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© Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Joos van Craesbeeck, Versuchung des heiligen Antonius, um 1650, Öl auf Leinwand
© Institut für Archäologie,Karl-Franzens-Universität Graz

Laokoon-Gruppe, Gipsabguss (Original: ca. 140 v. Chr., Marmor, Vatikanische Museen Rom)

© Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien

Michael Wutky, Die Spitze des Vesuvs beim Ausbruch, 1779, Öl auf Leinwand

© Szépmüvészeti Múzeum Budapest

Artemisia Gentileschi, Jael und Sisera, 1620, Öl auf Leinwand,

 
Leben 11. Februar 2015

Angst und Schrecken

„Die Lust am Schrecken – Ausdrucksformen des Grauens.“ Über dessen Faszination informiert die derzeit laufende Ausstellung in der Akademie der bildenden Künste Wien.

Seit jeher wurde in der bildenden Kunst die Konfrontation mit Extremen nicht gescheut. Das Schreckliche, Grauenerregende hat Künstler wie Betrachter schon immer fasziniert.

Die Darstellung von Furcht und Schrecken hat in der Literatur und bildenden Kunst über Jahrhunderte hinweg Tradition. Darstellungen der Hölle als Ort der Verdammnis wie etwa in den Portalreliefs romanischer Kirchen führen virtuos vor Augen, womit man als gläubiger Mensch bei fehlerhaftem Lebenswandel im Jenseits rechnen musste. Darin kommt das Schicksalhafte zum Ausdruck; der Kontext, in dem dies künstlerisch thematisiert wird, ist belehrend. In der Zeit der Gegenreformation diente etwa auch das bildlich ausgeschmückte Martyrium der Heiligen als probates Mittel, um abtrünnige Gläubige zur Umkehr zu bewegen und den ursprünglichen Glauben zu festigen.

Um das Grauen auf der Leinwand oder in einer Skulptur überzeugend darzustellen, bedarf es entsprechender Virtuosität. Schließlich soll das Gezeigte Erschütterung, oft aber auch Mitgefühl auslösen. Die Ausstellung in der Akademie der bildenden Künste Wien verdeutlicht dies anhand thematischer Stationen. Sie zeigen auf unterschiedliche Art und Weise wie und weshalb solch auch heute noch schockierend wirkende Themen künstlerisch verwirklicht wurden. Dabei spannt die 70 Werke umfassende Schau einen weiten Bogen, der von der Renaissance bis zum Klassizismus reicht, um sich dem Thema von verschiedenen Aspekten her anzunähern.

Das Repertoire des Grauens kennt über Jahrhunderte hinweg kaum Beschränkungen: All das, was erdacht und literarisch verfasst wurde, ließ sich bildhaft darstellen. Auf diese Weise konnten die oftmals drastischen Darstellungen ihre Wirkung voll entfalten, obwohl manches szenisch nur angedeutet wurde, um in der Phantasie des Betrachters vollendet zu werden – wie später vom Meister des Suspense, Alfred Hitchcock, meisterhaft zelebriert.

Medusa, Laokoon, Prometheus, Tantalus usw.

Als Paradebeispiel des Schrecklichen gilt jenes verstörende Meisterwerk Peter Paul Rubens „Das Haupt der Medusa“, mit der diese Schau eröffnet wird: Normalerweise befindet es sich in der Sammlung des Kunsthistorischen Museums und dient nun hier als eindrucksvolles Beispiel par excellence zur Illustration des Schreckens. Wie gebannt steht man vor diesem Bildnis und betrachtet das von Schlangen umgebene Haupt. Denn das abgeschlagene Haupt der Medusa mit vor Entsetzen geweiteten Augen wirkt auch noch im Tode. Mitgefühl ist hier – zugegebenermaßen – fehl am Platz.

Ganz anders ist dies im Fall der Laokoon-Gruppe. Sie gilt, hier in einer naturgetreuen Kopie des 19. Jahrhunderts zu sehen, als berühmteste erhaltene Skulptur der Antike und zeigt den aussichtslosen Kampf Laokoons und dessen Söhnen Antiphantes und Thymbraeus gegen die Seeschlangen. Furcht, Leiden und Tod sind die beherrschenden Themen. Dem grausamen Schicksal entgeht keiner der drei; für seine Verfehlung muss nicht nur Laokoon selbst, sondern müssen auch seine beiden Söhne büßen. Der Einfluss dieser Darstellung auf Generationen bildender Künstler blieb ungeheuer groß. Sich mit den Göttern zu messen oder sich deren Unmut zuzuziehen, hat oft genug furchtbare Konsequenzen.

Das wird auch an jenen Bildern deutlich, die das Schicksal von Prometheus und Tantalus zeigen, die beide zu ewigen Qualen verdammt sind. Für den humanistisch gebildeten Betrachter waren dies jedoch keine moralischen Lehrstücke, sondern Beispiele menschlicher Vermessenheit, die in letzter Konsequenz an einem philosophischen Problem rühren, nämlich an dem der willentlich freien Entscheidung des Menschen, die im modernen Sinn die Eigenverantwortung bedeutet, durch die sich der Mensch den göttlichen Weisungen widersetzt.

Furchtbares Schauspiel

Die Lust am Grauen ist auch die Lust am Schauen. Was heute in reißerischer Boulevard-Manier in den Medien präsentiert wird, hatte schon früher Konjunktur. So waren öffentliche Hinrichtungen etwa ein Schauspiel, für das sogar Eintrittskarten verkauft wurden, um die Schau- und Sensationslust der Menge zu befriedigen. Der moralische Imperativ war auch da von erheblicher Bedeutung. Wie nahe Tragik und Kaltblütigkeit beieinander liegen, zeigt das klassische Thema von Judith und Holofernes. Dessen Darstellung von Artemisia Gentileschis sowie von Johann Liss zeigen, wie Schönheit und kaltblütige Grausamkeit in einem geradezu krassen und verstörenden Widerspruch zueinanderstehen.

Demgegenüber steht die Gewalt der Natur, der sich der Mensch voller Demut beugen muss und an der sich ermessen lässt, wie unbedeutend dazu die eigene Existenz ist. Der Ausbruch des Vesuvs hat bis ins 19. Jahrhundert immer wieder Maler dazu animiert, das Naturschauspiel der gewaltigen Eruptionen und der nicht zu bändigenden Lavaströme aus sicherer Distanz festzuhalten. Dabei wirken diese Szenerien ähnlich beunruhigend wie Darstellungen der Sintflut oder majestätischer Bergwelten, dazu gemacht, um den Betrachter erschauern zu lassen.

Aber der Schrecken kann auch ganz andere Formen annehmen, denn die Kraft der Vorstellung allein schafft äußerst beunruhigende Szenerien. Gleich zwei eindrucksvolle Beispiele bilden den krönenden Abschluss dieser Tour des Schauderns: Das ist zum einen die „Versuchung des Antonius“ von Joos van Craesbeeck, um 1560 und zum anderen das weltberühmte Triptychon „Das jüngste Gericht“ von Hieronymus Bosch. Einerseits rauben einem die grauenerregenden Visionen fast den Verstand, andererseits bietet das Szenario der Hölle und ihres Gebieters mit dem darüber thronenden Allmächtigen Stoff für Albträume. Vielleicht ist dies Ansporn genug, in sich zu gehen und sich die Frage nach der eigenen „Lust am Schrecken“ zu stellen.

„Lust am Schrecken. Ausdrucksformen des Grauens“, Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien, bis 15. März 2015
www.akademiegalerie.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 7/2015

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