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© Thomas Kahler (5)
Aus Oberösterreich in die weite Welt: die Trattenbacher Feitel sind begehrte Exportartikel.

Der Phantasie sind wahrlich keine Grenzen gesetzt: Vom Frauenbein, über die Pistole bis zur Katze ist alles möglich.

Seit Jahrhunderten unverändert: Gartenmesser mit Horngriff und Phallusmotiv.

Ein Multifunktionsmesser der französischen Marke Kindal, in Böhmen gefertigt: eher Anschauungsstück als praktischer Gebrauchsgegenstand.

Zwei Laguiole-Varianten: Eine mit Horngriff, dieandere in Aluminium. Das Exemplar dazwischenentstammt einer anderen Region.

 
Leben 18. Mai 2015

Scharfe Klappe

Ein kulturhistorischer Überblick: Ob zum Schnitzen, für die Brotzeit, bei der Gartenarbeit oder im Weinbau – die Geschichte der Klappmesser reicht weit zurück.

Weil sie oftmals eine Anschaffung für das Leben sind, kommt es auch bei Klappmessern auf die Qualität der Klinge an. Und gut in der Hand müssen sie auch liegen.

Das erste eigene Messer war etwas Besonderes: ein Schweizer Messer mit rotem Griff, darauf das Nationalsymbol der Eidgenossen. In einem Straßencafé in Interlaken floss kurz darauf Blut: Beim Schließen sollte man eben nicht den Zeigefinger zwischen Griff und Klinge bringen. Der glatte Schnitt verheilte, die Narbe allerdings erinnert heute noch an dieses erste Messer.

An sich sind Klapp- oder Taschenmesser sehr praktisch, da man sie gefahrlos mit sich führen kann. Und sie haben eine lange Geschichte: Bereits in der Bronzezeit und zu Zeiten der Römer waren sie gebräuchlich. Größere Verbreitung erfuhren Klappmesser erst seit dem 17. Jahrhundert. Der Grund dafür war, dass man auf Reisen sein Besteck mit dabei haben musste, da dieses in Gasthöfen nicht zur Verfügung stand. Löffel und Messer waren also unerlässlich. Für die Damen wurde aus dem Klappmesser alsbald ein wichtiges Reisenecessaire. Im ländlichen Bereich war und ist ein solches Messer auch heute noch ein wichtiger Begleiter. Man kann damit schnitzen, etwas trennen, Brot, Obst, Speck und Käse schneiden. Speziell ausgestattete Arbeitsmesser waren auch dazu geeignet, Hufe auskratzen oder mittels einer Ahle Leder zu durchbohren. Im Messergriff integrierte Korkenzieher, um Weinflaschen zu öffnen, gibt es seit dem frühen 19. Jahrhundert.

Der Beginn einer Sammlung

Begonnen hat das Sammeln von Taschenmessern eher beiläufig. Auf Flohmärkten fand sich das eine oder andere Stück, etliche davon in Frankreich, wo regional-typische Klappmesser weit verbreitet sind. Das Faszinierende daran ist, dass sich die Messer in Form und Ausführung bereits auf den ersten Blick deutlich voneinander unterscheiden. Grundsätzlich gibt es bei den Messertypen Unterschiede. Zierliche Modelle sind etwa bestenfalls zum Schälen oder Schneiden von Obst geeignet. Ein Gartenmesser hingegen muss sehr gut in der Hand liegen, um damit sicher arbeiten zu können.

An der Ausführung lässt sich die Güte und Qualität eines Messers bereits ablesen. Das fängt bei den Griffschalen an, die teils aus Horn, Hirschhorn, Kirsch-, Nuss-, Palisander oder Ebenholz gefertigt und teils mit Silbereinlagen verziert wurden. Wichtig ist auch der Ressort, also die Feder, aus Federstahl, der unter Spannung stehend, das Auf- und Zuklappen des Messers ermöglicht. Qualitativ hochwertige Messer waren durchaus nicht billig. Nicht nur Damenmesser waren oftmals reich verziert und somit weit weniger Messer für den reinen Alltagsgebrauch. Perlmutt, Silber oder auch Schildpatt fanden bei den teureren Varianten häufig Verwendung.

Genauso wichtig wie Griff und Ressort, die zusammen einen guten und sicheren Halt der Klinge garantieren, ist die Klinge selbst. Die führenden Hersteller, die Messer in großen Stückzahlen lieferten, sind bis heute in Solingen ansässig. Heutige Messerklingen sind aus rostfreiem Edelstahl. Die Güte der Klingen war früher zwar ebenfalls hochwertig, rostfrei waren sie jedoch nicht; man musste sie daher entsprechend pflegen. Bei älteren Messern kann man an der Klinge leicht ablesen, wie stark sie gebraucht wurden; meist sind die Klingen durch das Schleifen verbraucht oder tragen Spuren unsachgemäßen Schärfens. Das ist schwer verständlich, da man eine Klinge nur mit einem Wetzstein abziehen muss, um ihr wieder die nötige Schärfe zu verleihen.

Oberösterreichische Taschenfeitel

Die Herstellung von Taschenmessern aus heimischer Provenienz hat im oberösterreichischen Trattenbachtal Tradition. In den dortigen Messerschmieden wurden schon seit dem 16. Jahrhundert Taschenmesser erzeugt. Dies war den Messererzünften vorbehalten, wobei es zwischen Trattenbachern und Steinbachern immer wieder zu Rivalitäten kam, die erst durch die Schaffung einer gemeinsamen Innung weitgehend beigelegt werden konnten.

Manche dieser früh entstandenen Feitel sind reich mit geschnitzten Ornamenten oder sogar Schildpattintarsien verziert. Obwohl Taschenfeitel (so die in Österreich dafür gängige Bezeichnung) in durchaus bedeutenden Stückzahlen hergestellt, international weit verbreitet waren, konnten diese im Vergleich mit günstigeren Importmessern, etwa aus Solingen, im 20. Jahrhundert nicht mehr konkurrieren.

Die Feitel österreichischer Provenienz kann man eindeutig an ihren regional typischen Eigenheiten erkennen. Die Trattenbacher Feitel umgangssprachlich auch „Trattenbacher Zauckerl“ bezeichnet, haben keine fixierbare Klinge sowie Holzgriffe. Bis in die 1920er Jahre waren dies leistbare Arbeitsmesser. Vergleichbar sind sie in gewisser Weise mit den Messern von Opinel aus Frankreich. Weit über Frankreich hinaus berühmt sind die Messer aus Laguiole, womit keine Marke im engeren Sinn bezeichnet ist, sondern die in dieser Region ansässigen Messerschmieden. Manche von ihnen stellen auch heute noch sehr gute und dementsprechend teure Messer her.

Nicht bei allen Klappmessern kann die Klinge mittels des Ressorts verlässlich gehalten werden. Bei manchen ersetzt diese Funktion ein Lederband, das an einer Öse am Messerrücken befestigt ist und einige Male um das Handgelenk geschlungen wird.

Messer mit einer guten und haltbaren Klinge hatte man in der Regel ein Leben lang. Abgesehen von den Freizeit-Taschenmessern waren und sind sie auch beim Fischen und der Jagd unverzichtbar. Ein gut gepflegtes Messer wird zudem mit den Jahren immer schöner – Grund genug, es entsprechend zu pflegen. Das eingangs erwähnte Messer ist im übrigen schon lange verschollen, die Faszination für handwerklich qualitätvolle Taschenmesser ist dem Autor jedoch geblieben.

Thomas Kahler, Ärzte Woche 21/2015

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