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© Constantin Film
Tarantino im Großformat: „The Hateful Eight“ als Hommage an die große Zeit des analogen Films.
© Gartenbaukino

Philips DP70 Projektor im Wiener Gartenbaukino, der sich von 35 mm auf 70 mm umrüsten lässt.

© Park Circus

Leinwandepos auf 70 mm: „Lawrence of Arabia“, Filmszene mit Peter O’Toole und Antony Quinn.

© Thomas Kahler

Schwerwiegend: 240 Kg Film umfasst die 70 mm-Kopie „Lawrence of Arabia“.

© Park Circus

Auf die Größe kommt es an: Detail der 70 mm-Kopie „Lawrence of Arabia“

 
Leben 24. Mai 2016

Gute Projektion

Manchmal ist es schier unglaublich, dass eine Sache, die allgemein als unhandlich und teuer gilt, dennoch eine Renaissance erlebt: Bei Kino-Filmen auf 70 mm gedreht und vorgeführt, ist dies gegenwärtig der Fall.

Bedeutende Filmregisseure wissen es auch heute noch zu schätzen. Und das, obwohl digitale Aufnahmemedien dafür gesorgt haben, dass dieses spezielle Format fast schon der Vergangenheit angehört.

Das Heimkino ist für viele heute das Maß aller Dinge. Das möglichst beste HD-Bild in den eigenen vier Wänden samt entsprechendem Ton gilt als erwünschter Standard. Doch die hohe Qualität stimmt bei der digitalen Bildwiedergabe nur mit Einschränkungen. Was digital an Bilddaten gespeichert ist, entspricht nicht einmal ansatzweise dem, was auf 70 mm Filmmaterial Platz hat. Denn damit ist eine – in der Einheit K – angegebene Bildauflösung von 8 bis 10 möglich, während die meisten heute in Kinos gezeigten Filme nur 2 bis 4 K haben. Das Heimkino schafft maximal 2 K. Deshalb widmen sich wieder namhafte Regisseure einem als technisch überholt geltenden Medium und auch Quentin Tarantinos neuester Film „The Hateful Eight“ auf 70 mm gedreht wurde.Allein die Materialkosten sind erheblich höher. Schließlich braucht es, um im Format 70 mm analog zu drehen, auch die dazu nötige Ausrüstung inklusive Kameras und Objektive. Beides ist nicht mehr ganz so leicht zu finden. Tarantino etwa hat mit Linsen gedreht, die bereits 50 Jahre alt sind und dennoch – gute Pflege vorausgesetzt – noch lange einsatzbereit sein werden.

Auf die Größe kommt es an

Das Drehen auf dem breiteren analogen Filmmaterial ist, da es sich um eine im Verhältnis zu 35 mm deutlich größere Menge handelt, vergleichsweise aufwendig und daher deutlich kostspieliger. Für die Kinos bedeutet dies mehr Aufwand und Kosten. Zudem sind die Kinos mit dem dafür tauglichen Equipment eher rar. In Deutschland gibt es nur vier: den Zoo Palast in Berlin, das Savoy in Hamburg, die Lichtburg in Essen und die Schauburg in Karlsruhe. Österreich besitzt mit dem Gartenbaukino in Wien nur eines, das von der technischen Ausstattung her in der Lage ist, 70 mm Kopien zu spielen. Allein im Falle des 1963 von Regisseur David Lean gedrehten Films „Lawrence of Arabia“ der mit Peter O’Toole, Omar Sharif, Antony Quinn und Alec Guinness in den Hauptrollen mit sieben Oscars ausgezeichnet wurde, bedarf es gehöriger Anstrengungen: Um die Vorführung im Wiener Gartenbau Kino zu ermöglichen, mussten die 240 Kilogramm schweren Spulen der Kopie in Aluboxen per Sondertransport von der englischen Verleihfirma angeliefert werden.

70 mm-Kopien vorführen zu können, ist keine Kleinigkeit: Das Gartenbaukino verfügt glücklicherweise nicht nur über 35 mm-Projektoren, die bei Bedarf mit einem Modul samt entsprechenden Linsen auf 70 mm-Projektion umgerüstet werden können, sondern auch über Filmvorführer, die wissen, worauf es bei der Vorführung ankommt. Diese im wahrsten Sinne des Wortes wertvollen Kopien müssen mit größter Sorgfalt behandelt werden, damit weder die Bild- noch Tonqualität leiden. Und die Vorführung ist allein schon wegen des Gewichts der einzelnen Filmspulen eine wirkliche Herausforderung. Zudem verfügt das Wiener Gartenbaukino über eine wieder reaktivierte 70 mm taugliche Leinwand, um solch eine Kopie im korrekten Größenverhältnis zeigen zu können.

Klassiker im 70 mm-Format

Was aber macht die Faszination solch eines Filmerlebnisses aus? Ist es nur die Befriedigung einer Sehnsucht, die speziell mit analogem Filmmaterial und den 24 Bildern pro Sekunde zu tun hat? Vielleicht ist ein Vergleich mit Tonaufnahmen auf Vinylschallplatten erhellend. Auch dabei geht es um feine Nuancen im Klangbild und seit einiger Zeit scheint auch da die Wertschätzung der analogen Aufzeichnungen und Wiedergabe wieder zu steigen.

Trotz dieser an sich positiven Entwicklungen wird die Archivierung von analogen Kopien durch die Verleihfirmen in vielen Fällen äußerst nachlässig gehandelt. 70 mm Material ist ganz besonders gefährdet, da für die Verleihfirmen der Aufwand des Lagerns sehr groß und die Neuherstellung von spielbaren Kopien teuer ist. Die aus dem Verleih solcher Filme zu erzielenden finanziellen Profite sind aber aus Mangel an passenden Spielstätten vergleichsweise gering. So werden manche dieser 70 mm-Kopien über kurz oder lang nicht mehr spielbar sein, denn auch für eine Restaurierung ist hoher Einsatz erforderlich.

Ganz muss man auf solch ein Filmvergnügen jedoch nicht verzichten, denn Leinwandepen auf 70 mm gibt es weiterhin vereinzelt zu sehen. Dazu zählen auch Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“ sowie „Spartacus“, die beide noch im Lauf dieses Jahres im Wiener Gartenbaukino gezeigt werden. Weitere Filme, von denen Kopien in 70 mm existieren, sind, „Doctor Zhivago“ aus dem Jahr 1965 und das Musical „Sound of Music“. Eine 70 mm-Renaissance in den 1980er-Jahren folgte mit „Star Wars“, „Close Encounters of the Third Kind“ und „Apocalypse Now“ sowie „Alien“. Dem imposanten 70 mm-Format – einstmals das Premieren-Format führender Lichtspielhäuser – die Treue zu halten, hat gute Gründe: Man bekommt filmtechnische Brillanz zu sehen, die zu den ganz großen Meisterleistungen zählt, welche die Filmgeschichte zu bieten hat, und damit zur Königsklasse des analogen Films gehört.

www.gartenbaukino.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 21/2016

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