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Schmerz 10. Mai 2007

Schmerzen besser verstehen

Hochwirksame medikamentöse sowie nicht-medikamentöse Methoden stehen heute zur Schmerzbehandlung zur Verfügung. Dennoch ist die Versorgung nicht bei allen Patienten optimal, vor allem ältere Menschen sind betroffen. Die demografische Entwicklung wird zu einer Verschärfung der Problematik beitragen. Interaktive Fortbildung soll eine Brücke zwischen Theorie und Praxis, Medizin und Pharmazie sowie zentralen und peripheren Versorgungseinrichtungen schlagen, wie Prof. Dr. Wilfried Ilias, Initiator der „Südbahn Schmerzgespräche“, betont.

Schmerzen zählen zu den häufigsten Symptomen, mit denen Menschen während ihres Lebens konfrontiert sind. Für einen weiten Kreis medizinischer Berufsgruppen gehört die Thematik daher zur täglichen Routine. Wer mit Schmerzpatienten zu tun hat, sieht sich jedoch häufig mit schwer zu durchschauenden neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten, aber auch bürokratischen Strukturen konfrontiert. Prof. Dr. Wilfried Ilias, Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Wien, hat unter diesem Aspekt vor drei Jahren die „Südbahn Schmerzgespräche“ ins Leben gerufen. Die praxisorientierte Tagung fand Anfang März wie schon in den Jahren davor in Reichenau an der Rax statt. In der nostalgischen Umgebung mit medizinischer Tradition konnte unter Beteiligung namhafter Experten das Ziel der Information, Kommunikation und Diskussion optimal umgesetzt werden.
Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE resümiert Ilias bisherige Highlights und gibt einen Ausblick in die Zukunft der Fortbildungsveranstaltung.

Sie haben die „Südbahn Schmerzgespräche“ vor nunmehr drei Jahren ins Leben gerufen. Welche Motivation stand hinter der Idee?
Ilias: Das Problem war, dass Schmerztagungen zunehmend spezifischer wurden und wir immer wieder dieselbe Klientel angesprochen haben. Die hochdifferenzierten Themen der Kongresse waren hauptsächlich auf Krankenhausärzte und Jungwissenschaftler zugeschnitten. Jene aber, die für die Primärversorgung zuständig sind, nämlich die niedergelassenen Ärzte, kamen kaum mehr zu diesen Veranstaltungen. Durch das Ansinnen, ein eigenes Schmerzdiplom zu schaffen, kam vor allem bei Allgemeinmedizinern die Befürchtung hinzu, dass ihnen generell die Primärversorgung der Schmerzpatienten entzogen würde. Wir wollten uns also wieder mehr an den niedergelassenen Arzt wenden.

Die „Südbahn Schmerzgespräche“ sollen also vor allem Niedergelassene ansprechen? Die Thematik ist auffallend weit gefächert, wo liegen die Schnittflächen?
Ilias: Ziel der Veranstaltung ist es, den neuesten wissenschaftlichen Stand der Schmerzmedizin verständlich zu vermitteln und gleichzeitig vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Fachbereiche interdisziplinäre Diskussionen anzuregen. Die Themen Schmerztherapie, Palliativ- und Suchtmedizin können über physio­logische und pharmakologische Gemeinsamkeiten sinnvoll verknüpft werden und bieten auch in Hinsicht auf sozioökonomische Aspekte ausreichend Informations- und Diskussionsgehalt. Heuer haben wir auch verstärkt komplementärmedizinische Themen in das Programm eingebracht. Das soll auch 2008 so weitergeführt werden. Mittlerweile gibt es auch für diesen Bereich ausreichend wissenschaftliche Grundlagen. Schwerpunkt ist und bleibt, den praktischen Arzt anzusprechen sowie Verunsicherungen und Ängste zu nehmen. Das betrifft das Näherbringen bereits etablierter medikamentöser Therapien genauso wie die Vorstellung neuer Arzneimittel und deren Wechsel- bzw. Nebenwirkungen sowie traditioneller medizinischer Methoden. Auch ernährungsmedizinische und diätetische Aspekte auf solider Basis haben durchaus ihren Platz. Wichtig sind klare Abgrenzungen gegenüber schulmedizinischen Bereichen. Ebenso werden fachpolitische Themen und bürokratische Hürden des Praxisalltags wie e-Card oder ELGA (Elektronische Gesundheitsakte) angesprochen. Nicht zuletzt sollte der gesamte Personenkreis, der in die medizinische Versorgung eingebunden ist, auch in die Diskussionen eingebunden werden. Hierzu zählen durchaus auch der Verwaltungsapparat, ebenso wie mobile Schwestern, das Hilfswerk, Apotheker, aber auch Heilmasseure und verwandte Berufsfelder. Interdisziplinäre Synergien sollten, wenn immer möglich, sinnvoll genutzt werden.

Es gab heuer etliche „neuraltherapeutische“ Vorträge. Liegt Ihnen das Thema Neural­therapie besonders am Herzen?
Ilias: Anhand der Neuraltherapie lässt sich die ganzheitliche Sichtweise besonders gut darstellen. Ihr Einsatzgebiet umfasst vom Kopf und den hier befindlichen Muskeln bis hin zu den Extremitäten auch das gesamte Gerüst dazwischen. Passiert etwas an einem Teil des Körpers, kann das Auswirkungen auf alle anderen Bereiche haben – vergleichbar mit einem Tellerstoß, der in sich zusammenbricht, wenn Veränderungen am einen Ende nicht auf der anderen Seite ausgeglichen werden. Dementsprechend hatten wir eine Vielzahl an Vorträgen zu neuraltherapeutischen Anwendungsgebieten. Beispielsweise lassen sich durch die Gnathodynamik viele Schmerzbilder erklären. Weitere Referate umfassten das neuraltherapeutische Management bei Rücken- und Kopfschmerzen oder auch beim chronischen Müdigkeitssyndrom. Ursprünglich beinahe religiös anmutende Dogmen können heute schulmedizinisch gut erklärt werden. Der Österreichischen Gesellschaft für Neuraltherapie war es immer ein Anliegen, die neuraltherapeutischen Methoden auf eine solide Grundlage zu stellen und wissenschaftlich zu fundieren. Wir wissen heute, dass Phänomene bei Entzündungen oder Verletzungen über ein sehr komplexes Matrixgerüst- und Enzymsystem ablaufen, dessen Zusammensetzung mittlerweile weitgehend bekannt ist. Diese Grundsubstanz findet sich aber nicht nur unter unserem größten Organ, der Haut, sondern in jedem Organ, das wiederum über diesen Gerüstcharakter in den Organismus integriert ist. Erst kürzlich erschien darüber ein Artikel im renommierten Journal of the Federation of American Societies for Experimental Biology. Ein weiterer Bericht befasste sich mit der Interferenz von Lokal­anästhetika und der Adhäsivität von Leukozyten an der Endothel­innenwand.

Das heißt also Rundum-Information für den „an der Front tätigen“ Arzt?
Ilias: Ich meine, Medizin muss grundsätzlich praktizierbar und „lebbar“ sein. Wir müssen den Leuten, die an der Front kämpfen, das theoretische Rüstzeug mitgeben, dass sie ihre Patienten so versorgen können, dass sich diese gut aufgehoben fühlen. Ziel ist es, die medizinische Grundversorgung weiter zu verbessern. Neben der Schmerzproblematik haben wir daher auch andere praxisrelevante Themen aufgegriffen. So gab es Vorträge zur Suchtproblematik, über Sportverletzungen, aber auch neurologische, gynäkologische und onkologische Beiträge. Die Themenwahl ist durchaus gut angekommen. Wichtig sind auch die Erfahrungsberichte von Dr. Milan Kornfeind zum Thema „Arzt als Unternehmer“. Da geht es einfach um Probleme, mit denen der Niedergelassene im tagtäglichen Dschungel der Bürokratie konfrontiert ist, wie Verrechnungsmethoden, Überweisungsformulare oder chefärztliche Bewilligungen. Was die e-Card betrifft, gibt es zwar nach wie vor Kinderkrankheiten, aber es kristallisieren sich auch zunehmend Vorteile heraus. Ganz aktuell war das Thema ELGA. Ebenso wichtig ist die Kooperation zwischen Ärzten und Apothekern und die Organisation zwischen Krankenhäusern und dem niedergelassenen Bereich. Auch hier ist einiges noch verbesserungswürdig, damit der Patient nicht auf der Strecke bleibt.

Was ist für die Zukunft geplant? Was kann 2008 noch verbessert werden?
Ilias: Die vierten Schmerzgespräche sollen auf die immer deutlicher werdenden Auswirkungen chronischer Schmerzerkrankungen auf unser Gesundheitssystem eingehen. Insbesondere soll auch berücksichtigt werden, dass die Österreichische Ärztekammer mit der Schaffung eines Diploms für vertiefte schmerztherapeutische Ausbildung den neuen Herausforderungen an die Ärzteschaft Rechnung getragen hat. Auch in Zukunft sollen die „Südbahn Schmerzgespräche“ eine Plattform für praxisorientierte Diskussionen darstellen. Ängste und Nöte des niedergelassenen Arztes müssen im Mittelpunkt stehen. Neben der Schmerzproblematik werden auch 2008 wieder weitere Themen, die unter den Nägeln brennen, sowohl aus dem medizinischen als auch fachpolitischen Bereich Platz finden. Geplant ist außerdem, ein E-Learning-System im Internet zu schaffen, in dem die jeweiligen Vorträge und Filme abrufbar sind. So werden die praxisrelevanten Themen auch verständlich und kompakt über diesen Weg verfügbar sein. Auch der parallel zur Tagung für die Bevölkerung in Neunkirchen, Reichenau und Gloggnitz aufgestellte „Schmerzinfobus“ erfreute sich heuer wieder regen Zustroms. Interessierte können sich hier gratis bei Experten informieren, und viele nützen diese Gelegenheit, erstmals mit einem Arzt über ihre Schmerzsymptome zu sprechen. Dieses Projekt soll 2008 natürlich weitergeführt werden.

Dr. Myriam-Hanna Klinger, Ärzte Woche

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