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© Fritzkarl Stumpf
Die Wiener Würfeluhr im öffentlichen Raum im 1. Bezirk am Stock im Eisen Platz.
© Thomas Kahler

Eine der letzten „Normalzeituhren“ mit unverändertem Zifferblatt am Wiener Naschmarkt nächst dem Theater an der Wien.

Gleicht dem Original bis ins Detail: Die „Würfeluhr“ für das Handgelenk.

© (2)Lichterloh

Normalzeit für unterwegs: Entwerfer Fred Brodmann mit der von ihm gestalteten Armband-Version.

 
Leben 22. Juni 2015

Haben Sie Zeit?

Öffentliche Uhren dienen seit mehr als 300 Jahren der zeitlichen Orientierung. Die „Würfeluhren“ prägen über mehr als ein Jahrhundert das Wiener Stadtbild. Seit kurzem gibt es die „Normalzeit“ nun auch als Armbanduhren.

Heute genügt ein Blick auf das Mobiltelefon für eine präzise Zeitangabe. Bis dahin gaben nur öffentliche Uhren die genaue Referenzzeit an. Eine spezielle Form dieses Typus ist die „Wiener Würfeluhr“.

Manche Dinge nimmt man, da man sie nicht ständig braucht, fast unbewusst wahr. Dazu gehören weithin sichtbare öffentliche Uhren auf Kirchtürmen oder Amtsgebäuden. Deren Zeitangabe war als Referenzzeit zum Stellen der eigenen Uhr jedoch nicht immer zuverlässig. In Wien gab es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts namhafte Uhrmacher, darüber hinaus war die Habsburgermonarchie ein wichtiger Absatzmarkt für Schweizer Präzisionsuhren sowie für Erzeugnisse aus dem sächsischen Ort Glashütte.

Mit der aufkommenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde die akkurate Zeitmessung immer wichtiger. Wer etwas auf sich hielt, besaß eine Taschenuhr, um etwa Termine verlässlich einhalten zu können. Hochwertige Chronometer mit höchst präziser Ganggenauigkeit waren zudem Prestigeobjekte. Blieb die Uhr jedoch stehen, war guter Rat teuer. Denn die öffentlichen Uhren waren bis zur Wende in das 20. Jahrhundert nicht synchronisiert. So zeigten die Uhren am Stephansdom und dem Neuen Rathaus zwar die Zeit an, dies aber nicht immer auf die Minute verlässlich. Eine Referenzzeit boten bestenfalls die Bahnhofsuhren, da die Fahrpläne von Fernzügen und dem Nahverkehr zeitlich aufeinander abgestimmt werden mussten. Auch die Taktung der Straßenbahn war fahrplan- und damit zeitabhängig.

Öffentliche Zeitmessung

Das Problem der verlässlichen Zeitanzeige an zentralen Punkten in Wien ließ sich erst 1907 lösen. Gemeinsam mit der Uhrenfabrik „Ing. Emil Schauer“ entwickelte das Uhrenreferat des Wiener Stadtbauamtes eine öffentliche Uhr, die optimale Ablesbarkeit und höchste Ganggenauigkeit durch ihre elektrische Steuerung garantierte. Wer für die Gestaltung dieser Uhr verantwortlich zeichnete, ist nicht bekannt. Die erste dieser Uhren wurde Ecke Opernring/Kärntnerstraße installiert. Diese und die in den darauffolgenden Jahren in Dienst gestellten Würfeluhren verfügten über vier klar strukturierte Zifferblätter, von denen man dank der gut sichtbaren Anzeigeflächen die Zeit problemlos ablesen konnte. Ihre Würfelform mit den abgeschrägten Ecken kam bei den Wienern gut an, nicht zuletzt war auch nachts auf den innenbeleuchteten Zifferblättern die genaue Zeit gut zu sehen.

Doch nicht nur die „Würfeluhren“ boten eine verlässliche Zeitanzeige: Mit dem Bau der neuen Urania-Sternwarte übersiedelte die im Jahre 1906 errichtete Zeitdienstanlage des Wiener Präzisionsuhrmachers Karl Satori. Sie wurde am neuen Standort der Urania nahe der Mündung des Wienflusses in den Donaukanal mit einbezogen. Bis in die 1930er Jahre pflegten die Wiener ihre Taschenuhren nach der großen Sekunden-Nebenuhr an der Straßenfront der Urania zu richten. Das “Uraniazeit-Zeichen“ war aber auch Jahrzehnte für die telefonisch abrufbare Zeitauskunft maßgebend. Nach dem Kriege wurde die zerstörte Zeitdienstanlage der Urania neu errichtet. Sie befindet sich heute straßenseitig an der Fassade des Gebäudes.

Doch zurück zur „Wiener Würfeluhr“ und dem Unternehmen, das sie erzeugte: Emil Schauer, der Gründer der Groß-Uhrenfirma mit Sitz in der Bernardgasse im 7. Wiener Gemeindebezirk, hatte sich auf Turmuhren spezialisiert. Die Uhren im Turm des Wiener Rathauses stammen ebenfalls von diesem Unternehmen, wie auch jene Uhr, die sich in dem turmartigen Aufsatz vis à vis des Theaters an der Wien am Naschmarkt befindet. Der Begriff „Normalzeit“, der mit diesen öffentlichen Uhren verbunden ist, kommt daher, dass noch bis 1910 in den Ländern der k.u.k. Monarchie unterschiedliche Regionalzeiten galten. Für die Reichshauptstadt Wien war die „Prager Zeit“ maßgebend. Bezogen auf die seit 1893 eingeführte Mitteleuropäische Zeit (MEZ) bestand ein Zeitunterschied von einigen Minuten. 1910 wurde schließlich die Anpassung an die MEZ auch in Österreich vorgenommen, fortan tickten nun auch in Wien die öffentlichen Würfeluhren nach „Normalzeit“.

Für die legendäre Ganggenauigkeit dieser Uhren sorgten Schwingankeruhrwerke. Eine Gangreserve von zwölf Stunden garantierte auch bei einem Stromausfall den verlässlichen Betrieb der Uhren. Obwohl sich die Würfeluhren über Jahrzehnte im Wiener Stadtbild etabliert hatten, führten die hohen Erhaltungskosten und die notwendige Modernisierung zu Diskussionen über das weitere Schicksal dieser Wiener Wahrzeichen. Die mittlerweile teilweise „Privatisierung“ und damit verbundene Übernahme der Betriebskosten dieser Uhren durch eine Versicherungsgesellschaft, ist ein eher unglücklicher Kompromiss; seither ziert das Firmen-Logo das ursprünglich klare Zifferblatt.

Normalzeit am Handgelenk

In der Geschichte der Wiener Würfeluhr wurde aber ein neues Kapitel aufgeschlagen: Das Wiener Design-Unternehmen „Lichterloh“ hat es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, die verbliebenen Originaluhren zu sichern und so Uhren-Liebhabern Gelegenheit zu geben, ein Stück Wiener Uhrengeschichte zu besitzen. Für all jene, die den nötigen Platz dafür nicht haben, wurde nun zusammen mit dem Designer Fred Brodmann nach Vorlage dieser Würfeluhr die Normalzeit Armbanduhr gestaltet. Präsentiert wurde die Uhr weltweit erstmals – und dies mit großem Erfolg – in New York auf der International Contemporary Furniture Fair (ICFF) von 16. bis 19. Mai 2015. Derzeit gibt es eine Sonderedition von 1907 Stück für all jene, die ein Stück Wiener „Zeit-Geschichte“ ihr eigen nennen wollen. Auch auf diese Weise bleibt die „Wiener Würfeluhr“ als Symbol der Wiener Stadtgeschichte der Nachwelt erhalten.

www.normalzeit.at

www.lichterloh.com

Thomas Kahler, Ärzte Woche 25/2015

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