeigen sich interessierter etwas für ihre Gesundheit zu tun und sich mit Informationen zu versorgen.

Ernährung werde teilweise schon „pathologisiert", sagt Moser. Sinn einer Veranstaltung wie des Verdauungstages sei es daher auch, „den Menschen die Angst zu nehmen". Bislang ist gar nicht belegt, ob sich über die Ernährung oder andere Lebensstilfaktoren wie Sport das Darmmilieu in eine gewünschte Richtung lenken lässt.

Zwar unterscheidet sich die Darmflora von Veganern und Mischköstlern nicht substanziell, sehr wohl ändert sich die Besiedlung aber, wenn man seine Ernährung umstellt, also als Fleischesser plötzlich zum Vegetarier wird. Unklar ist dabei, ob das dermaßen gewandelte Mikrobiom dann für die bessere Gesundheit der Vegetarier zumindest mitverantwortlich sein könnte oder ob es nicht eher die anderen Inhaltsstoffe der pflanzenreichen Kost sind, die etwa das Herzinfarktrisiko reduzieren – dazu fehlen Langzeitstudien.

Top-Experten zum Angreifen

Mosers Vortrag am Verdauungstag war ein gelungenes Beispiel für den Wissenstransfer von Experten zu Laien. Mosers Thema war der Einfluss der Psyche auf den Verdauungstrakt. „Es gibt sehr viele Kommunikationswege zwischen Gehirn und Magen-Darm-Trakt, wir wissen, dass der Magen-Darm-Trakt auf Stress sehr stark reagiert, nicht nur die Verdauungssäfte auch der Speichel ändert sich unter Stress, Entzündungsmediatoren werden angeheizt". Es sei heute klar, dass Redewendungen wie „ich kann irgendetwas nicht schlucken" oder „es liegt mir im Magen" oder „es kommt mir die Galle hoch" oder „ich entscheide aus dem Bauch heraus" eine wissenschaftliche Basis haben.

Weitere Vortragsthemen gefällig? Den Einfluss des Darms auf Körper und Geist erläuterte Dr. Alex Witasek: „Wenn der Darm krank ist, wird aus Tryptophan nicht so viel Serotonin gebildet, man wird leichter depressiv, leidet an Schlafstörungen durch den Melatoninmangel". Prof. Munda widmete sich dem Thema Fettleber: „In der heutigen Zeit ist der größte Risikofaktor Überernährung und der Überfluss, in dem wir leben."

Beim Hinausgehen stolperte der Berichterstatter beinahe über eine Besucherin mit sehr viel Infomaterial unterm Arm. „Mich haben alle medizinischen Vorträge interessiert." Und welche besonders? „Die über TCM und Ayurveda (Anmerkung der Redaktion: „Der Reizdarm in der Traditionellen Chinesischen Medizin" von Dr. Kurt König, KH Hietzing; „Ayurveda: 5.000 Jahre indische Heilkunst" von Dr. Lothar Krenner)." Sollte es einen 2. Verdauungstag geben, sie werde garantiert wiederkommen. Die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht. Denn bei aller Kritik am Mikrobiom-Hype, waren sich die Gastroenterologen einig, dass das Mikrobiom, ähnlich wie das Erbgut, ein wichtiges biologisches Instrumentarium ist, mit dem man in Zukunft Krankheiten erklären und möglicherweise heilen wird können.

Die Aussteller

Lokalaugenschein. An den Info-Ständen der Krankenhäuser, Ordinationen und Ernährungsberater kamen Ängste zur Sprache, wurde nach Spezialisten gefragt sowie nach ganz einfachen Lösungen für komplexe Probleme gesucht.

„Fettleber ist das Thema schlechthin." Das sagt Angelika Widhalm, Vorstand der der Hepatitishilfe Österreich (www.gesundeleber.at). Ihr Stand und der von assoc. Prof. PD Dr. Arnulf Ferlitsch, wo Interessierte sich ihre Leber untersuchen lassen („Drei Zirrhosen haben wir heute schon entdeckt") gehören zu den meist besuchten am 1. Wiener Verdauungstag. Früher wäre das Thema häufig heruntergespielt worden, eine Fettleber gehöre einfach zum Österreicher-Sein dazu. „Aber man muss dem nachgehen, denn der Übergang von der Fettleber zur Entzündung bleibt oft unerkannt", die Leberkrebs-Fälle „steigen enorm an".

Auf der gegenüberliegenden Seite des Saals steht OA Dr. Kurt König vom Krankenhaus Hietzing (www.doktorbauch.at) und demonstriert die endoskopische Untersuchung an einer aufgeschnittenen Paprika, ein Gag zwar, aber einer mit ernstem Hintergrund: „Viele Patienten, die heute zu uns kommen, haben Beschwerden, wurden aber nie richtig beraten." Viele Ängste von Patienten, die bereits traumatisiert seien, kämen zur Sprache, „daher macht es schon Sinn, dass wir da sind und den Leuten die Angst vor der Untersuchung nehmen können".

„Wir waren schon auf ähnlichen Veranstaltungen, aber diesmal ist mehr Publikum da und die Leute fragen gezielter nach." Das sagt Martina Schwarz, die ein paar Tische weiter Broschüren über das Evangelische Krankenhaus in Wien  verteilt (www.ekhwien.at). Die Fragen drehen sich hier um Ärzteempfehlungen. „Ich teile Listen aus und berate, wer sie auf was spezialisiert hat. Viele wollen bei so einem Gespräch ihre Krankengeschichte loswerden, man kann sie nicht stoppen und das wollen wir auch nicht." „Im Darm liegt das Wohlbefinden", meint sie noch. Da kommt schon die nächste Besucherin: „Kann ich so ein schönes Sackerl haben." Messe eben.

„Der Zulauf ist toll", sagt die Allgemeinmedizinerin, Wundmanagerin und F. X. Mayr Ärztin® Dr. Elisabeth Kripp (www.ek-med.center). „Manche wollen eine Tablette haben, aber so einfache Lösung spielt es halt nicht, man muss selber was tun. Kohlehydrate, Weizen- und Kuhmilchprodukte weglassen." Zusatz: „In Wahrheit ist es schon ein bissl komplexer."

Die Fragen

Expertentalk. Schwarztee oder Kaffee, Süßes oder Saures? Was dem Publikum auf den Magen schlägt wurde auf dem Podium thematisiert.

MB.  Der Schocker zuerst: „Fruchtsäfte und Smoothies sind überhaupt nicht gesund, sind stark mit Zucker angereichert., höchstens für die, die sie verkaufen" Das sagt Prof. Ludwig Kramer. Und probiert die Ehrenrettung des Kaffees, „der ja oft angeschüttet wird". Kaffee sei nicht gefährlich, sondern zur Vorbeugung von Leberkrebs und Leberzirrhosen sogar günstig. Bitte nicht im Kaffee baden! Aber: Die Dosis lasse sich bis auf acht Tassen täglich steigern, sagt Kramer. Moderatorin Christa Kummer lebt übrigens „kaffeelos".

Die beiden Fragestunden – Prof. Kramer und abwechselnd Prof. Moser und Prof. Munda gaben Auskünfte – gehörten zu den Höhepunkten des Verdauungstags. „Ich lebe an sich sehr gesund", meinte eine Dame im Publikum, aber „mein Süßes" sei ein Laster. Kramer locker: „Machen Sie weiter damit. Essen sollte nicht problematisiert werden, dann macht das Essen keinen Spaß mehr."

Noch eine Frage? „Ich möchte fragen, ob der Schwarztee genauso schlecht ist wie der Kaffee für den Magen, wenn man unter Gastritis leidet?", meldete sich eine Teeliebhaberin – Fragen war Frauensache am 1. Wiener Verdauungstag. Kramer dazu: „Soweit ich weiß haben die Chinesen eine gleich hohe und die Japaner eine höhere Lebenserwartung als wir, es kann kein Gift sein Schwarztee zu sich zu nehmen. Für die Leber ist der Schwarztee zwar nicht so gesund, aber er ist auch kein bekannter Risikofaktor so wie der Alkohol für das Magengeschwür. Würde ich beibehalten."

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