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Der Stoff aus dem die (Alb-)Träume sind: Drachenartiges Fabelwesen.

Die fabelhafte Welt des Jan Švankmajer:Großes Ungeheuer.

© (5) Ivan Melicherčík

Muschelmetamorphose: Eine Büste wie diese hätte sich auch in der Kunst- und Wunderkammer von Rudolf II. gut gemacht.

Kurios und grotesk – Jan Švankmajers „Naturhistorisches Kabinett“ in der Ausstellungsansicht.

Der Künstler und sein Sammler: Jan Švankmajer (re.) und Ivan Melicherčík.

 
Leben 1. Juni 2015

Kabinettstücke

Das vielschichtige Werk des gebürtigen Pragers Jan Švankmajer genießt unter Kennern große Popularität. Für Liebhaber des Skurrilen bietet die Ausstellung „Cabinet des Jan Švankmajer in Bratislava“ Einblick in dessen naturhistorisches Wirken.

International gelten die Kurzfilme von Jan Švankmajer als rare Besonderheiten. Aber er entwirft nicht nur Filmsets, die originell und von beklemmender Schönheit sind: Im Danubiana | Meulensteen Art Museum Bratislava ist nun die Ausstellung „Cabinet des Jan Švankmajer, Sammlung Ivan Melicherčík“ zu sehen.

Was für eine Koinzidenz: Im Geburtsjahr Jan Švankmajers 1934 formierten sich tschechischen Surrealisten. Seit 1970 gehört er dieser Gruppe an. Švankmajer hat sich dieser Konzeption auf ganz eigene Art und Weise verschrieben. Ein unkonventioneller Denker ist der gebürtige Prager zeit seines Lebens gewesen. Das Absurd-Groteske mit einem Hang zur Illusion hat ihn von Anfang an begleitet. Auf ein künstlerisches Medium allein blieb seine Arbeit dabei nie beschränkt.

Die Tradition des tschechischen Puppenspiels, das nicht nur in den ländlichen Regionen des Landes über Jahrzehnte weit verbreitet war, hat ihn von Jugend an geprägt. Dieses grundsätzliche Interesse teilt er etwa auch mit einem Meister des Puppentheaters, dem aus Karlsbad stammenden Richard Teschner, dessen phantastisch-poetischen Inszenierungen ist er jedoch nicht gefolgt. Švankmajer ließ sich stattdessen stärker von Alfréd Radoks Theaterkonzept „Laterna Magika“ prägen, welches dieser zusammen mit seinem Scenographen Josef Svoboda anlässlich der Expo 58 in Brüssel geschaffen hatte.

Die internationale Anerkennung für seine Kurzfilme, die in den 1960er und 1970er-Jahren in Stop Motion Technik und später in Claymotion-Technik mit wandelbaren Figuren aus Modelliermasse entstanden sind, ließ nicht lange auf sich warten. In dieser Zeit waren auch ein internationaler Austausch und Inspiration möglich. Das änderte sich nach dem Prager Frühling, als auch für Jan Švankmajer und seine 2005 verstorbene Frau Eva Švankmajerová, die ebenso Mitglied der tschechoslowakischen Surrealisten-Gruppe war, die Arbeitsbedingungen und damit die künstlerische Freiheit erheblich eingeschränkt wurden. Sieben Jahre dauerten diese Repressalien. Aber auch dann konnte noch nicht von normalisierten künstlerischen Arbeitsumständen die Rede sein.

Grotesk und poetisch

Švankmajers Filme und seine Bildsprache haben, obwohl sie oftmals düster wirken, dennoch stets etwas Komisches an sich. Seine Sujets und Szenarien sind reich an kunst- und kulturhistorischen Bezügen. Der Fundus, aus dem er schöpft, speist sich aus dem Unbewussten, all dies wird in bizarren Formen und kryptisch-verschlüsselten Bildern dargestellt. Komik und Unbehagen liegen bekanntlich nah beieinander, in diesem Fall sind sie sogar untrennbar miteinander verbunden. Die Nähe und Verwandtschaft zu den oft skurrilen Objekten aus den Wunderkammern des 16. und 17. Jahrhunderts ist dabei mehr als nur offensichtlich. Das Unbegreifliche erhält so Gestalt, büßt dabei jedoch nicht seinen unterschwellig spürbaren Schrecken ein.

Kein Wunder, dass sowohl zu Lewis Carroll und Edgar Allen Poe eine gewisse inhaltliche Nähe besteht. Carrolls Nonsense Gedicht „Jabberwocky“, das 1871 in der Fortsetzung „Through the Looking-Glass, and What Alice Found There“ von „Alice’s Adventures in Wonderland“ erschien, diente ihm beispielsweise als Grundlage für den 1971 entstandenen Kurzfilm „Jabberwocky“. 1988 drehte er „Alice“. Švankmajer geht dabei sehr subtil vor und steht folglich auch dem filmischen Mastermind der Monty Pythons, Terry Gilliam, näher als etwa dem Großmeister des Obskuren, David Lynch. Eine gewisse Verwandtschaft zu Arbeiten Jean Tinguelys und Daniel Spoerris ist ebenso vorhanden. Auch hier ist das Oevre Jan Švankmajers reich an Bezügen.

Das Schön-Schreckliche schafft Unbehagen, das so noch nicht Gesehene irritiert zutiefst. Man kann einem faszinierenden Erzähler hier nahekommen und sich in eine Welt des Absonderlichen und damit auch Wunderbaren entführen lassen. Oder wie es sein Landsmann Miloš Forman einmal so treffend ausdrückte: „Disney plus Buñuel ist gleich Jan Švankmajer“.

Das Innere Leben der Objekte

„Ich bezeichne mich niemals als jemanden, der Animationsfilme macht, weil ich nicht an Animationstechnik interessiert bin, um eine völlige Illusion zu erzeugen, sondern daran, Alltagsgegenstände zum Leben zu erwecken. Ich belebe diese Objekte nicht, zwinge sie aber dazu, das in ihnen schlummernde Leben preis zu geben“, so Jan Švankmajer. Er versteht sich – ganz in der Tradition des tschechischen Surrealismus – als Surrealist der dritten Generation und sieht diesen als „großes kollektives Abenteuer“. Um es noch etwas überspitzter zu formulieren: „Um den Surrealismus als solchen zu charakterisieren, kann man sagen, er ist die romantische Bewegung des 20. Jahrhunderts.“

Den Umstand, dass einem sein künstlerisches Universum oftmals fremdartig erscheint, würde er wohl gar nicht bestreiten. Die Objekte aus seinem naturhistorischen Kuriositäten-Kabinett scheinen tatsächlich einer anderen Wirklichkeit anzugehören. Der Prozess seines Arbeitens ist komplex und hat eine fast mythologische Ebene: Diese Geschöpfe in den Vitrinen scheinen einem ganz anderen Bereich anzugehören. Jan Švankmajer hat diese fremden Sphären erkundet und gewährt immer wieder einen oft durchaus verstörenden Einblick in diese Welten des Unbewussten. Eben darin liegt der besondere, hintergründige Reiz dieser Ausstellung und auch ihre Magie, damit öffnet sich der Blick in eine Welt jenseits des Alltäglichen. Als unermüdlicher Chronist hat Jan Švankmajer davon Beträchtliches in seinem Lebenswerk anschaulich gemacht.

www.danubiana.sk

Die Ausstellung läuft noch bis zum 28. Juni 2015

Thomas Kahler, Ärzte Woche 23/2015

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