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Wiener Musikverein, Entwurf Theophil Hansen
© Bakalowits (4)


Parlament Wien


Klassischer Entwurf: Josef Hoffmann mit Bakalowits


Zeitgenössischer Entwurf:Lusterensemble Peacock Alley

 
Leben 5. Mai 2015

Große Erleuchtung

Repräsentativen Räumen verleihen Luster Eleganz und Atmosphäre. Eine Wiener Firma zählt seit 170 Jahren zu den weltweit führenden Unternehmen auf diesem Gebiet.

Edle Luster wirken im Raum, auch wenn sie nicht leuchten. Bei Bakalowits pflegt man die Familientradition der Lustererzeugung seit mehreren Generationen.

Einen Luster zu besitzen, war schon immer etwas Besonderes. Zu Zeiten ohne elektrische Beleuchtung spiegelten sich die zahlreichen Kerzenflammen im edlen Kristallbehang, an dem man die Qualität dieser hochwertigen Beleuchtungskörper erkennen konnte. Fein facettierte Barockpendel – so die Bezeichnung der Glaskörper auf klassischen Lustern – sorgen für die unnachahmliche Brillanz, welche einen exquisiten Luster auszeichnet.

Die Formen und Größen waren immer der jeweiligen Einrichtungsmode unterworfen: Während der Barockzeit schätzte man ausladende feuervergoldete Luster, in der Zeit des Empire hingegen zählten etwa Korbluster zur ersten Wahl, und während des Biedermeier schätzte man der Raumhöhen und -größen wegen eher kleinformatigere Luster. Die Größe der Luster änderte sich während des Historismus, da die generell hohen Räume raumbeherrschende Entwürfe verlangten. „Luster sind seit jeher Investitions- und keine Verbrauchsgüter, wenn solch ein Luster hängt, dann hängt er“, so Sophie Bakalowits, die zusammen mit ihrem Mann nun in der fünften Generation die Geschicke des Familienunternehmens leitet.

Vom Glaser zum Glasverleger

Begonnen hat die Unternehmensgeschichte – damals noch in bescheidenem Umfang – vor 170 Jahren: Der Firmengründer Elias Bakalowits kam aus Vukovar nach Wien und begann dort eine Glaserlehre. Bei Ignaz Mayer auf der Tuchlauben, einem der ältesten Geschäfte für Glaswaren, erhielt er den Feinschliff, bevor er für Ludwig Lobmeyr arbeitete. Dies war der Beginn einer tiefen Freundschaft zwischen den beiden Familien und Basis für die im Bedarfsfall geschäftliche Zusammenarbeit. Der Erstgeborene der Familie Bakalowits und Lobmeyr erhielt jeweils den Namen Ludwig.

1861 verstarb Elias Bakalowits überraschend, seine Frau Therese musste die Geschäfte fortführen. Mit dem Bau der Ringstraße und der den Boulevard säumenden prachtvollen Palais und öffentlichen Prachtbauten kam es zu äußerst lukrativen Großaufträgen. Durch die Zusammenarbeit mit Architekt Theophil Hansen konnten zahlreiche Projekte verwirklicht werden. „Bei solch einer Fülle an Aufträgen haben die beiden Firmen Bakalowits und Lobmeyr verständlicherweise zusammengearbeitet, ein Unternehmen allein hätte diese Fülle niemals bewältigen können“, so Aglaja Bakalowits. Zunächst wurden jedoch nicht nur Luster in der eigenen Manufaktur hergestellt, das Unternehmen fungierte auch als Glasverleger. „Ende des 19. Jahrhunderts unter der Firmenleitung von Ludwig Bakalowits, dem Sohn des Firmengründers, fiel etwa die Hälfte des Umsatzes auf Luster, die andere auf hochwertige Gebrauchsgegenstände aus Glas.“

In seiner Eigenschaft als Verleger ließ Ludwig Bakalowits Entwürfe beispielsweise von Koloman Moser, Oswald Haerdtl, Josef Hoffmann, Otto Prutscher, Otto Wagner und Joseph Olbrich anfertigen und in böhmischen Glashütten wie Johann Lötz Witwe, Meyers Neffe, sowie Wilhelm Kralik Sohn ausführen. Den Vertrieb übernahm Bakalowits dafür europaweit. Derzeit sind diese speziellen Glasobjekte bei Bakalowits jedoch nicht im Sortiment erhältlich. Die Blütezeit dieser Verlagstätigkeit lag zwischen 1899 und 1908. Bereits seit 1890 führte die Firma E. Bakalowits und Söhne den Titel eines k.u.k. Hoflieferanten, im gleichen Jahr wurden die Luster für die Elektrifizierung der Neuen Hofburg geliefert.

Internationale Maßstäbe

Ludwig Bakalowits setzte schon damals auf Export: Die Weltausstellungen in Chicago (1893) und Paris (1900) sorgten für ein entsprechendes Echo, Erzeugnisse aus dem Hause Bakalowits fanden sich alsbald an den ersten Adressen in Nizza, London, Genf und St. Petersburg. Nach 1918 musste das Unternehmen jedoch neu strukturiert werden; die Verbindungen zu den zuliefernden Firmen blieben aufrecht, zahlreiche Patente für Luster sorgten für den weiteren Geschäftserfolg.

Der Zweite Weltkrieg bedeutete eine Zäsur: Ludwig Bakalowits jun., der das Unternehmen nun in dritter Generation führte, ließ vorsorglich alle wertvollen Glaswaren in den tiefen Keller des Stammhauses in der Spiegelgasse bringen und den Zugang zumauern. Eine Stellage mit alten Gläsern täuschte über das Versteck hinweg. Dieses geschickte Vorgehen ermöglichte es dem Unternehmen, bereits kurz nach Kriegsende wieder aktiv tätig zu sein. Die Kontakte zu Swarovski, Riedel und Schöler & Co. gewährleisten weiterhin höchste Glas-Qualität.

1955 wurde der Auftrag der Beleuchtung des Burgtheaters und großer Teile der Staatsoper erteilt. In der Alten Hofburg erstrahlten die Luster in den Redoutensälen wieder in alter Pracht und Schönheit. Sie wurden durch den Großbrand 1992 zerstört und mussten neu aufgebaut werden. Auch das Parlament, das Wiener Rathaus oder Schloss Schönbrunn erstrahlen im Glanz von Bakalowits Lustern.

Anfang der 1960er Jahre entwarf das Unternehmen den damals größten Luster der Welt für das neue Parlamentsgebäude in Belgrad: Mit einem Durchmesser von 17 Metern und 19 Tonnen Gewicht war dieser wahrhaftig ein Luster der Superlative. Ein kleinerer, aber durchaus markanter Luster ist das Modell Mirakel, das Mitte der 1960er Jahre eine ganz ungewöhnliche, zeitgemäße Form bot. Seither wurden zahlreiche internationale Hotelprojekte und Botschaften im In- und Ausland nach eigenen Entwürfen ausgestattet. „Wir verfügen in etwa über 8.000 Entwürfe in unserem Archiv und sind immer daran interessiert, neue Materialien und neue Anwendungen für weiträumige Lichtinstallationen zu erproben“, so Aglaja Bakalowits. In der eigenen Werkstätte in Wien wird daher unermüdlich an essentiellen Weiterentwicklungen gearbeitet. Mittlerweile handelt es sich nicht mehr nur um konventionelle Luster, sondern großflächig-aufwändige Lichtsysteme. Die Zukunft des Familienunternehmens scheint jedenfalls gesichert, zumal bereits die sechste Generation dabei ist, diese tatkräftig mitzubestimmen.

Thomas Kahler, Ärzte Woche 18/2015

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