zur Navigation zum Inhalt
Ausstellungsansicht „Die präparierte Welt“ – Glasaugensammlung für die unterschiedlichen Präparate.

Trockene Früchte werden in Schachteln oder Glasröhrchen aufbewahrt, fleischige oder saftige Pflanzenteile in Konservierungsflüssigkeiten eingelegt, Pilze und Früchte gefriergetrocknet.

Präparation einer Krähe: Von der abgezogenen Haut (Balg) über die Stützung des Körpers mit Draht bis zum Wickeln zur Nachbildung der Muskulatur.

© (5) NHM Wien, Kurt Kracher

Fuchsköpfe mit verschiedenen Glasaugen im Vergleich: Größe, Farbe und Pupillenform entscheiden darüber, ob ein Präparat glaubhaft wirkt oder nicht.

Die ältesten Tierpräparate wurden vor mehrals 3.000 Jahren in Ägypten angefertigt. ImVordergrund eine Ibismumie, im Hintergrund ein Rochen– zu einem Basilisken umgearbeitet.

 
Leben 31. August 2015

Lebensecht

Die natürliche Erscheinung eines Lebewesens über den Tod hinaus zu bewahren, hatte ursprünglich einen kultisch-religiösen Hintergrund, bis der wissenschaftliche Aspekt der Präparation in den Vordergrund trat. Die Ausstellung „Die präparierte Welt“ in Wien spannt einen Bogen.

Tiere, die so lebensecht wirken, dass man meint, sie würden sich jeden Moment bewegen: Die Tätigkeit von Präparatoren und Modellbauern birgt eine Fülle an speziellen Aufgaben, um Tiere und Pflanzen möglichst naturgetreu zu konservieren, wie eine Ausstellung im Naturhistorischen Museum sehr anschaulich und informativ vermittelt.

Manche Erinnerungen reichen bis in die Kindheit zurück. So auch jene im Salzburger Haus der Natur, wo präparierte Wildtiere in aufwendig gestalteten Dioramen zu sehen waren. Nur eine Glasscheibe trennte den Betrachter von den wie lebensecht wirkenden und Respekt einflößenden Wildtieren. Täuschend echt standen sie da, oft hatte man den Eindruck, sie könnten sich jeden Moment in Bewegung setzen. Genau diesen überzeugenden Effekt versuchen versierte Präparatoren zu erzielen. Ähnliche Erlebnisse bescheren auch die umfangreichen Sammlungen des Naturhistorischen Museums in Wien. Manchmal beschleicht einen nämlich angesichts der unmittelbaren Nähe zu den Exponaten wider besseren Wissens schon ein gewisses Unbehagen.

Möglichst lebensecht

Der Wunsch, das äußere Erscheinungsbild von Mensch und Tier dauerhaft erhalten zu wollen, hatte ursprünglich kultische Gründe und reicht dementsprechend weit zurück. Schon in der ägyptischen Antike finden sich neben mumifizierten menschlichen Körpern auch solche von Tieren, wie etwa jene Katzen, die der Göttin Bastet geweiht waren. Solche Mumifizierungen erforderten ein fundiertes Wissen über die Technik des Einbalsamierens. Die wissenschaftliche Präparation hingegen ist weit jüngeren Ursprungs. Sie hat in Wien eine lange Tradition, obwohl es zunächst ein Franzose war, der mit seinen teils bis heute erhalten gebliebenen anatomischen Präparaten erstmals im 18. Jahrhundert an die Öffentlichkeit trat und für Furore sorgte: Honoré Fragonard legte hierfür mit seinen Kabinettstücken, die sich bis heute im Musée de l`ecole nationale vétérinaire d`Alfort in Paris befinden, bereits um 1766 den Grundstock (Ärztewoche 40/2014).

Bis zum Ende der Monarchie war in der Folge die „Wiener Schule“ auf diesem Gebiet wegweisend. Als Beispiel dafür sei der 1810 in Eisenstadt geborene Anatom und Präparator Josef Hyrtl (1810–1894) genannt. Schon während seines Medizinstudiums erregte er die Aufmerksamkeit von Professoren und Studenten. 1833 wurde er Prosektor der Anatomie und Assistent von Joseph Julius Czermak. Er gab Kurse in Anatomie für Studenten und in Praktischer Anatomie für Physiologen. Gerard van Swieten, der Leibarzt Maria Theresias, hatte bereits bei seiner Berufung nach Wien im Jahr 1745 seine Präparate von der Universität Leyden mitgebracht. Daraus ging schließlich das Museum für menschliche Anatomie hervor, das unter der Leitung Hyrtls 1850 zum Museum für vergleichende Anatomie wurde. Hyrtl wirkte nicht nur in Wien, er versorgte zahlreiche anatomische Museen weltweit mit seinen Präparaten. Speziell um die Jahrhundertwende bescherte der wahre Boom bei Jagdtrophäen den Präparatoren eine Vielzahl an heimischen wie exotischen Tieren. Manche davon gelangten sogar in den Sammlungsbestand der Museen.

Die Kunst der Präparation

Im 19. Jahrhundert ging man auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Präparation auch in Österreich uneinheitliche Wege. Traurige Berühmtheit erlangte der Edelmann Angelo Soliman, der zu Lebzeiten in Diensten Joseph Wenzel I. Prinz von Liechtenstein stand und nach seinem Tod gegen den Willen seiner Tochter als präpariertes Exponat in den naturhistorischen Sammlungen zu besichtigen war. 1848, während der Revolution, fiel dieses „Exponat“ einem Brand zum Opfer. Herzmanovsky-Orlando hat dies literarisch in seinem Drama „Exzellenzen ausstopfen – ein Unfug. Ein skandalöses Begebnis aus dem alten Wien“ verewigt.

Was aber sind – abseits dieses tragischen Falles einer gründlich missverstandenen Exotik – die tatsächlichen Herausforderungen, mit denen es Präparatoren heutzutage zu tun haben? Darüber gibt diese Ausstellung detailreich Auskunft. Weichtiere, wie etwa Schnecken oder solch fili-grane Geschöpfe wie Quallen, so erfährt man hier etwa, gelten als unpräparierbar. Sie können bestenfalls in Alkohol eingelegt und in Schaugläsern präsentiert werden, wie dies auch meist bei botanischen Exponaten der Fall ist. Eher sind in solchen Fällen jedoch Modellbauer gefragt, die aus unterschiedlichen Materialen täuschend echte Abbilder schaffen. Sehr schöne und frühe Beispiele hierfür – wobei Quallen und Blüten in verkleinertem Maßstab modellhaft wiedergegeben wurden – haben Leopold Blaschka und dessen Sohn Rudolf geschaffen. Mit ihren fein gearbeiteten, detailgenauen und sorgsam bemalten Glas-Modellen blieben sie zu Lebzeiten weltweit unerreicht. Die virtuosen und kostbaren Objekte wirken auch heute noch unendlich faszinierend.

Die Dermoplastik hingegen, die bei großen Präparaten angewandt wird, hat ihre Tücken und erfordert hohes Können und große Erfahrung, damit das Resultat überzeugend wirkt. Die richtige Wahl der Materialien, bis hin zu den Glasaugen, entscheidet, ob Haltung und Ausdruck auch bei näherer Begutachtung einem kritischen Blick tatsächlich standhalten. Denn nur dann ist solch ein Präparat wirklich gelungen.

Ausstellungsdauer: bis 4. Oktober 2015

www.nhm-wien.ac.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 36/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben