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© Wien, Kunsthistorisches Museum
Infantin Margarita Teresa (1651-1673) in blauem Kleid, Diego Velázquez, 1659, Öl auf Leinwand, 126 cm x 106 cm

© Thomas Kahler

Anton Fischer (re.), Vizepräsident des Diamant-Club Wien zusammen mit KR Wilfried Haas, Präsident des Diamant-Club Wien

© Standaard Boekhandel Antwerpen, 1963

Broschüre aus dem Jahr 1963.

 
Leben 2. Februar 2015

Das blaue Wunder

Ein Diamant im Lauf der Geschichte: Die Biographie des „Blauen Wittelsbachers“ ist in zweierlei Hinsicht mit Wien verbunden.

In der derzeitigen Ausstellung der Meisterwerke Diego Velázquez‘ im Kunsthistorischen Museum in Wien ist auch das berühmte Porträt Margarita Teresas, Tochter von König Philip IV von Spanien, zu sehen. Wenig bekannt ist die bewegte Geschichte des berühmten Diamanten, den sie gefasst als Brosche trägt.

Vor 350 Jahren trat der „Blaue Wittelsbacher“, einer der wohl berühmtesten und auch teuersten Diamanten der Geschichte erstmals und noch dazu sehr prominent ins Rampenlicht: Diego Velázquez hat als Hofmaler am Madrider Hof die Infantin Margarita Teresa mehrfach porträtiert. Auf einem dieser Gemälde trägt sie als Achtjährige am Ausschnitt ihres kunstvoll verbrämten blauen Kleides den gefassten Diamanten. Damit sollte der Liebreiz der Nichte und zukünftigen Braut Kaiser Leopold I ins rechte Licht gerückt werden. Als sie ihn schließlich ehelichte, war Margarita Teresa knapp 16 Jahre alt und brachte eine reiche Mitgift in die Ehe, darunter besagten Diamanten. Dieser zählt zusammen mit dem „Hope“-Diamanten mit 45 Karat, dem „Koh-I-Noor“ mit 186 Karat und dem „Orloff“ mit 189,62 Karat zur kleinen Gruppe wahrhaft außergewöhnlicher Diamanten.

Die Herkunft des Steins ließ sich bis heute nicht verlässlich klären. Wie auch die anderen dieser illus-tren Gruppe, kann er jedoch aufgrund seiner Beschaffenheit einem Fundort in Indien zugeordnet werden. Nach dem frühen Tod Margarita Teresas, die ihre Vermählung nur um sechseinhalb Jahre überlebte, verblieb der blaue Diamant im Österreichischen Kronschatz. In einem nach ihrem Ableben aufgesetzten Inventar vom 23. März 1673 wird der berühmte Diamant mit folgenden Worten erwähnt: „Ein großes Brust-Kleinod in der Mitte ein großer blauer dickh-Diamant mit einer Maschen, wo dazu gehört mit rubins.“

Von Wien nach Bayern

Durch die Heirat der Erzherzogin Maria Amalia, Tochter Kaiser Joseph I, mit Kurprinz Karl Albrecht von Bayern kam der Diamant in die Schatzkammer des Hauses Wittelsbach, daher rührt auch der Name „Blauer Wittelsbacher“. Die Fassung des Steins wurde im 18. Jahrhundert verändert. Er war nun in Form des Ordenszeichens des Goldenen Vlieses gefasst. 1774 wurde der Stein in einem Inventar der Schatzkammer des Kurfürsten Maximilian III Joseph wie folgt beschrieben: „Der Stein war von so ausnehmender Schönheit, Reinheit und Farbe, dass kein gleichartiger zu finden ist. Er hat ein Gewicht von 36 Karat.“

Bei besonderen Anlässen wurde der blaue Diamant zudem in die Königskrone eingesetzt und gab auch dem letzten bayerischen Monarchen, Ludwig III, das letzte Geleit bei seiner Beisetzung in der Theatinerkirche in München. Nach dem ersten Weltkrieg sollte der berühmte Diamant im Zuge des Wittelsbacher Ausgleichsfonds versteigert werden. Da das abgegebene Gebot zu niedrig war, fand der Verkauf jedoch nicht statt. Mehr als 30 Jahre blieb danach der „Blaue Wittelsbacher“ verschwunden. Es kursieren unterschiedliche Gerüchte darüber, wer ihn in dieser Zeit besessen hat. Nichts davon lässt sich jedoch durch Fakten erhärten.

Verschollen und wiedergefunden

Die Versteigerung des „Blauen Wittelsbachers“ 2008 bei Christie’s brachte eine weitere faszinierende Geschichte zum Vorschein: Anton Fischer, der 2014 verstorbene Vizepräsident des Diamant-Club Wien, hatte nämlich besagten Stein in Händen. In einem Gespräch erinnerte sich Anton Fischer an die Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Stein. „Ich hatte Anfang der 1960er-Jahre die Österreichvertretung für die Firma J. Komkommer Wien, Antwerpen. Ich war für einige Tage in Antwerpen und in Herrn Komkommers Büro. Da kam Herr Komkommer, der gerade mit einigen Diamanthändlern verhandelt hatte, und zeigte mir einen Stein beträchtlichen Ausmaßes mit den Worten ‚Herr Fischer, Sie verstehen was von Altschliff, was ist das und welchen Wert hat dieser Stein?‘ Ich war zunächst ratlos und antwortete, dass ich sehr wohl etwas von Diamanten, aber wenig von Saphiren verstünde. Er bestand aber darauf, dass ich den Stein näher in Augenschein nehmen sollte. Zunächst fiel mir der Schliff auf und die besondere, außergewöhnlich schöne blaue Farbe. Natürlich war meine Überraschung umso größer, als mir bestätigt wurde, dass das, was ich in Händen hielt, tatsächlich ein Diamant sei.“

Wie jedoch kam der „Blaue Wittelsbacher“ in die Hände von J. Komkommer? Wie der Broschüre von K. de Smet mit dem Titel „ Der grosse blaue Diamant“, erschienen 1963, zu entnehmen ist, wurde ihm der Stein von einem Konsortium zum Kauf angeboten. Für den Diamantär in fünfter Generation war dieser Stein kein alltäglicher Anblick: „Der Stein von bedeutender Abmessung, 35,5 Karat (über 7 Gramm), ist rein (...). Die tiefblaue Glut ist überall die gleiche; das Schleifmuster habe ich niemals vorher gesehen; ich zähle etwa 50 Facetten, die in einer ganz besonderen Weise symmetrisch angebracht wurden. Die Polierarbeit ist von außergewöhnlicher Art, wie unsere allerbesten Schleifer sie heute nicht mehr machen können.“

Noch wusste Komkommer nicht, um welchen Diamanten es sich hierbei handelte und konsultierte das „Diamond Dictionary“ des renommierten „Gemological Institute of America“. Er begann bei „A“, sein Sohn bei „Z“ und sie wurden bei „W“ fündig: Kein Zweifel, es handelte sich um den seit Jahrzehnten verschollenen „Blauen Wittelsbacher“. Anton Fischer hätte den berühmten Diamanten zurück nach Wien bringen können, doch wie er selbst dazu bemerkte: „Ich hatte dafür keinen Käufer.“ Bevor der „Blaue Wittelsbacher“ 2008 von Graff in London ersteigert wurde, befand er sich im Besitz von Heidi Horten. Bei einem von Graff für den neuen Besitzer in Auftrag gegebenen Neuschliff sollten Farbe und Brillanz verbessert werden. Dabei verlor der berühmte Stein, der nun als „Wittelsbach-Graff“ tituliert wird, nicht nur an ursprünglichem Gewicht (heute 31,06 Karat), sondern auch seine über 350 Jahre unverändert gebliebene Erscheinung.

Die Ausstellung ist noch bis 15. Februar zu sehen, das Bild der Infantin Margarita Teresa ist aber im Kunsthistorischen Museum daheim.
www.khm.at, www.gia.edu

Thomas Kahler, Ärzte Woche 6/2015

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