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© Venedig, Archivio Museo Fortuny
Mariano Fortuny y Madrazo, Delphos Robe, ca. 1920, Seide
© Courtesy of the Galleria Raffaella Cortese, Milan

T.J. Wilcox, Night-Cloaked Casati, 2008, Acetat-Print, Goldfolie auf Plexiglas, Collection Enea Righ

© Toronto, Art Gallery of Ontario

Augustus Edwin John, Marchesa Casati, 1919, Öl auf Leinwand

©  Paris, Centre Pompidou – Musée National d’Art Moderne/Palazzo Fortuny

Man Ray, Marchesa Casati, 1922Platindruck auf Arches Papier

 
Leben 24. Februar 2015

Muse der Avantgarde

Sie gilt bis heute als Stil-Ikone: Luisa Casati. Der extravaganten Adeligen ist derzeit eine umfangreiche Ausstellung im Palazzo Fortuny in Venedig gewidmet.

Reiche Erbin, Muse, Mäzenin: Luisa Marchesa Casati Stampa di Soncino war all dies in einem. Mit ihrem extravaganten unvergleichlichen Stil hat sie Kunst und Mode weit über den Beginn des 20. Jahrhunderts hinaus geprägt.

Sie wollte – nach eigenen Worten – ein lebendes Kunstwerk sein. Und genau dies hat sie mit den ihr zur Verfügung stehenden beträchtlichen finanziellen Mitteln zelebriert. Schon früh folgte die in einer schwerreichen Mailänder Familie Geborene eigenen Wegen. Kunst und Kultur spielten dabei von frühester Kindheit an eine entscheidende Rolle. Der Vater, Alberto Amman, hatte es mit dem in Pordenone ansässigen Unternehmen „Amman & Wepfer“, das auf dem Sektor industrieller Baumwollverarbeitung führend war, zu sagenhaftem Reichtum gebracht und war dafür durch König Umberto I. geadelt worden. Er starb als Luisa 13 Jahre alt war; die Mutter, Luisa Adele Rosa Maria Amman, war zwei Jahre zuvor verstorben. Luisa und ihre ältere Schwester Francesca galten als die reichsten italienischen Erbinnen ihrer Zeit. Luisa heiratete 1900 den Mailänder Marchese Camillo Casati Stampa di Soncino; 1901 wurde Tochter Cristina geboren, 1914 trennte sich das Paar.

Mit Gabriele D´Annunzio hatte Luisa Casati eine über zehn Jahre andauernde Affäre, in der sie jedoch unabhängig blieb, ohne sich der dominanten Persönlichkeit des Dichters zu beugen.

Was aber hat ihre Bewunderer sosehr für sie eingenommen? Ihre Erscheinung war schon durch ihre großen, dunkel umränderten, grünen Augen, die sie mithilfe von Belladonna, noch intensiver zur Wirkung brachte, und ihrem flammroten Haar äußerst beeindruckend.

Der nicht minder exzentrische Gabriele D‘Annunzio beschrieb dies so: „Aber ihr Zauber war viel komplexer und erzeugte viele andere Wunder. Durch welches Feuer transformierte sie ihre Lebensenergie in solch eine Schönheit von bewegender Kraft? Sie zeigte, wie wahr es ist, dass aller Zauber eine durch Kunst angeregte Verrücktheit ist. Aber was war die wirkliche Essenz dieses Wesens? War sie sich ihrem ständigen Drang zu Veränderung bewusst oder war sie für sich selbst undurchdringbar, ausgeschlossen von ihrem eigenen Geheimnis?“ Für den Dichter und Literaten blieb diese nur schwer fassbare Persönlichkeit Luisa Casatis, der er lebenslang verbunden blieb, offensichtlich undurchschaubar – wie für so viele andere seiner berühmten Zeitgenossen, die in den Bannkreis der Marchesa gerieten.

Extravaganter Luxus

Ab 1910 residierte sie im Palazzo Venier dei Leoni am Canale Grande in Venedig. Dort hielt die Casati Hof und scharte eine große Anzahl von Bewunderern um sich. Heute beherbergt das feudale Heim der Marchesa, als ehemaliges Domizil von Peggy Guggenheim, die bedeutende Peggy Guggenheim Collection. Legendär waren Casatis Soireen, legendär auch die Menagerie, in der sie Geparden, Affen und Schlangen hielt. Zwar ist die Liste englischer Exzentriker lang und durchaus beeindruckend, Luisa Casati hat sie aber in gewisser Weise alle überboten.

Neben Venedig waren Capri, Rom und Paris jene bevorzugten Orte, wo sie, wie im Palais Rose nahe der französischen Hauptstadt, samt ihrer Entourage ihrem dekadenten Lebenswandel frönte. Dennoch war Luisa Casati bei all dem darauf bedacht, nicht nur ihr beträchtliches Vermögen mit vollen Händen auszugeben, sondern als Muse und Mäzenin in der bildenden Kunst und der Mode beträchtliche Unterstützung zu leisten. Dies kam auch Mariano Fortuny y Madrazo zugute, in dessen Palast die derzeitige Retrospektive über das Leben und Wirken dieser ungewöhnlichen Frau zu sehen ist.

Luisa Casati scherte sich nicht um Konventionen und schuf in ihren Dependancen ein artifizielles Traumreich, das die Bühne für einen endlosen Maskenball voller üppiger Arrangements und Inszenierungen bot. In deren Mittelpunkt stand die Mysteriöse „Königin der Dekadenz“. Für ihre Zeitgenossen erschien sie skandalös, sie trug, gewandet in exquisite Roben führender Couturiers, lebende Schlangen als Schmuck und führte ihre zahmen Geparden an diamantbesetzten Leinen aus.

Muse und Mäzenin

Ihr Einfluss auf die Mode war und ist bis heute ungebrochen; so soll sie auch die Inspiration für die Panthère Kollektion des Hauses Cartier geliefert haben. Die Liste der Künstlerinnen und Künstler, die sie porträtierten und ihr auch literarisch sowie fotografisch schon zu Lebzeiten ein Denkmal setzten, ist lang. Berühmt ist die Aufnahme Man Rays von Luisa Casati und das Porträt, das der führende englische Porträtmaler, Augustus Edwin John, 1919, im Todesjahr ihrer Schwester, malte.

Luisa Casati war aber nicht nur Modell, sondern auch Mäzenin, die den künstlerischen Werdegang etwa der italienischen Futuristen F. T. Marinetti, Fortunato Depero und Umberto Boccioni maßgeblich förderte. Dieses luxuriös-ausschweifende Leben hatte seinen Preis: Die Folgen des Ersten Weltkrieges und die Ende der 1920er Jahre einsetzende Weltwirtschaftskrise führten dazu, dass Luisa Casati um 1930 etwa 25 Millionen US$ Schulden hatte. Das war das Ende eines fast 30 Jahre währenden Traums. Der größte Teil ihres ehemaligen Besitzes wurde versteigert, viele Kunstwerke, die Luise Casati zum Thema hatten, wanderten in Privatsammlungen. Nach ihrem finanziellen Ruin lebte sie in England im Kreise ihrer Bewunderer bis zu ihrem Tod. Sie starb am 1. Juni 1957 im Alter von 65 Jahren. 1954, drei Jahre davor, widmete ihr Jack Kerouac, der Poet der Beat-Generation, ein Gedicht:

„Marchesa Casati

Is a living doll

Pinned on my Frisco

Skid row wall

Her eyes are vast

Her skin is shiny

Blue veins

And wild red hair

Shoulders sweet & tiny

Love her

Love her

Sings the sea

Bluely

Moaning

In the Augustus John

de John

background“.

Es ist eine Huldigung an die Marchesa, die ihren großen finanziellen Reichtum nicht nur ihrer Selbstinszenierung opferte, sondern über ein Jahrhundert hinweg Künstler und bedeutende Modeschöpfer zu inspirieren verstand.

La Divina Marchesa Arte e vita di Luisa Casati dalla Belle Époque agli Anni folli bis 8. März 2015, Palazzo Fortuny, Venedig
www.fortuny.visitmuve.it

Thomas Kahler, Ärzte Woche 9/2015

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