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Vor- und frühgermanische Felszeichnungen (2000-500 v.Chr.) in Südschweden.

Isis säugt Thutmosis III., um 1426 v. Chr. Das früheste ägyptische Bild einer Reihe von Darstellungen einer ’Baumgöttin‘ als Nährmutter im Jenseits.

© (5) Stiftung Internationales Baum-Archiv (IBA)

Die Linde von Linn in der Nähe der Stamm-Habsburg, geschätzt auf 800 Jahre.

 

Gnadenbild „Madonna della Quercia“, um 1550, Ascona

 
Leben 26. Jänner 2015

Bäume als Denkmal

Nicht nur der biblische Baum der Erkenntnis hat kulturell einen speziellen Stellenwert: Alte und mächtige Bäume haben generell kulturhistorisch hohe Bedeutung.

Im weltweit einzigartigen „Internationalen Baum-Archiv“ (IBA) in der Schweiz bei Winterthur ist in über 2.000 Fotografien und umfangreichen kulturhistorischen Zeugnissen das Wissen über markante Baumdenkmäler und Wälder dokumentiert.

Was bedeutet dem Menschen ein Baum? Als Stammbaum verweist er auf die Genealogie eines Geschlechtes. Als markantes Baumdenkmal wirkt solch ein Naturwunder beeindruckend und kennzeichnet, wie etwa eine zentralgelegene Linde auf einem Platz, diesen als Versammlungs- und Tanzort. Ein solcher Baum hat kulturhistorisch für ein Gemeinwesen also wichtige, durch Überlieferung tradierte Funktionen. In Anbetracht manch eines alten Baumes kommt man zudem über die Dauer der eigenen Existenz ins Sinnieren.

Der Standort, die Beschaffenheit des Bodens, das Klima und weitere äußere Einflüsse entscheiden darüber, ob ein Baum gedeihen und in Würde alt werden kann. Warum solche Bäume gepflanzt wurden, das hat außer den bereits erwähnten Gründen oft auch historische Ursachen. Die Linden, Eschen, Eichen, Eiben, Fichten, Platanen, Olivenbäume oder auch Ulmen, deren Bestehen mehrere Generationen menschlichen Daseins überdauert hat, wie etwa die 1000-jährige Eiche bei Bad Blumau, die als älteste Eiche Europas gilt, sind jedoch selten und deshalb kulturell bedeutsam.

Das Archiv der Bäume

Vor 40 Jahren fasste die Schweizer Berufsfotografin Verena Eggmann den Entschluss, sich abseits der berufsmäßigen Bildreportage einem eigenen Thema zu widmen. Der Anlass, bedeutende Bäume und Wälder in der Schweiz zu dokumentieren, war die erste Begegnung mit der „Linner Linde“, der mächtigsten Linde der Schweiz, die unweit der Habsburg im Kanton Aargau zu finden ist.

Bernd Steiner, der mit Verena Eggmann verheiratet war, erinnert sich daran, was das Besondere am Thema „Baum“ war, um sich damit zunächst fotografisch auseinanderzusetzen: „Der Baum hat Gestalt, ein Wald aus Bäumen bietet Raum, das sind zwei unterschiedliche optische Blicke.“ Diese beiden besonderen Qualitäten waren der Ausgangspunkt dafür, alte, markante Bäume und Wälder nicht nur fotografisch zu dokumentieren, sondern zudem die kulturhistorischen Hintergründe, wie etwa regional damit verbundene Legenden, zu erforschen. 1989 entstand so das Internationale Baum-Archiv (IBA). 1995 legten Bernd Steiner und Verena Eggmann mit dem Buch „Baumzeit“ ein umfassendes Kompendium vor, das zusammen mit den Fotografien bedeutender Bäume auch die damit verbundenen Geschichten und Mythen umfasste.

Als ehemaliger Journalist führte Bernd Steiner bis zum Tod von Verena Eggmann und darüber hinaus die Recherchen zu einer möglichst umfassenden Bestandsaufnahme. 18 Länder inklusive Australien bereiste er auf der Suche nach Baumdenkmälern. In dem weltweit einmaligen Archiv, in dem sich 2000 Fotografien von Baumdenkmälern, zahlreiche Artefakte und schriftliche Zeugnisse zu deren Bedeutung befinden, waren von 1997 bis 2007 die umfangreichen Bestände in wechselnden Ausstellungen zu sehen. Dann zog sich der Mäzen zurück, das Geld von Stadt und Kanton allein reichte nicht aus, den Betrieb aufrecht zu erhalten. So schloss diese einmalige Einrichtung gezwungenermaßen ihre Pforten. Bernd Steiners jetzige Frau, die Naturpädagogin Silvia Haubensack, erweiterte nicht nur zusammen mit ihm die Sammlung, sondern vermittelte in den zehn Jahren über 40.000 Besuchern einen Eindruck vom Reichtum dieser Sammlung, die mittlerweile den Status einer Stiftung hat.

Ideengeschichte des Baumes

Nach der Schließung des Museumsbetriebes fand Bernd Steiner Zeit, eine „Ideengeschichte des Baumes“, die ihm schon lange vorschwebte, in Angriff zu nehmen. Bislang fehlte solch ein fundiertes Werk, um den kulturgeschichtlichen Hintergrund sakraler Bäume und Haine verständlich zu machen. Fünf Jahre nahm die Arbeit daran in Anspruch.

Warum aber haben Bäume überhaupt eine sakrale Bedeutung? Einer der Gründe dafür liegt darin, dass Bäume den Lebenskreislauf verdeutlichen. Markante einzeln stehende Bäume oder Haine mit dem Göttlichen in Verbindung zu bringen, hat eine lange Tradition. Deren Ursprung liegt in Ägypten, wobei der Baum hier als Medium für das Göttliche – etwa Isis – gilt, nicht aber die Gottheit selbst symbolisiert. Im Alten Testament ist es der Baum der Erkenntnis, in dem sich göttliches Wissen manifestiert.

Die mythologisch belebte Natur hat in der griechischen und römischen Antike ebenfalls einen zentralen Stellenwert. So etwa in der Geschichte von Apollo und Daphne, einer Nymphe, die sich den Nachstellungen des Gottes nur dadurch entziehen konnte, dass sie von ihrem Vater Peneus in einen Lorbeerbaum verwandelt wurde. Der Ölbaum, ein weiterer „Heiliger Baum“, ging aus einem Wettstreit zwischen Athene und Poseidon hervor und ist deshalb als Attribut der Göttin heilig. Heilige Haine spielen in Verbindung mit bestimmten kultischen Handlungen eine ebenso wichtige Rolle. In der nordischen Mythologie hat die Weltenesche Yggdrasil als Weltenbaum eine universelle Bedeutung.

Über Jahrhunderte hinweg ist das Baum-Motiv in Kunst und Literatur präsent, oft auch mit volkstümlichen Sagen verknüpft, wie etwa der „Birnbaum auf dem Walserfeld“ bei Salzburg. Nach der Legende von Kaiser Karl im Untersberg ist er als „Gerichtsbaum“ zu deuten, wobei der ursprüngliche Baum durch eine Neupflanzung ersetzt werden musste.

Zur Kulturgeschichte sakraler Bäume und Haine bietet Bernd Steiners Buch fundiertes Wissen, gewonnen aus mehreren Jahrzehnten der Beschäftigung mit dem Thema „Baum“, in einem weiten kulturhistorischen Kontext. Die Bedeutung der Stiftung Internationales Baum-Archiv (IBA) scheint offenbar erkannt worden zu sein: Ab kommendem Frühjahr werden die Baum-Archiv-Bestände im Naturama Aargau, dem ehemaligen „Aargauischen Natur- und Heimatmuseum“, das auf eine fast 200-jährige Geschichte zurückblicken kann, wieder zugänglich sein.

www.baumarchiv.ch

Thomas Kahler, Ärzte Woche 4/2015

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